Wie tropische Küsten ohne Korallen aussehen könnten

6. Juli 2011, 17:37
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Spezielle Verhältnisse an der nordafrikanischen Westküste ließen ein ungewöhnliches Ökosystem entstehen

Wie könnte ein tropisches Küstenökosystem nach dem Wegsterben der Korallenriffe aussehen? Zwei Schiffsexpeditionen sind dieser Frage nachgegangen und haben an der nordafrikanischen Westküste Einblicke in dieses Szenario erhalten. Spezielle ozeanographische Verhältnisse sorgen hier für eine Unterwasserlandschaft ohne Korallen, dafür aber mit einer ungewöhnlich hohen Anzahl an Muscheln, Seepocken und Röhrenwürmern.

Die Expeditionen - 2006/7 mit dem Forschungsschiff Poseidon und in 2011 mit der Maria S. Merian - steuerten die nordmauretanische Küste an. Hier, im Golfe d´Arguin, erweitert sich der schmale Kontinentalschelf der nordwestafrikanischen Küste und es entsteht eine Flachwasserzone von bis zu 150 km Breite. Sie ist im Tropengürtel gelegen, steht jedoch unter dem Einfluss eines Auftriebsgebietes.

Ablandige Passatwinde drücken das Oberflächenwasser von der Küste weg auf den offenen Ozean. Dadurch strömt kaltes und sehr nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe nach. Auf dem flachen Schelf kann es sich auf bis zu 25 Grad erwärmen.

Hochproduktiver Bioreaktor

Das sind außergewöhnliche ozeanographische Verhältnisse. Die Forscher fanden auf dem Schelf sehr trübes Wasser vor. Schon in 2 m Wassertiefe konnte man ein heruntergelassenes Messgerät nicht mehr erkennen. Die nährstoffreichen Wassermassen führen hier zu einer starken Algenproduktion. In Bodenproben vom Schelf konnten die Forscher in einigen Gebieten größere Mengen an Eisen nachweisen. Mit Staubeinträgen aus der Sahara wird es ins Meer geweht und düngt dort die Algen zusätzlich. Ein eutrophes Meeresökosystem mit hoher biologischer Aktivität, ein hochproduktiver Bioreaktor, entsteht.

Die Sedimente auf dem Meeresboden bestehen hier aus dem feinen Sahara-Staub, vor allem aber aus Karbonatablagerungen, den grob- und feinkörnigen Resten von Kalkskeletten. Viele Meerestiere bilden Schalen oder Skelette aus Kalziumkarbonat, so zum Beispiel Muscheln und Schnecken. Diese Schalenreste sammeln sich auf dem Meersboden und gewähren einen Einblick in die Artengemeinschaft der Ökosysteme der Vergangenheit und der Gegenwart.

Wenige Arten, viele Individuen

Die Forscher fanden eine auffallend geringe Artenvielfalt bei gleichzeitig hoher Individuenzahl. Schalen und Gehäusereste weisen auf eine Fauna hin, die typisch für nährstoffreiche Gewässer ist und sich vor allem aus Suspensionsfressern wie Muscheln, Seepocken oder Röhrenwürmern zusammensetzt. Sie filtern das Meerwasser und fangen als Nahrung Kleinstlebewesen oder organisches Material heraus. Immer wieder stießen die Forscher auf eine Muschelart, die in den Ablagerungen stark dominierte: Donax burnupi, die Sägezahnmuschel. Skelettreste tropischer Korallen wurden dagegen trotz der tropischen Wassertemperaturen nicht gefunden.

Tropische Korallen benötigen sehr nährstoffarmes und klares Meerwasser. Sie gehören zu den Organismen, die vom Sonnenlicht abhängen. Symbiontische Algen in ihrem Gewebe betreiben Photosynthese und geben die Stoffwechselprodukte an die Korallenpolypen ab. Erst durch diese Energiezufuhr sind die Steinkorallen in der Lage, ihre großen Kalkskelette zu bilden. Im nährstoffreichen Ökosystem vor Mauretanien dagegen fehlen solche lichtabhängigen Organismen.

Ähnliche Entwicklung in anderen Teilen der Tropen

In weiten Teilen der Tropen zeichnet sich in den Küstenbereichen eine Entwicklung zu ähnlichen Umweltverhältnissen ab. Vielerorts düngen Einträge aus intensiver Landwirtschaft im Hinterland der Küsten die Meere, Schwebstoffe aus Rodungsflächen trüben das Wasser. Die Wissenschaftler vermuten, dass der Schelf vor Mauretanien daher ein Modell für ein tropisches Küstenökosystem darstellt, in dem die Lebensbedingungen für Korallenriffe und ihre Artenvielfalt zerstört wurden. (red)

  • Die Sedimente auf dem Meeresboden vor der nordmauretanischen Küste bestehen vor allem aus grob- und feinkörnigen Resten von Muscheln und Moostierchen.
    foto: nereo preto

    Die Sedimente auf dem Meeresboden vor der nordmauretanischen Küste bestehen vor allem aus grob- und feinkörnigen Resten von Muscheln und Moostierchen.

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