Krise holt den Einzelhandel ein

6. Juli 2011, 17:49
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Die Zeiten starken Wachstums des österreichischen Handels sind vorerst vorbei. Steigende Inflation und Steuerdebatten bremsen den Konsum

Die Zeiten starken Wachstums des österreichischen Handels sind vorerst vorbei. Steigende Inflation und Steuerdebatten bremsen den Konsum. Neue Anbieter und Verkaufsflächen verschärfen den Wettbewerb.

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Wien - Die Krise kommt zeitverzögert im Handel an. 2010 jubelte die Branche über das stärkste Wachstum seit Jahren. Heuer aber macht sich Konsummüdigkeit unter den Österreichern breit. In den ersten fünf Monaten sanken die Umsätze real um 0,1 Prozent. Einzelne Geschäfte wie jene mit Schmuck und Uhren brachen um fast zwölf Prozent ein. Stark unter Druck stehen Modehändler. Auch Absätze von Büchern, Elektrogeräten und Möbeln schwächeln. Allein die Lebensmittelbranche legt weiter zu.

Bleibe es über das gesamte Jahr gesehen ein kleines Minus, könne man von Glück reden, sagt der Präsident des Handelsverbands, Stephan Mayer-Heinisch. "Die Debatten um Steuererhöhungen und die Krise in Griechenland sind Gift für den Konsum." Für starke Verunsicherung sorge zudem die gefühlte Inflation. Sie lag auf den wöchentlichen Einkauf heruntergerechnet im Mai bei knapp sieben Prozent.

Der Umsatzrückgang im Handel basiert auf Erhebungen der KMU Forschung Austria, deren Zahlen vielfach positiver ausfallen als je- ne des statistischen Amts der EU. Laut Eurostat erlebte Österreichs Handel im Mai mit minus 2,3 Prozent den viertstärksten Rückgang in der EU - die KMU Forschung ging da noch von Zuwächsen aus.

Helmut Hofer, Experte des Instituts für Höhere Studien, wundert der gedämpfte Konsum nicht. Dieser werde nicht mehr wie im Vorjahr von den Effekten der Steuerreform getragen. Damals sei, glaube man den Statistiken, wenig gespart worden. Angesichts höherer Preise und stagnierender Einkommen pendelten sich die Ausgaben nun auf ein normales Niveau ein.

Die Kundenfrequenz sank von Jänner bis Mai um 0,2 Prozent. Der Handel hinke der Konjunktur hinterher, resümiert Fritz Aichinger. So mancher habe die Konten überzogen und halte sich nun zurück. Sorge macht dem Handelsobmann der schleichende Strukturwandel: Kleineren Betrieben fehlten Nachfolger, das Überleben werde zusehends eine Frage der Größe und des Standorts, und die Erträge seien rundum stark unter Druck.

Der Wettbewerb steigt und die Flächenproduktivität sinkt, bestätigt Kurt Schneider, Chef des Einkaufscenter-Betreibers Ekazent.

Vor allem in die Modebranche drängen neue Anbieter. Preislich lassen viele bei den Abverkäufen Jahr für Jahr früher und länger die Hose runter. Die Verkaufsflächen nehmen insgesamt weiter zu.

In Wien eröffnet im Oktober et- wa das neue Einkaufszentrum am Westbahnhof. Mittlerweile sollen 70 bis 80 Prozent der Flächen vergeben sein. Mit dabei auf zwei Etagen ist die Lebensmittelkette Merkur. Der auf der nahen Mariahilfer Straße vertretene Einrichtungshändler Interio zieht ebenfalls ein. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2011)

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