Deutsche Debatte

Schreibschrift: Bollwerk gegen Abschaffung in Österreich

8. Juli 2011, 13:24
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    foto: bmukk

In Deutschland streichen erste Bundesländer die Schreibschrift - in Österreich ist bislang nichts dergleichen geplant - Experten finden diese Entwicklung "beängstigend"

Noch heute erlernen Volksschulkinder die Kulturtechnik "Schreiben" in drei Schritten: Zuerst Blockbuchstaben, dann Druckschrift und anschließend Schreibschrift. Die Lehrer sollen sich dabei an der "Österreichischen Schulschrift" orientieren, die 1969 eingeführt und 1995 reformiert wurde.

In Deutschland war das ähnlich - bis jetzt: Ab dem nächsten Schuljahr ist das Erlernen der Schreibschrift an Hamburger Schulen nicht mehr verbindlich. Auch in anderen Bundesländern wird experimentiert, es wird erwartet, dass einige Hamburgs Vorbild folgen und auf die Schreibschrift verzichten.

Heftige Debatte entbrannt

In Deutschland ist eine heftige Debatte entbrannt. "Zeit" und "Spiegel" widmen dem Thema mehrere Seiten, Experten aller Art kommen zu Wort. Konsens herrscht darüber, dass die Bewegungsabläufe beim Schreiben korrekt erlernt werden müssen. Ob dazu die komplizierte Schreibschrift notwendig ist, scheint unklar.

Elisabeth Charkow, Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Schriftpsychologie, meint auf derStandard.at-Anfrage, dass das Erlernen der Schreibschrift eine wichtige Auseinandersetzung mit der Schreibhandlung an sich darstelle. Sie sagt, dass sich Schüler flüssiges Schreiben durch die Buchstabenverbindungen der Schreibschrift schneller und besser aneignen.

Eine Frage der Identität?

Charkow denkt, dass der Verzicht auf Schreibschrift keine psychologischen Defizite mit sich bringe - ein Argument, das in Deutschland von Gegnern der Abschaffung immer wieder genannt wird. So solle das Erlernen der Schreibschrift das Selbstbild und die eigene Haltung verändern, da dafür Fleiß und Beharrlichkeit erforderlich sei.  Ebenso werde die Ästhetik geschult.

Proponenten der Abschaffung argumentieren vor allem mit dem geringer werdenden Einsatz von Schreibschrift im Alltag. Hans Brügelmann, Professor für Grundschulpädagogik, plädiert im deutschen "Spiegel" sogar dafür, den Kindern lieber das flüssige Tippen auf Tastaturen beizubringen - die Schreibschrift sieht er im Kunstunterricht besser aufgehoben.

"Letztlich ein Abwägen von Gütern"

Bildungshistoriker Stefan Hopmann von der Universität Wien meint, dass es sich bei dieser Debatte schlussendlich um ein "Abwägen von Gütern" handle. Es gehe um konkurriende Normen, die Diskussion gäbe es im Grunde schon seit Jahrzehnten.

"Die Forschung kann hier schlecht entscheiden", meint Hopmann, der den Diskurs um Schreibschrift aber ohnehin für ein Luxusproblem handelt. Viel wichtiger sei eine bessere Frühförderung für benachteiligte Volksschulkinder.

"Lesen und Schreiben wird zur bloßen Technik, nicht mehr Kultur"

Werner Wintersteiner vom österreichischen Kompetenzzentrum für Deutschdidaktik spricht sich klar gegen eine Abschaffung aus. Für ihn ist dies eine sehr "kurzsichtige" Maßnahme, die schlussendlich zu einer noch größeren Abhängigkeit des Menschen von Maschinen führe. "Die Abschaffung der Schreibschrift ist nur konsequent, wenn man die technokratische Art und Weise, wie wir ans Lesen und Schreiben herangehen, betrachtet."

Auch Martina Sueess von Institut für Germanistik der Universität Wien meint, dass die Schreibtechnik wichtig für den Gedankenfluss sei, und daher eine schnelle Art, handschriftlich zu schreiben, beibehalten werden müsse. Sie bezeichnet den Gedanken hinter der Abschaffung "beängstigend".

Unterrichtsministerium: Debatte nicht angekommen

Das Unterrichtsministerium ist von der in Deutschland stattfindenden Debatte überrascht. Das Thema werde in Österreich "nicht einmal in bildungspolitischen Zirkeln diskutiert", es gäbe definitiv keine Überlegungen für eine Reform. Hier verweist man auf die letzte Reform vor 16 Jahren, durch welche die "neue Schulschrift" eingeführt würde.

Werner Amon, Bildungssprecher der ÖVP, ist der Meinung, dass man die Schreibschrift auch in Zukunft brauchen wird, gerade für den täglichen Ablauf in der Arbeitswelt. Sie sei wichtig, um sich Notizen machen zu können oder aber auch um persönliche Briefe zu schreiben. „Die Zukunft ist ungewiss", sagt Amon in Bezug auf den technologischen Fortschritt, wenngleich er nicht glaubt, dass das Schreiben einmal überflüssig sein werde. Bei der Einführung von EDV-Systemen habe man auch geglaubt, dass man weniger Papier brauchen werde, so Amon, das Gegenteil sei nun aber der Fall.

Auch Elmar Mayer (SPÖ) plädiert gegen eine Abschaffung. "Der Erwerb der Schreibschrift ist sinnvoll", sagt er, die SPÖ würde eher in Richtung Beibehaltung votieren.

Österreichische Politik unisono gegen Abschaffung

Grünen-Bildungssprecher Walser sagt zu einer möglichen Abschaffung "klar nein". Für ihn brauche man die Schreibschrift aus vielen Gründen, er verweist darauf, dass Österreich im Gegensatz zu Deutschland eine einheitliche Schreibschrift habe. Außerdem befürchte er, dass eine Rücknahme solch einer Reform unmöglich sei: "Wenn man aufhört, die Schreibschrift zu lehren, dann ist es vorbei. Dann kann man sie nicht wieder einführen."

Das BZÖ spricht sich „absolut" gegen die Abschaffung der Schreibschrift aus. „Das wäre eine weitere Verabschiedung von einer Grundkulturtechnik", meint Bildungssprecherin Ursula Haubner und fügt hinzu: „Man hat ja auch das Kopfrechnen nicht abgeschafft, weil es Taschenrechner gibt."

Auch FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz winkt ab. Österreichische Schulkinder seien keine "Versuchskaninchen", mit denen "experimentiert" werden dürfe. Generell sei das häufige völlig theorielose Experimentieren mit "linken pädagogischen Konzepten" eine der Hauptursachen für den Verfall des Bildungssystems. Mit diesem Vorschlag sei das Bundesland Hamburg, das auch für sein schlechtes Schulsystem bekannt sei, erneut Vorreiter in die falsche Richtung. Rosenkranz: "Unter Beteiligung der FPÖ wird ein solches Sägen an den Kulturtechniken sicher nicht stattfinden." (Fabian Schmid, derStandard.at, 8.7.2011) 

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Posting 1 bis 25 von 1154
cantanto
00
19.9.2011, 19:27
Genau! Alles abschaffen,

was uns noch irgendwie vom Zombie unterscheidet!

Wer dahinter keine Taktik sieht, dem ist nicht mehr zu helfen...

stefan josef
 
01
das U bei "Qu" könnte man eigentlich auch abschaffen

im Gegenzug soll Österreich Pluto wieder als Planeten anerkennen

florus flagrantius
11
10.7.2011, 19:46
m.e. wird während des schreibvorganges auch eine kognitive reflexion vollzogen,

die während des tippens nicht in diesem ausmass stattfindet.

Poldi Fesch
00
10.7.2011, 23:57
richtig

wenn du etwas schreibst, merkst du dir was u. wo. Beim Tippen ist dem nicht so

leckfettn
00
11.7.2011, 09:41
stimmt...

lernen geht dann von der hand über hirn zum herzen!!

oida
00
11.7.2011, 02:08
interessanter ansatz. geht mir nicht so.

am besten man lässt kinder in der eigenen, individuellen geschwindigkeit spielerisch lernen. daran liegt's am ehesten, ob sie später schreiben und lesen können.

ansonsten hatte ich selbst ein trauma vom "schreiben lernen". es hat mir etliche ohrfeigen meines vaters eingetragen und immer die schlechteste note im zeugnis.

die folge: ich habe noch als erwachsener alles, was ich mit der hand geschrieben habe, "weg-redigiert", kann meine eigene handschreibe oft kaum lesen und kann bis heute nicht locker schreiben, wenn mir wer zusieht. ein grafologie-test würde mich wohl als wankelmütig und orientierungslos ausweisen - obwohl ich das nicht bin.

also bei mir hat das schreiben weder was mit erfassen, noch mit merken, noch mit denken zu tun.

LL MM
00
11.7.2011, 22:54

Also heute wird wohl kaum mehr jemandem das Schreiben mit begleitendem Watschen beigebracht. :-)

Ihre Erfahrungen haben nix mit der heutigen Situation zu tun.

asterio
01
12.7.2011, 13:09

das glaube ich nicht, tim

Poldi Fesch
00
11.7.2011, 09:30
????

da argumentieren wir jetzt fest aneinander vorbei. Ich dachte mehr, als Erwachsener. Die Kinder kannst ruhig lernen lassen, das ist mehr ein tchn. Problem.
Worum es mir ging, ich habe einen Schriftsatz, sagen wir 5 Seiten. Wenn ich die direkt in den Computer eintipp, finde ich "nie" wieder, was wo steht bzw. wenn ich es Umformuliere ist der erste Ansatz weg

Hui Buh
00
11.7.2011, 10:45
Herr Poldi,

noch nie was von "abspeichern" gehört? :P

Poldi Fesch
00
11.7.2011, 12:09
na lieb

dann hab ich 5 Dateien offen u. weisz erst recht nicht mehr, welche welche ist. Ich hab voriges Jahr in einer Erbschaftssache ein Gutachten gemacht, auf Ital. Das hab ich schnell gelassen, am Computer. G. ausdrucken, Nachschauen, ankreuzen. Bist einmal die Systematik ueberlauert hast, dauerts

Hui Buh
00
11.7.2011, 12:23
Ja ja...in unserem Alter......*sfg*

;o)

Poldi Fesch
00
11.7.2011, 12:35
:) die Systematik

des Codice Civile, Erbrecht. nicht die v. word

Hui Buh
00
11.7.2011, 14:41
:} Ich verstehe.......

Poldi Fesch
00
11.7.2011, 14:45

:) brav

Hui Buh
00
11.7.2011, 15:08
Wenn sie es sagen....... ;P

muppetbasher
41
Konsequenterweise wird dann irgendwann schreiben-lernen

ganz abgeschafft. Die Kinder haben nur mehr Computer vor sich und tippen. Schreibprogramme sind schon eingespeichert!
Schöne neue Welt?

Carla Sociale
00
Ich habe mir das Schreiben längst abgewöhnt.

Wenn ich in meinem Computer hineinspreche, schreibt der das auf den Bildschirm. Anschließend kann ich es mir vom Gerät wieder vorlesen oder ausdrucken lassen.

internetlady
13

bequemer geht`s wohl nicht mehr, außer Sie sind behindert!

Gargamel
43
Verhätschelungspädagogik

Und dümmer werden die Kinder nebenbei.

asterio
01
10.7.2011, 12:14

kommt drauf an. ich las gerade eine meinung, die besagte, stupides malen und zeichnen nach vorgaben verblöde.
natürlich lernt man dabei nichts, ausser frustration bei manchen. in dieser absolutheit macht mich das betroffen.

G. Lavant
12

Schreibschrift ist auch ein Stück Kultur und die Auseinandersetzung damit und die Entwicklung einer persönlich überformten Handschrift kann auch ein Puzzle der Persönlichkeit sein.
Hundert Schriftarten am Computer sind weniger wert, als ein handgeschriebener Brief. Es ist wie der Unterschied zwischen einem Kunstdruck im Format 2 x 3 m und einer vielleicht winzigen originalen Radierung.

sternwerk
00
11.7.2011, 15:17

Individualität ist in der Schul-Schreibschrift eine unerwünschte Abweichung von der Norm.

Und man kann auch Druckbuchstaben individuell schreiben (Form, Größe, Lage, Abstände, ...)

Pyros
21
Nachdem das Sitzenbleiben abgeschafft wurde,

ist es nur logisch jetzt Schritt für Schritt auch alle Lehrinhalte abzuschaffen.

Nick Tameer
17

Maria Theresia hat sich leider entschlossen, die Folter abzuschaffen, später wurde die Todesstrafe abgeschafft, dann die Prügelstrafe verboten. Jetzt soll es kein Sitzenbleiben mehr geben und zu guter Letzt wird sogar noch die Schreibschrift in Frage gestellt. Noch die letzten Reste der althergebrachten Repressivität wollen schier auf der Strecke bleiben. Und da soll man als konservativer Kulturpessimist noch ruhig schlafen können?

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