Donnerstag: Mehr Kritik als Lob für Gunther Geltinger, Maximilian Steinbeis, Daniel Wisser, Anna Maria Praßler und Antonia Baum
Klagenfurt - Mit einem Romanauszug von Gunther Geltinger hat
am Donnerstag das Wettlesen bei den 35. Tagen der deutschsprachigen
Literatur im Klagenfurter ORF-Theater begonnen. Geltinger beschreibt
die problematische Beziehung zu seiner Mutter in einem Romanauszug,
der eine kontroversielle Debatte auslöste. Anschließend präsentierte
Maximilian Steinbeis seinen Text mit guten Ratschlägen, wie man sein
Gold am besten bunkern könne. Der gebürtige Klagenfurter Daniel
Wisser beschloss den Vormittag mit der Erzählung "Standby", der mehr
Kritik als Lob einheimste.
Mit den Lesungen von Anna Maria Praßler und
Antonia Baum ging der erste Wettbewerbstag zu Ende: Praßler erhielt für ihre Erzählung
über das Verarbeiten des Todes bei den Juroren relativ viel Kritik,
kam aber noch besser weg als Baum, die durchfiel.
Gunther Geltinger
Geltinger beschreibt ein eher trostloses Ambiente, in dem sein
Protagonist, ein kleiner stotternder Bub, mit seiner Mutter in einem
verwahrlosten Haus nahe einem Moor lebt. Die Mutter malt, raucht und
säuft, bis sie schließlich nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus
gebracht und er von seiner Tante "übernommen" wird. Autobiografische
Züge in der Romanfigur sind naheliegend, da Geltinger, wie er
eingangs erklärte, selbst gelegentlich an Stottern leidet. Wohin er
mit seiner bildhaften Sprache den Buben führt, bleibt, da es ein
Romanauszug ist, naturgemäß offen.
Daniela Strigl meinte, es habe sich in der deutschen Literatur
offenbar ein eigenes Genre entwickelt, "das trostlose Landleben im
Norden Deutschlands". Es gebe gelungene Bilder, aber auch missglückte
Metaphern, wie auch das ganze Projekt misslungen sei. Hubert Winkels
fand nur den Vortrag gelungen. Meike Feßmann lobte im Gegensatz zu
Strigl die Bilder, Paul Jandl fand, der Text habe starke Szenen, aber
ein Problem "zwischen Rollenprosa und Literatur". Alain Claude
Sulzer, der Geltinger vorgeschlagen hatte, betonte die artifizielle
Ebene.
Maximilian Steinbeis
Steinbeis las die Erzählung "Einen Schatz vergraben". Darin wird
eine genaue Anleitung - gegen Honorar natürlich - gegeben, wie man am
besten sein Geld unerkannt in Gold verwandelt und dieses angesichts
der drohenden Katastrophe sicher vergräbt. Der Autor paraphrasiert
den Business-Jargon gekonnt, übertreibt dabei aber ein wenig. Am Ende
der Anleitung wird dem potenziellen Kunden dann nahegelegt, den
Helfer, der die Grube für das Gold gebuddelt hat, umzubringen und mit
einzugraben, damit niemand den Standort des Schatzes kennt.
Für Sulzer ist der Text eine Posse, die beim ersten Mal komisch
wirke. Jandl fand ihn dagegen "nicht einmal witzig", ihm fehle die
Logik. Winkels sah "keinen großen Text, aber einen geschlossenen, mit
viel Konsequenz". Hildegard Keller konstatierte, der Autor habe ein
interessantes Thema gewählt, Strigl sah eine Persiflage auf die
Ratgeberliteratur, einen "antihumanistischen Text". Feßmann sah einen
"Ratgeber-Mephisto". Burkhard Spinnen meinte, hier gebe es jemand,
der sich mit der großen Frage der Gegenwart beschäftige.
Daniel Wisser
"Standby" von Daniel Wisser ist eine Beziehungsgeschichte, oder
eher eine Nicht-Beziehungsgeschichte. Wisser beschreibt einen Mann
mit Ordnungszwang, dessen Frau ihn mit ihren Unordentlichkeiten
offenbar furchtbar ärgert. Auch das Verhältnis zu seinem Vater im
Altersheim ist eigentlich ziemlich zerstört. Der Versuch,
auszubrechen, seine Ehe zu beenden und sich seiner Freundin
zuzuwenden, geht ebenfalls daneben, alles endet in Ausweglosigkeit.
Auffallend bei dem Text war Wissers Stilmittel, bei persönlichen
Momenten des Protagonisten in den Passiv zu wechseln, was angeregte
Diskussionen auslöste.
Winkels ortete ein satirisch überzeichnetes Porträt eines
zwangsneurotischen Kleinbürgers. Den gewählten Passiv fand Winkels
interessant, es sei aber nicht wirklich konsequent durchgezogen. Die
Darstellung der monotonen Existenz dürfe nicht mit monotonen Mitteln
stattfinden, was aber passiert sei. Für Strigl hat der Text eine
eigene Stimme. Keller sah den Text "gar nicht als Satire". Spinnen
fragte sich, was die Versetzung ins Passiv bringe. Auf längere
Distanz habe ihn dieser Kunstgriff enttäuscht, dazu seien Konjunktive
teilweise falsch angewendet, "da bin ich sehr heikel". Sulzer wieder
fand genau den Passiv interessant. Feßmann sah einen Text von
"erschütternder Schlichtheit", was Spinnen wieder entrüstet
zurückwies. Jandl, der Wisser nominiert hatte, sah einen
"ästhetischen Versuch, der von Anfang bis Ende durchgezogen ist".
Anna Maria Praßler
Praßlers Ich-Erzählerin verarbeitet in "Das Andere" den Tod ihres Freundes, von
dem sie sich schon vor dessen Ableben getrennt hatte. Damit
verarbeitet sie auch die Beziehung, in der sie unglücklich verharrt
war. Von seinem Tod erfährt sie erst, nachdem er schon begraben ist,
das hat er testamentarisch so verfügt. Sie will von Berlin nach
Süddeutschland fliegen, wo er begraben ist. Damit will sie selbst den
Schlusspunkt zu setzen, sich nicht auch noch posthum von ihm
Entscheidungen oktroyieren lassen. Das Grab will sie aber nicht
besuchen. Kurz vor dem Besteigen des Flugzeugs kehrt sie jedoch um.
In ihrem Text kreist sie immer wieder um das Thema Tod.
Meike Feßmann meinte, sie erfahre nichts über dieses Paar, sondern
das Protokoll über ein Paar, als Geschichte funktioniere es nicht.
Alain Claude Sulzer bemängelte, die Sätze würden teilweise beiläufig
klingen: "Ich habe den Eindruck, etwas Triviales zu lesen." Hubert
Winkels "merkte die Absicht und war verstimmt". Hildegard Keller
hörte eine "Insiderin aus der universitären Welt", aber mit einem
subjektivistischen Zugang. Paul Jandl fand eine "papierene
Geschichte". Burkhard Spinnen sprang für seine Kandidatin in die
Bresche: "Ich hab den Text bestimmt nicht eingeladen, um hier etwas
Triviales unterzuschmuggeln." Es sei "natürlich Rollenprosa", was
sollte es denn sonst sein. Es sei ein ausgesprochen zeitgenössisches
Psychogramm.
Antonia Baum
Auch Antonia Baum erzählte eine Beziehungsgeschichte. In
"Vollkommen leblos, bestenfalls tot" ist die Protagonistin eine junge
Frau, die aus einer problematisch-kaputten Familie in eine Beziehung
flüchtet, nur um sich dort von ihrem Partner ausgenutzt zu fühlen.
Sie versucht auszubrechen, ist nachts "auf der Flucht vor ihm", geht
zu Partys, betrinkt sich, aber auch hier bleibt als Fazit die
Ausweglosigkeit. Angereichert wird die Erzählung mit Kritik am
Schulsystem und den Erwartungen der Lehrer an die Schüler.
Sollte es sich dabei um eine Thomas-Bernhard-Parodie handeln, sei
sie missglückt, wenn der Text nicht so verstanden werden sollte, sei
er erst recht nicht geglückt, konstatierte Strigl: "Es sind sehr viel
gute Ideen vergeudet." Sulzer monierte, dass viel zu viele Details
"platt und niedergewalzt" worden seien. Keller meinte, sie sei
anfangs sehr angetan gewesen von der Energie, was nachher komme, sei
aber etwas "schwachbrüstig". Es finde keine Entwicklung der Figur
statt. Feßmann wies die Bernhard-Konnotation zurück, die Suada sei
ein zufälliges Element. Jandl stieß sich an zu sehr ausgewalzten
Stilblüten. Winkels verteidigte das Bernhard'sche am Text, an dem er
eine Wucht verspüre. Für Spinnen war der Text vom Lektoratsstandpunkt
aus teilweise "schwer reparaturbedürftig". (APA)