Sein spätes Debütalbum "No Time For Dreaming" machte den 62-jährigen New Yorker Charles Bradley zur Soul-Sensation
Kommenden
Dienstag gastiert der Schmerzensmann beim Wiener Jazzfest.
Wien - Wie fast jeder große Soulsänger hadert Charles Bradley mit dem
Schicksal. So sehr, dass er sogar dem Erfolg misstraut, der ihn nun spät
in seinem Leben ereilt. Gleichzeitig ist sein neues Glück den langen
Jahren des Unglücks geschuldet. Jahre, die der 62-jährige Sänger auf der
Straße oder später in schlecht bezahlten Jobs als Koch verbrachte.
Seinen Vater lernte der 1948 in Florida geborene Schmerzensmann nie
kennen. Mit 14 brannte er durch, übernachtete in den Parks von New York,
im Winter auf öffentlichen Toiletten, um nicht zu erfrieren. Er stahl
und betrog, tat alles, um irgendwie zu überleben, und fragte Gott, warum
dieser ihn so hart prüfe.
Auf den untersten Stufen der sozialen Leiter entstand eine Weltsicht,
die sich in seiner Musik auf atemberaubende Weise niederschlägt. Lauscht
man Bradleys heuer erschienenem Debütalbum No Time For Dreaming, fühlt
man sich in hohe Zeit des Soul zurückversetzt, als das subjektive und
kollektive Leid der Afroamerikaner, das zuvor in den Kirchen als Gospel
formuliert worden war, im weltlichen Soul seinen Ausdruck fand.
Charles Bradley klingt wie aus dem Zeitloch gekommen, wie die Giganten
des Fachs. Er besitzt die Inbrunst seines Vorbilds James Brown, die
Eleganz eines James Carr, die Energie eines Otis Redding, kurz: Charles
Bradley ist eine Sensation - und am kommenden Dienstag im Rahmen des
Wiener Jazzfest am Rathausplatz bei freiem Eintritt zu erleben.
Verantwortlich für die späte Karriere Bradleys ist im weitesten Sinne
Amy Winehouse. Der Produzent ihres 2006 erschienenen Hitalbum Back To
Black, Mark Ronson, verpflichtete damals die Hausband des New Yorker
Labels Daptone für den Soul-Sound auf Winehouse' Album.
Im Windschatten des Welterfolgs der britischen Skandalnudel erfuhr das
kleine, im Stadtteil Brooklyn beheimatete Label besondere Aufmerksamkeit
und lancierte so die Karrieren von Sharon Jones oder Lee Fields, die mit
den Formeln des klassischen Soul einen attraktiven Gegenentwurf zum
synthetischen Mainstream-Pop bilden.
Funky Dream-Team
Aus Teilen der Daptone-Hausband stammt auch die Bradley begleitende
Menahan Street Band. Thomas Brenneck, den Gründer der Gruppe, lernte
Bradley vor über zehn Jahren kennen, als er noch als Black Velvet mit
einer James-Brown-Tribute-Show Geld verdiente. Die Menahan Street Band
ist ein Kraftwerk im Zeichen des Funk und Soul, das keine Note zu viel
spielt.
Die Zusammenarbeit dieses Dream-Teams zeitigte nun das Wunder, dem
Bradley immer noch ein wenig misstraut. Doch Stück um Stück dürfte ihm
bewusst werden, dass diese späte Wende in seinem Leben kein Wachtraum
ist. Längst wird er von internationalen Festivals gebucht und bekehrt
ein größer werdendes Publikum zur Kunst des Deep Soul.
Mehr Soul und Gospel
Am Samstag bietet das Jazzfest zwei weitere Konzerte für dieselbe
Zielgruppe: Im Arkadenhof des Rathauses tritt Bettye Lavette auf. Eine
Soul-Veteranin, der Produzent Joe Henry 2005 mit dem Album I've Got My
Own Hell To Raise zu einer zweiten Karriere verhalf. Ihr folgen die
Blind Boys Of Alabama, die längstdienende Band der Welt. Gegründet 1939
in einem Schulprojekt für blinde Kinder, wurde sie eine der führenden
Truppen des Gospel, die alle Größen des Fachs begleitet hat.
Peter Gabriel veröffentlichte in den letzten zehn Jahren auf seinem
Label Real World Alben der Boys, auf denen sie mit Größen wie Tom Waits
oder Ben Harper spielen. Zwar ist nur noch ein Originalmitglied dabei,
der vokalen Urkraft dieser Formation tut das keinen Abbruch - noch so
ein Wunder. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2011)
Charles Bradley & Menahan Street Band: 12. 7. Rathausplatz 18.00
Bettye Lavette & Blind Boys Of Alabama: 9. 7. Arkadenhof im Rathaus, 20. 30