Gesellschaft und Scham

Die Schamlosgesellschaft

Gastkommentar | 6. Juli 2011, 10:09

Kennen wir noch Schamgefühl, wundert sich unser Autor. Oder haben wir einfach aufgehört, uns zu schämen? Und wenn ja, ist dies ein Zeichen unseres gesellschaftlichen Fortschritts oder Ausdruck ihres Regresses?

Auf dem Weg zur Arbeit: Erst schneidet sich ein Mittzwanziger in die Busschlange, was in England einem Sakrileg gleichkommt. Dann hat ein Enddreißiger offensichtlich kein Problem damit, seinen Hund gegen zwei abgestellte Fahrräder pinkeln zu lasen. Und auf den letzten Metern zum Büro offenbart eine Fünfzigjährige der Welt ihre Konturen in einem durchsichtigen (!) Oberteil und lässt mich mit einer Frage zurück: Kennen wir noch Scham?

Denn Scham ist ein Verlegenheitsgefühl, das heute anscheinend ausgedient hat. Und damit meine ich nicht die Scham vor körperlicher Entblößung. Mit der kann es jeder halten, wie er will. Mir geht es um das Gefühl, das uns überkommen sollte, wenn wir soziale Normen verletzen, unehrlich sind, oder Handlungen vollziehen, die eigentlich unserer Achtung zuwiderlaufen.

Ich schäme mich nicht (mehr)

Eben dieses Schamgefühl überkommt uns stetig weniger und manchen Zeitgenossen ist es offensichtlich gänzlich verloren gegangen. Nur so ist wohl zu erklären, dass Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis kein Problem darin gesehen haben, sich in einen Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie berufen zu lassen, während der einen gerade der Doktorgrad entzogen wurde und dem anderen selbiges Szenario droht (an die Rückgabe ihrer Parlamentsmandate denken beide nicht).

Ähnlich, wenngleich weit weniger drastisch, verhalten sich die Bundestagskollegen, welche gerade darüber debattieren, ob der Bürger via Steuersenkungen am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben darf. Die eigenen 7.668 Euro pro Monat lassen sich dagegen ohne große Diskussion aufstocken.

Derweil versucht das Netzwerk LinkedIn, komplett schamfrei an neue Mitglieder zu kommen. Erst verschleiert die Seite, dass nicht nur ausgewählte Bekannte eingeladen werden, sondern solche „Einladungen" an ALLE Kontakte im Adressbuch des Nutzers gehen. Und all diejenigen, die LinkedIn nicht beitreten, werden daraufhin über Wochen mit automatisch generierten „Erinnerungs-E-Mails" genervt. (Full disclosure: der Autor entschuldigt sich seit DREI Wochen bei diversen Empfängern!)

Scham und Zivilisierungsgrad

Zu guter Letzt genügt ein Blick ins abendliche Fernsehprogramm der Privaten, um bei mir eine Gänsehaut zu erzeugen. Denn meistens kann ich nicht schnell genug wegkucken oder umschalten. Und schon setzt sie ein: die Fremdscham. Bisweilen ist es noch lustig zuzusehen, wie sich „Gesangskünstler" bei „DSDS" zum Affen machen. Oftmals nicht.

Scham ist eine Errungenschaft, die erst mit steigendem Zivilisierungsgrad einsetzt. Viele Naturvölker kennen das Gefühl nur in begrenztem Maß. Was sagt dann aber die zunehmende Abstumpfung unseres Schamgefühls über uns aus? Wir können argumentieren, dass die Entwicklung von Scham wohl einer inversen U-Form folgt. Somit ist die Abnahme von Scham lediglich Ausdruck des stetig steigenden Zivilisierungsgrades unserer Gesellschaft. Oder aber der Ausdruck ihres Regresses. (derStandard.at, 6.7.2011)

Autor

Mark T. Fliegauf ist Journalist, Politologe und Kommentator. Fliegauf lehrt Führung und Politik an der LMU München und ist Academic Visitor der University of Oxford.

Kommentar posten
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Tip Toe Thru The Tulips
00
wünsch dir was

"hast du einen schönen Busen, trage transparente Blusen", Dietmar Schönherr, Vivi Bach, 70er.

ps: eine 20jährige hätte dürfen??

sixela
03

In den 1970ern hat man endlich gelernt die Prüderie abzulegen. Irgendwie kommt sie jetzt mit aller Gewalt zurück.

Mathias
 
00
10.7.2011, 22:56
tja..

.. das ist seit über 10 Jahren "trend" in den USA, und das kommt wie so manch anderer "Schei**" wohl auch nach Europa .. wieder einmal ...

sixela
10
11.7.2011, 00:03

Nein, der Trend ist weltweit, kommt nicht originär aus den USA (wo im übrigen mehr positive Trends herkommen als es Ihrem Vorurteil entspricht)

Mathias
 
00
12.7.2011, 09:10
Prüderie wurde unter G.W. Bush quasi zur "Normalität"

... so Bewegungen wie "Kein Sex vor der Ehe" oder "Heimat über alles" .. naja letzteres gibt es wirklich weltweit ... in Russland übgrigens "Putin-Jugend" genannt ...

Wo sind hier Vorurteile zu finden? Oder haben Sie noch nie Fox-News gesehen? Kommentare von republikanischen Abgeordneten, die eine hohe Anhängerschaft haben?

sysiphos
 
11
schwacher artikel

thema klang interessant, doch handelt es sich nur um eine willkürliche verknüpfung von höchst banalen individuellen empfindungen und eine äußerst fragwürdige und oberflächliche reflexion. wirklich erschreckend schwach, das könnte ohne weiteres in news oder heute stehen.

Sepp Maier
01
Kann der Verlust des Schamgefühls

bei Bankern, Spekulanten, Fondsmanagern, Politikern etc. den Verlust des eigenen Schamgefühls rechtfertigen? Ich denke, dass er das nicht sollte.

Womit wir wieder beim kat. Imp. wären, den Kant nicht "erfunden" hat.

Pefo
03
...mit steigendem Zivilisierungsgrad...

Wenn das Schamgefühl direkt vom Zivilisierungsgrad abhängt, frage ich mich, wo sich die Scham der hochzivilisierten christlichen Welt versteckt hat, als
sie ganze Völker versklavte und diesen Menschen alle Freiheiten nahm?

NPT
00
?

Was soll dieser unsinnige Kommentar?

Pefo
00

Denken Sie nach!

Lichtfreak
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Ist der Ruf mal ruiniert

lebt es sich ganz ungeniert!

ela vie
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weniger die schamfrage, als ganz einfach die tatsache, dass es kultur- und niveaulose menschen schon immer gab und geben wird. so ist nun mal das leben. ausserdem, wenn ich mich so erinnere, wie der hundertwasser nackert vor der firnberg herumgehüpft ist oder der mühl seine kommune gründete...und das war vor rund vierzig jahren...

sooo funny
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wer unverschämt agiert

die schamgrenzen außer kraft setzt und andere stets zu beschämen versucht, versteckt damit wohl selber ziemlich gut etwas vor der umwelt oder versucht es zumindest. hinter der "riesenshow" stecken, wie jeder weiß, arme fremdbestimmte würstchen, die grundlegende konflikte nicht lösen konnten und wohl auch nie lösen werden. und was soll man schon entgegensetzen, es würde sofort als prüderie und kleinkariertheit verunglimpft werden.

Vienna Gambit
 
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Scham bringt niemanden weiter

Was wir brauchen ist schlichtweg die Implementierung des kategorischen Imperativs in unser Denken.

Ich meine außerdem, der Autor sollte seine Einstellung gegenüber Naturvölkern überdenken: Diese sind uns oft im Zusammenleben weit voraus. Ein Vordrängen oder andere Rüpelhaftigkeiten sind bei diesen Völkern undenkbar. Der Autor widerlegt durch seine abendländische Selbstherrlichkeit auf diese Art seine eigene These.

Und wenn er im selben Ausmaß über Zivilcourage verfügen würde wie über Scham, hätte er womöglich die Personen, deren Fehlverhalten er hier anprangert zum betreffenden Zeitpunkt darauf angesprochen. Doch die Scham hat ihn feig gemacht!

weisungsgebunden
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Woher hat er bitte die Behauptung: "Viele Naturvölker kennen das Gefühl nur in begrenztem Maß"?

Nach allem, was ich über sogenannte "Naturvölker" gelesen habe, ist das Einhalten der jeweiligen sozialen Regeln in diesen Gesellschaftzen extrem wichtig. Und manche diese Regelungen sind viel "einengender" als die entsprechenden bei uns- z.B. die sehr komplexen Heiratsregeln bei vielen australischen Aborigines (dagegen waren die hausinternen Heiratsregeln des Hauses Habsburg ein Lercherschas) oder in manchen indianischen Gesellschaften das Schwiegermutter- Tabu (Schwiegermutter und Schwiegersohn dürfen sich sich nicht direkt ansehen oder miteinander sprechen).
Und viele andere, jeweils kulturspezifische Regeln und Tabus. Und Verstöße gege dieselben werden natürlich (auch) durch Beschämung sanktioniert.

Steinbock1959
00

Ich schätze, dass es die gibt, die sich wegen ihren kleinen Fehler schämen und dass es die gibt, die sich wegen nichts mehr schämen, dass die dann einfach nur mehr unverschämt sind.

werwolfi
11

zeitung lesen, tv aufdrehen - und man kann sich erstens fremdschämen bis die schwarte kracht und sieht zweitens glasklar, woher die senkung der schamschwelle kommt.

das einzige wo sie absurderweise steigt, ist bei allem, was mit körperlichkeit, nacktheit, sexualität zu tun hat, wenn auch erst auf den zweiten, tieferen blick - ein neues biedermeier, wo sich gleichzeitig keiner irgendwas sch...ert, ob er durch seine handlungen anderen möglicherweise schadet.

Lizz
00
ich differenziere an der stelle zwei begriffe

scham hat etwas mit recht und unrecht zu tun. die peinlichkeit nicht.

verwaschen ausgedrückt schäme ich mich für nichts außer es geht darum, dass ich etwas unrechtes getan habe wofür ich mich später schäme.

klarer wäre es: ich schäme mich sehr wohl, wenn ich etwas unrechtes mache, den fehler einsehe und verlegen um vergebung bitte (zB unfaire argumentation in einem streit in einer beziehung und vor allem auch lügen). aber mir ist nichts peinlich (tanzen, falsch singen, klamotten usw).

aus persönlicher erfahrung sind für mich folgende dinge gegenspieler:

egoismus <-> scham
selbstbewusstsein <-> peinlichkeiten

damit lassen sich auch die beispiele im artikel besser differenzieren.

Pefo
00
"Scham hat etwas mit recht und unrecht zu tun."

Nein, Lizz,

nur mit der Einbildung, etwas Unerwünschtes zu tun. Wir leben in einer Welt der sozialen Normen und viele werden erzogen, sich zu schämen, wenn sie gegen diese verstoßen. Muß aber nichts mit Recht/Unrecht zu tun haben.
Als ich zur Schule ging, wurden Mädchen mit Hosen nach Hause zum Umziehen geschickt und Burschen mit Haaren, die über den Kragen reichten, zum Friseur.
LehrerInnen, ProfessorInnen, selbst die Eltern hörte man: "Du sollst Dich was schämen, wie Du wieder ausschaust...!"
Priester und Nonnen in meinem Klosterinternat erklärten, uns schämen zu müssen, weil wir das Tischgebet zu schnell aufsagten.
Sie hätten sich schämen müssen, uns zu dieser Norm zu zwingen!

Nun, Lizz, haben diese Jugendlichen Unrecht getan?
Recht/Un

Lizz
00
teil 2

egoismus lässt mich meine eigenen prinzipien brechen. zumindest diese, welche sich auf zwischenmenschliches beziehen. dafür schäme ich mich.

unwichtiges kann keine scham auslösen. es wird maximal ein bisschen peinlich, wenn ich einen schlechten tag habe (sprich niedriges selbstbewusstsein), aber mich so verhalte als wäre es gerade groß. peinlich, weil ich weiß, was die andren gerade denken werden und es mir gerade nicht egal ist. ich schäme mich aber nicht für meine handlung, da ich sie eigentlich gutheiße.

recht/unrecht, weil meine prinzipien auf "halte ich für richtig - halte ich für falsch" hinauslaufen.

..um obiges posting ein bisschen zu entwirren.

Lizz
00
teil 1

ich muss ihnen zustimmen. auf "einbildung etwas unerwünschtes zu tun" reduziert haben sie recht.

mein obiges posting ist unbrauchbar formuliert. aufs wesentliche reduziert wird scham von dingen ausgelöst, die mir persönlich wichtig sind und der rest ist .. naja, unwichtig eben.

die beweggründe sind dabei egal. ich lebe nach persönlich definierten prinzipien und breche ich diese, so ist es für mich unerwünscht -> scham

andre menschen leben beispielsweise zu 100% nach gesellschaftlichen normen und schämen sich, wenn sie diese brechen, da sie eben für sie wichtig sind.

ich bin selbstbewusst und setze mich deswegen über unsinnige normen/verhaltenswünsche hinweg. sind sie für mich unwichtig, so empfinde ich keine scham.

Hermine Berg
 
16
was ist da verwunderlich?

die "spitzen der gesellschaft" leben es uns taeglich vor. scham ist ein oft mit geld zu quantifizierender nachteil. wer sich davon befreit wird reicher sein und mehr bewundert werden.

Harry Y.
 
00
Das letzte Mal, als das geschah, im deutschsprachigem Raum, dass "alle Schamgrenzen fielen", wurde bald darauf das Dritte Reich gegründet. Dieser Prozeß dauerte einige Jahre. Es kamen solche Leute nach oben.

Der Ausdruck ihres Regresses also sicherlich.
Hat imho vielleicht

1) mit dem vermehrten Aufkommen von Rechtsextremen in Europa
2) mit steigendem Leistungsdruck in der Erwerbsarbeit, steigender Konkurrenz, Ellbogenmentalität, - Ich-AG,
3) mit zunehmender Psychopathie
4) mit der steigenden Bedeutung des Internets - watscheneinfache Publizität! Dadurch fällt sie mehr auf... (Nun ja, jedenfalls kann da jeder schamlos und respektlos seine oder ihre Ignoranz und Dummheit psychopathisch ausagieren, der will: und falls ich mich nicht abgrenze, höre ich Idiot mir jeden Tag an, was bisher in irgendeinem Beisl, an irgendeinem Stammtisch, so versandelte, wie es solchen Sauereien eigentlich gebührte.)
5) Mit schlechter Erziehung

zu tun.

komajo
03
Scham

ist Zweifel an sich selbst. Um zweifeln zu können muss man etwas wissen: Regeln, Normen etc. Daher schämen sich Dumme selten.
Diese Tatsache ist ein Indiz für die Verblödung unserer Gesellschaft, aber nicht für eine politische Extremisierung.

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