Zerknitterte Strahlkraft

7. Juli 2011, 17:00
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Harry Dean Stanton: Der Mann, die Musik

Er ist ein Privatheld. Seit er weitgehend schweigend durch den Film Paris, Texas gestampft ist. Das ist jetzt kein origineller Einstieg in das Werk von Harry Dean Stanton, aber wohl ein weit verbreiteter. Wim Wenders Roadmovie machte den vielleicht besten Nebendarsteller des (New) Hollwood-Kinos Mitte der 1980er auch als Leading Actor berühmt.

Davor spielte er bereits jede Menge großartige Rollen, war in The Godfather zu sehen, in Two Lane Blacktop, Wild At Heart, Cockfighter, in Cisco Pike, in Pat Garrett & Billy The Kid oder natürlich in Repo Man, den ich, wenn ich mich recht erinnere, gleich nach Paris, Texas gesehen habe. Und in der HBO-Serie Big Love, die zurzeit Teil meiner Abendgestaltung ist, darum komm ich jetzt auf ihn.

Ob Harry Dean am Soundtrack zu Paris, Texas singt, kann ich jetzt grad nicht überprüfen, jedenfalls schmachtet er sich auf Ry Cooders Album Get Rhythm durch die Grenzland- und Sehnsuchtsballade Across The Borderline. Seit damals hab ich ihn auch musikalisch am Radar. Er ist etwa auch in dem Konzertfilm A Black and White Night von Roy Orbison im Publikum zu sehen.

In den 1990ern veröffentlichte er eine Single auf Sub Pop – die hab ich, die ist mittel -, und als ich 1999 einen Freund in Los Angeles besuchte, spielte Harry Dean mit seiner Band den Repo Men in einem Club. Ich wollte natürlich hin, aber mein Freund hatte Karten für eine Abyss-Film-Vorführung, bei der James Cameron anwesend sein würde. Der war mir zwar wurscht, dennoch bin ich zähneknirschend mit dorthin, habe es aber permanent bereut.

Ein oder zwei Jahre später stand er dann aber doch vor mir auf der Bühne. Damals kuratierte Nick Cave in London das Meltdown Festival und verpflichtete als einen Act Lee Hazlewood. Der Auftrag zur Pilgerreise war damit erteilt, Schachinger und ich rutschten auf Knien nach London, um Lee zu schauen - und im Vorprogramm sollte die Harry Dean Stanton Band spielen. Win, win.

Der Gig war nicht gut, aber lustig. Harry Dean cruiste mit einer mittelmäßigen Combo durch mittelmäßige Songs aus dem Roots-Rock-Fach. Die Show lebte eindeutig von Stantons zerknitterter Strahlkraft, seiner Mimik, den Zwischenansagen und etwas Schmalz, das Harry Dean aus den Songs drückte. Mindestens beschwippst war er, und über 70 muss er damals auch schon gewesen sein.

In dem Alter ist Übermut natürlich gefährlich, und er sprang - besser - bemühte sich dann irgendwann von der Bühne runter ins Publikum - wir Pilger saßen erste Reihe - und kam dann fast nicht mehr auf die Bühne rauf. Als er im letzten Moment von einem Roadie von einem Sturz auf den Rücken bewahrt worden war, drehte er sich um und sagte in unsere Richtung: "It's all part of the show!" Die blutigen Knie hatten sich da schon gelohnt.

Auf Wikipedia steht ein schöner Eintrag über seine Schauspielkunst zu lesen, den ich einfach mal kopiere: "Stanton is a favorite of film critic Roger Ebert who has said that 'no movie featuring either Harry Dean Stanton or M. Emmet Walsh in a supporting role can be altogether bad.' However, Ebert later admitted that Dream a Little Dream (1989), in which Stanton appeared, was a 'clear violation' of this rule."

Keine Verletzung der Regel ist hingegen seine Darstellung eines MCs im Video von Get Rhythm in der Version von Ry Cooder. Von dem ist er natürlich ein Haberer geblieben.

(Karl Fluch, DerStandard.at, 7.7.2011)

  • Harry Dean Stanton in "Paris, Texas"
    foto: tobis

    Harry Dean Stanton in "Paris, Texas"

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