Jazzfest Wien

Tiefer Schmerz und wahre Schönheit

7. Juli 2011, 17:08
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    foto: daptone

    Der Soulkönig von Brooklyn: Charles Bradley gastiert nächste Woche bei freiem Eintritt beim Jazzfest Wien.

Sein spätes Debütalbum "No Time For Dreaming" machte den 62-jährigen New Yorker Charles Bradley zur Soul-Sensation

 Kommenden Dienstag gastiert der Schmerzensmann beim Wiener Jazzfest.

Wien - Wie fast jeder große Soulsänger hadert Charles Bradley mit dem Schicksal. So sehr, dass er sogar dem Erfolg misstraut, der ihn nun spät in seinem Leben ereilt. Gleichzeitig ist sein neues Glück den langen Jahren des Unglücks geschuldet. Jahre, die der 62-jährige Sänger auf der Straße oder später in schlecht bezahlten Jobs als Koch verbrachte.

Seinen Vater lernte der 1948 in Florida geborene Schmerzensmann nie kennen. Mit 14 brannte er durch, übernachtete in den Parks von New York, im Winter auf öffentlichen Toiletten, um nicht zu erfrieren. Er stahl und betrog, tat alles, um irgendwie zu überleben, und fragte Gott, warum dieser ihn so hart prüfe.

Auf den untersten Stufen der sozialen Leiter entstand eine Weltsicht, die sich in seiner Musik auf atemberaubende Weise niederschlägt. Lauscht man Bradleys heuer erschienenem Debütalbum No Time For Dreaming, fühlt man sich in hohe Zeit des Soul zurückversetzt, als das subjektive und kollektive Leid der Afroamerikaner, das zuvor in den Kirchen als Gospel formuliert worden war, im weltlichen Soul seinen Ausdruck fand.

Charles Bradley klingt wie aus dem Zeitloch gekommen, wie die Giganten des Fachs. Er besitzt die Inbrunst seines Vorbilds James Brown, die Eleganz eines James Carr, die Energie eines Otis Redding, kurz: Charles Bradley ist eine Sensation - und am kommenden Dienstag im Rahmen des Wiener Jazzfest am Rathausplatz bei freiem Eintritt zu erleben.

Verantwortlich für die späte Karriere Bradleys ist im weitesten Sinne Amy Winehouse. Der Produzent ihres 2006 erschienenen Hitalbum Back To Black, Mark Ronson, verpflichtete damals die Hausband des New Yorker Labels Daptone für den Soul-Sound auf Winehouse' Album.

Im Windschatten des Welterfolgs der britischen Skandalnudel erfuhr das kleine, im Stadtteil Brooklyn beheimatete Label besondere Aufmerksamkeit und lancierte so die Karrieren von Sharon Jones oder Lee Fields, die mit den Formeln des klassischen Soul einen attraktiven Gegenentwurf zum synthetischen Mainstream-Pop bilden.

Funky Dream-Team

Aus Teilen der Daptone-Hausband stammt auch die Bradley begleitende Menahan Street Band. Thomas Brenneck, den Gründer der Gruppe, lernte Bradley vor über zehn Jahren kennen, als er noch als Black Velvet mit einer James-Brown-Tribute-Show Geld verdiente. Die Menahan Street Band ist ein Kraftwerk im Zeichen des Funk und Soul, das keine Note zu viel spielt.

Die Zusammenarbeit dieses Dream-Teams zeitigte nun das Wunder, dem Bradley immer noch ein wenig misstraut. Doch Stück um Stück dürfte ihm bewusst werden, dass diese späte Wende in seinem Leben kein Wachtraum ist. Längst wird er von internationalen Festivals gebucht und bekehrt ein größer werdendes Publikum zur Kunst des Deep Soul.

Mehr Soul und Gospel

Am Samstag bietet das Jazzfest zwei weitere Konzerte für dieselbe Zielgruppe: Im Arkadenhof des Rathauses tritt Bettye Lavette auf. Eine Soul-Veteranin, der Produzent Joe Henry 2005 mit dem Album I've Got My Own Hell To Raise zu einer zweiten Karriere verhalf. Ihr folgen die Blind Boys Of Alabama, die längstdienende Band der Welt. Gegründet 1939 in einem Schulprojekt für blinde Kinder, wurde sie eine der führenden Truppen des Gospel, die alle Größen des Fachs begleitet hat.

Peter Gabriel veröffentlichte in den letzten zehn Jahren auf seinem Label Real World Alben der Boys, auf denen sie mit Größen wie Tom Waits oder Ben Harper spielen. Zwar ist nur noch ein Originalmitglied dabei, der vokalen Urkraft dieser Formation tut das keinen Abbruch - noch so ein Wunder. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 8.7.2011)

Charles Bradley & Menahan Street Band: 12. 7. Rathausplatz 18.00

Bettye Lavette & Blind Boys Of Alabama: 9. 7. Arkadenhof im Rathaus, 20. 30

 

Kommentar posten
12 Postings
poledo2
 
01
13.7.2011, 10:55
war grossartig gestern...

...abgesehen von einem der wenigen (sogar mehr als nur tendenziell) positiven Artikel auch Dank für den Hinweis aufs Konzert. Is definitiv eine Bereicherung!!

lucarelli
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über soul schreibt der herr fluch richtig schöne artikel. danke, wusste bisher auch nichts von diesem auftritt. ja, der mann ist eine sensation. ja, pflicht.

Lex Barker jun.
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frunzi002
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der Vollständigkeit halber:

http://thecharlesbradley.com/

Stephan T.
 
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Klingt sehr nach Pflichttermin.

Chrysipp
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großartig!

auch ich danke für den hinweis

manfred bruckner
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muchas gracias

danke für den hinweis, das wär mir glatt entgangen!! großartige platte, unfassbar guter mann!!! und außerdem: die menahan street band ist ebf. atemberaubend...

ferdo
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Hoffentlich spielt die Menahan Street Band auch instrumentale Stücke von ihrer CD.
Die sind so sau gut
DAPTONE yeah

:
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easy listening. der bradley ist allerdings verdammt gut.

trampolene
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easy listening ,na klar.vielleicht auch death metall.hardcore oder doch auch singer songwriter?

trampolene
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grossartiges album vom bradley und netter nebeneffekt das das konzert gratis ist.

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