Am 11. Juli jährt sich das Massaker von Srebrenica zum 16. Mal - Erstmals verbringen alle Hauptverantwortlichen des Genozids diesen Tag hinter Gittern
Srebrenica ist kein glücklicher Ort. Auch nicht nach der Festnahme von Ratko Mladic, der für das nach der Stadt benannte Massaker an 8000 Muslimen vor 16 Jahren verantwortlich gemacht wird. Nicht nur, dass ein großer Teil der Bevölkerung auch nach Jahren immer noch an den Kriegstraumata leidet, in Srebrenica gibt es kaum Hoffnung auf Zukunft. Das Stigma des Massakers hält Investoren fern, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 90 Prozent, die Hilfsorganisationen, die einst so viel Geld in die Gemeinde pumpten, sind längst wieder abgezogen, ihre Projekte nur mäßig nachhaltig.
Eine der wenigen, die sich noch vor Ort einsetzt, ist die Privatinitiative "Bauern helfen Bauern" aus Salzburg, die wiederkehrenden Muslimen wie mittellosen Serben Starthilfe für den Neuanfang leisten. Seit 20 Jahren ist die kleine Organisation, gegründet von der ehemaligen Salzburger Landesrätin Doraja Eberle und ihrem Ehemann, vor Ort tätig. Am Montag wird Eberle Gast sein beim Begräbnis von 550 Menschen, die 1995 mutmaßlich auf Anordnung von Ratko Mladic ermordet wurden. Eine Beisetzung auf Raten, denn immer noch sind etwa 3500 der rund 8000 Opfer nicht bestattet. Tausende weiße Leichensäcke aus Plastik
liegen noch bei den Gerichtsmedizinern und Forensikern zur
Identifizierung.
Nach der Verhaftung Mladic´
Laufend bekommen Angehörige, viele sind nicht mehr in Srebrenica, endlich Gewissheit, dass ihre Männer, Väter, Söhne identifiziert werden konnten. Vor einem Monat erreichte eine Botschaft anderer Art die Hinterbliebenen. Der letzte maßgeblich Verantwortliche des Massakers war verhaftet worden: Ratko Mladic. Nur wenige Bewohner der Gemeinde Srebrenica wollen sich zur Verhaftung gerne öffentlich äußern. Zu dicht liegt der Konflikt immer noch unter der Oberfläche, leben Täter neben Opfern. Und Mladic gilt in gewissen Kreisen in der Republika Srpska, in der Srebrenica liegt, immer noch als Kriegsheld. Mit dem Tschetnik-Gruß, dem serbischen Gruß seien manche aus Protest gegen seine Verhaftung durch die Straßen gezogen. Die Bosniaken schauen weg, resignieren. Bloß nicht provozieren.
Munira Subasic, eine der Mütter von Srebrenica, ist es allerdings gewohnt, sogar vor Kameras für die Opfer einzustehen. Mit anderen Frauen ist sie nach Den Haag gefahren um zu sehen, wie sich Ratko Mladic endlich vor Gericht verantworten muss. Beim Massaker hat sie insgesamt 21 Angehörige verloren: "Ich wäre glücklich, gegen
Mladic auszusagen, wenn mich das Gericht dazu einlädt", sagt sie.
Keine kollektive Erleichterung
Eine große kollektive Erleichterung, dass die beiden Hauptverantwortlichen Mladic und Karadzic nun inhaftiert sind, beobachtet Doraja Eberle in Srebrenica nicht. "Eine gewisse Genugtuung, ja, aber keine Erleichterung". Vielmehr würden sich die Menschen fragen, warum erst jetzt? Aus politischen Gründen? Auch nach Srebrenica drangen schließlich in den letzten Jahren Gerüchte, dass man "ihn" in der Öffentlichkeit gesehen habe. Auf der einen Hochzeit, beim dem anderen Fußballspiel, ungestört habe er bis zu seiner Verhaftung sein Leben weitergelebt. Im Gegensatz zu den Angehörigen in Srebrenica.
Die Initative Bauern helfen Bauern arbeitet mittlerweile mit dem international bekannten Traumatologen und Komponisten Nigel Osborne an einem groß angelegten Musikschulprojekt. Eine "Investition in die Zukunft", nennt Eberle das Projekt, dass der nächsten Generation, egal welcher Gruppe, helfen soll, sich von den dunklen Schatten der Vergangenheit zu befreien. "Sie haben genug von ihren heulenden Eltern". Und davon, dass der Name Srebrenica international immer noch für das Massaker steht. Am 11. Juli wird Srebrenica trotzdem wieder aus diesem Grund in den Schlagzeilen stehen. Am Friedhof für den Genozid in Potočari werden die Identifizierten des vergangenen Jahres begraben. (mhe, derStandard.at, 8.11.2011)
Zu "Bauern helfen Bauern": Seit 1992 ist der private Verein im ehemaligen Jugoslawien vor allem in Kroatien und
Bosnien-Herzegowina tätig. Neben Dingen des täglichen Bedarfs investiert BhB in die Infrastruktur und stellt Zurückkehrern unter anderem Holzhäuser zur
Verfügung, die nach einigen Jahren in deren Besitz
übergehen. In Srebrenica stehen 395 solcher Häuser, die oft an die Stellen gebaut werden,
an denen die während des Krieges zerstörten Häuser ihrer Besitzer standen.
Link: Candles Against the Night. Ein Projekt
Zu Srebrenica: Srebrenica liegt in Ostbosnien in der heutigen Republika Srpska. Nach der Einnahme der ostbosnischen UNO-Schutzzone am 11. Juli
1995 ermordeten Truppen der bosnischen Serben rund 8.000 muslimische
Männer im kampffähigen Alter. Frauen und Kinder wurden deportiert.
Der ehemalige Kurort hatte zum Kriegsende etwa 40.000
Einwohner, derzeit liegt die Einwohnerzahl bei knapp über 10.000. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 90 Prozent. Versuche, in den Thermalquellen der Stadt wieder den Betrieb aufzunehmen, laufen.