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7. Juli 2011, 13:18

Donnerstag: Mehr Kritik als Lob für Gunther Geltinger, Maximilian Steinbeis, Daniel Wisser, Anna Maria Praßler und Antonia Baum

Klagenfurt  - Mit einem Romanauszug von Gunther Geltinger hat am Donnerstag das Wettlesen bei den 35. Tagen der deutschsprachigen Literatur im Klagenfurter ORF-Theater begonnen. Geltinger beschreibt die problematische Beziehung zu seiner Mutter in einem Romanauszug, der eine kontroversielle Debatte auslöste. Anschließend präsentierte Maximilian Steinbeis seinen Text mit guten Ratschlägen, wie man sein Gold am besten bunkern könne. Der gebürtige Klagenfurter Daniel Wisser beschloss den Vormittag mit der Erzählung "Standby", der mehr Kritik als Lob einheimste. Mit den Lesungen von Anna Maria Praßler und Antonia Baum ging der erste Wettbewerbstag  zu Ende: Praßler erhielt für ihre Erzählung über das Verarbeiten des Todes bei den Juroren relativ viel Kritik, kam aber noch besser weg als Baum, die durchfiel.

Gunther Geltinger

Geltinger beschreibt ein eher trostloses Ambiente, in dem sein Protagonist, ein kleiner stotternder Bub, mit seiner Mutter in einem verwahrlosten Haus nahe einem Moor lebt. Die Mutter malt, raucht und säuft, bis sie schließlich nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus gebracht und er von seiner Tante "übernommen" wird. Autobiografische Züge in der Romanfigur sind naheliegend, da Geltinger, wie er eingangs erklärte, selbst gelegentlich an Stottern leidet. Wohin er mit seiner bildhaften Sprache den Buben führt, bleibt, da es ein Romanauszug ist, naturgemäß offen.

Daniela Strigl meinte, es habe sich in der deutschen Literatur offenbar ein eigenes Genre entwickelt, "das trostlose Landleben im Norden Deutschlands". Es gebe gelungene Bilder, aber auch missglückte Metaphern, wie auch das ganze Projekt misslungen sei. Hubert Winkels fand nur den Vortrag gelungen. Meike Feßmann lobte im Gegensatz zu Strigl die Bilder, Paul Jandl fand, der Text habe starke Szenen, aber ein Problem "zwischen Rollenprosa und Literatur". Alain Claude Sulzer, der Geltinger vorgeschlagen hatte, betonte die artifizielle Ebene.

Maximilian Steinbeis

Steinbeis las die Erzählung "Einen Schatz vergraben". Darin wird eine genaue Anleitung - gegen Honorar natürlich - gegeben, wie man am besten sein Geld unerkannt in Gold verwandelt und dieses angesichts der drohenden Katastrophe sicher vergräbt. Der Autor paraphrasiert den Business-Jargon gekonnt, übertreibt dabei aber ein wenig. Am Ende der Anleitung wird dem potenziellen Kunden dann nahegelegt, den Helfer, der die Grube für das Gold gebuddelt hat, umzubringen und mit einzugraben, damit niemand den Standort des Schatzes kennt.

Für Sulzer ist der Text eine Posse, die beim ersten Mal komisch wirke. Jandl fand ihn dagegen "nicht einmal witzig", ihm fehle die Logik. Winkels sah "keinen großen Text, aber einen geschlossenen, mit viel Konsequenz". Hildegard Keller konstatierte, der Autor habe ein interessantes Thema gewählt, Strigl sah eine Persiflage auf die Ratgeberliteratur, einen "antihumanistischen Text". Feßmann sah einen "Ratgeber-Mephisto". Burkhard Spinnen meinte, hier gebe es jemand, der sich mit der großen Frage der Gegenwart beschäftige.

Daniel Wisser

"Standby" von Daniel Wisser ist eine Beziehungsgeschichte, oder eher eine Nicht-Beziehungsgeschichte. Wisser beschreibt einen Mann mit Ordnungszwang, dessen Frau ihn mit ihren Unordentlichkeiten offenbar furchtbar ärgert. Auch das Verhältnis zu seinem Vater im Altersheim ist eigentlich ziemlich zerstört. Der Versuch, auszubrechen, seine Ehe zu beenden und sich seiner Freundin zuzuwenden, geht ebenfalls daneben, alles endet in Ausweglosigkeit. Auffallend bei dem Text war Wissers Stilmittel, bei persönlichen Momenten des Protagonisten in den Passiv zu wechseln, was angeregte Diskussionen auslöste.

Winkels ortete ein satirisch überzeichnetes Porträt eines zwangsneurotischen Kleinbürgers. Den gewählten Passiv fand Winkels interessant, es sei aber nicht wirklich konsequent durchgezogen. Die Darstellung der monotonen Existenz dürfe nicht mit monotonen Mitteln stattfinden, was aber passiert sei. Für Strigl hat der Text eine eigene Stimme. Keller sah den Text "gar nicht als Satire". Spinnen fragte sich, was die Versetzung ins Passiv bringe. Auf längere Distanz habe ihn dieser Kunstgriff enttäuscht, dazu seien Konjunktive teilweise falsch angewendet, "da bin ich sehr heikel". Sulzer wieder fand genau den Passiv interessant. Feßmann sah einen Text von "erschütternder Schlichtheit", was Spinnen wieder entrüstet zurückwies. Jandl, der Wisser nominiert hatte, sah einen "ästhetischen Versuch, der von Anfang bis Ende durchgezogen ist".

 

Anna Maria Praßler

Praßlers Ich-Erzählerin verarbeitet in "Das Andere" den Tod ihres Freundes, von dem sie sich schon vor dessen Ableben getrennt hatte. Damit verarbeitet sie auch die Beziehung, in der sie unglücklich verharrt war. Von seinem Tod erfährt sie erst, nachdem er schon begraben ist, das hat er testamentarisch so verfügt. Sie will von Berlin nach Süddeutschland fliegen, wo er begraben ist. Damit will sie selbst den Schlusspunkt zu setzen, sich nicht auch noch posthum von ihm Entscheidungen oktroyieren lassen. Das Grab will sie aber nicht besuchen. Kurz vor dem Besteigen des Flugzeugs kehrt sie jedoch um. In ihrem Text kreist sie immer wieder um das Thema Tod.

Meike Feßmann meinte, sie erfahre nichts über dieses Paar, sondern das Protokoll über ein Paar, als Geschichte funktioniere es nicht. Alain Claude Sulzer bemängelte, die Sätze würden teilweise beiläufig klingen: "Ich habe den Eindruck, etwas Triviales zu lesen." Hubert Winkels "merkte die Absicht und war verstimmt". Hildegard Keller hörte eine "Insiderin aus der universitären Welt", aber mit einem subjektivistischen Zugang. Paul Jandl fand eine "papierene Geschichte". Burkhard Spinnen sprang für seine Kandidatin in die Bresche: "Ich hab den Text bestimmt nicht eingeladen, um hier etwas Triviales unterzuschmuggeln." Es sei "natürlich Rollenprosa", was sollte es denn sonst sein. Es sei ein ausgesprochen zeitgenössisches Psychogramm.

Antonia Baum

Auch Antonia Baum erzählte eine Beziehungsgeschichte. In "Vollkommen leblos, bestenfalls tot" ist die Protagonistin eine junge Frau, die aus einer problematisch-kaputten Familie in eine Beziehung flüchtet, nur um sich dort von ihrem Partner ausgenutzt zu fühlen. Sie versucht auszubrechen, ist nachts "auf der Flucht vor ihm", geht zu Partys, betrinkt sich, aber auch hier bleibt als Fazit die Ausweglosigkeit. Angereichert wird die Erzählung mit Kritik am Schulsystem und den Erwartungen der Lehrer an die Schüler.

Sollte es sich dabei um eine Thomas-Bernhard-Parodie handeln, sei sie missglückt, wenn der Text nicht so verstanden werden sollte, sei er erst recht nicht geglückt, konstatierte Strigl: "Es sind sehr viel gute Ideen vergeudet." Sulzer monierte, dass viel zu viele Details "platt und niedergewalzt" worden seien. Keller meinte, sie sei anfangs sehr angetan gewesen von der Energie, was nachher komme, sei aber etwas "schwachbrüstig". Es finde keine Entwicklung der Figur statt. Feßmann wies die Bernhard-Konnotation zurück, die Suada sei ein zufälliges Element. Jandl stieß sich an zu sehr ausgewalzten Stilblüten. Winkels verteidigte das Bernhard'sche am Text, an dem er eine Wucht verspüre. Für Spinnen war der Text vom Lektoratsstandpunkt aus teilweise "schwer reparaturbedürftig".   (APA)

Pappa Joe
81
Antonia Baum, ein Lichtblick!

Eine hübsche junge Frau die das Zeug hat die übrigen Lesungen zu toppen.

dame mit hund
00
hübsch, stimmt

Pappa Joe
32
Um Gottes Willen!

Ich hatte bisher den Eindruck, dass die Autoren mehr ihre persönlichen Lebensgeschichten aufarbeiten denn Literatur zu schaffen.

Manchmal bin ich fast weggenickt. Hoffentlich schaffe ich die nächsten Tage bis zur Preisverleihung..

mumuj
11
Ooo, wie Recht Sie haben

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