Irene Brickner

Mindestsicherung und Datenschutz: Offenbarungseid für Arme

Kommentar | 5. Juli 2011, 21:51

Kontrollwillen kann man auch übertreiben: Die exzessive Datenübermittlung über Mindestsicherungsbezieher zeigt es

Die bedarfsorientierte Mindestsicherung ist ein Auffangnetz, ein Instrument sozialer Solidarität. Sie bewahrt Menschen vor dem Absturz in existenzielle Armut, die - meist vorübergehend - aus eigener Kraft nicht für ihren Lebensbedarf sorgen können. Insofern ist es verständlich, wenn die öffentliche Hand vor der Ausbezahlung dieser Sozialleistung Wert auf Transparenz legt: Die Mittel sollen jenen zukommen, die sie wirklich brauchen.

Doch diesen Kontrollwillen kann man auch übertreiben: Die exzessive Datenübermittlung über Mindestsicherungsbezieher zeigt es. 15 Stellen werden in Wien kurzgeschlossen, bevor Geld an einen Bedürftigen fließt, in den anderen Bundesländern sind es nicht weniger. Es scheint, als glaubten sich die Sozialbehörden befugt, Menschen in sozialen Notlagen den Schutz des Privaten, der das Recht auf Datenschutz mit umfasst, abzusprechen. Dass Betroffene eigens deklarieren müssen, mit den Datentransfers nicht einverstanden zu sein, um sie zu verhindern, zeigt, für wie "normal" im Sozialstaat Österreich eine solche Entrechtung gehalten wird.

Doch das ist sie keineswegs. Was geht es einen Hausbesitzer an, wenn sein Mieter Mindestsicherung bezieht - solange er nur die Miete gezahlt? Nichts, absolut nichts. Im Gegenteil: Eine solche Datenweitergabe grenzt an Rufschädigung und stigmatisiert. Mit Armutsverhinderung durch Überbrückungshilfen hat das nichts mehr zu tun.  (Irene Brickner, DER STANDARD; Printausgabe, 6.7.2011)

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Harry Y.
 
02

Sehe ich genauso, one golden star.

bläh! bläh!
03

es ist wichtig, dass die armen glauben, es sei ihre eigene schuld (oder die der ausländer oder anderer sündenböcke).
dabei hängt der wohlstand in einem land eher an wechselkursen, zinsen und ölpreisen als an einem selbst.

Gewitterfreak
01
Bei allem Verständnis für ordentliche und nachvollziehbare Abläufe,

aber die Weitergabe personenbezogener Daten ohne ausdrückliche Zustimmung des Betroffenen (und ohne dass er dazu genötigt wird) ist ein Rechtsverstoß.

Und wie heißt es so schön im BVG? Die Verwaltung darf nur aufgrund der Gesetze tätig werden (darf also keine Willkür ausüben).

Was Recht ist muss auch Recht bleiben.

cgau
20
Recherchieren hilft, theoretisch halt...

@Fr. Brickner: es ist einfach obskur und ahnungslos, wenn Sie in Ihrem Artikel den Eindruck erwecken, dass bei einem Antrag auf BMS der Vermieter vom Sozialzentrum informiert wird, dass ein Mieter BMS bezieht!
was sollte der Sinn davon sein, wenn klar ist, dass die Mieten bezahlt sind ??? die Leute, die in Sozialzentren arbeiten und mit denen ich beruflich zu tun haben, sind üblicherweise heilfroh, wenn klar ist, dass kein Mietzinsrückstand besteht, weil die Leute die Bezahlung der Mieten nachgewiesen haben und würden nicht im Traum daran denken einen Vermieter zu informieren! Wozu??
In diesem Bereich gibts 100mal größere Probleme (endlose Wartezeiten bis Auszahlung, fehlende Beratung etc) aber nicht dieses Pseudoproblem für Ahnungslose!

Harry Y.
 
02

Es wird vom MA 40 beim Vermieter angefragt; folglich weiß der sofort, dass der betreffende Mieter MS bezieht.

Alo
01
Genau.... und dann "verschwinden" noch viele Anträge

und Armut-Betroffene werden monatelang hingehalten oder werden inzwischen delogiert und obdachlos!

Siehe Sozialarbeiter-Petition:
"Her mit der Mindestsicherung 2.0:
http://www.wien-sozialarbeit.at/bms20

Aktive Arbeitslose
05
Wir haben schon lange davor gewarnt

Der Verein AKTIVE ARBEITSLOSE hat schon vor über einem Jahr vor all dem gewarnt, was nun schrittweise ans Licht kommt. Damals wollte niemand davon lesen oder hören (was von "unten" kommt wird ja prinzipiell ignoriert in den staatsgläubigen Medien), Recherche ist ja in den personell unterbesetzten Redaktionen heutzutage sowieso nur noch ein Fremdwort ...

http://www.aktive-arbeitslose.at/mindestsicherung

Michael Tfirst
 
03
Und ich warnte schon lange. Zeitungsartikel über mich gab es zu Hauf, als ich als AMS-Berater die gravierensten Mängel des AMS zuerst intern, (es blieb aber alles ohne Konsequenzen) und dann öffentlich aufzeigte. Plötzlich wurden

Scheinreparaturen vorgenommen. Aber so wie dieses Grundeinkommen jetzt dasteht und als soziale Hängematte absichtlich von den Öffentlichkeitsarbeitern negativ propagierend begleitet werden muss, genau über dieses Ergebnis und vor allem wie darauf hingearbeitet wird, hatten wir AMS-Berater schon vor 15 Jahren in AMS internen Jourfixgesprächen zu diskutieren. Vorgabe war nur, dass die Gemeinde Wien (Häupl) in Verbindung mit dem Sozialministerium (Hostasch) so ein System haben will, das zur Umsetzung bis zu 15 Jahre brauchen kann.

http://weristherbertbuchinger.blogspot.com/

MfG
Michael Tfirst

Fred Wirtschaftsflüchtling
30
Wenn dem Steuerzahler exzessive Datenübermittlung zugemutet wir,d

so wird dass beim Bezieher dieser Transferzahlungen ja wohl auch erlaubt sein. - Jeder Euro ist zu rechtfertigen. Politische Ideologien haben hier nichts verloren!

1116er
01

und morgen schickt das finanzamt eine kopie deines steuerbescheids an deinen vermieter...

Aktive Arbeitslose
03

Offenbar nix verstanden: Es regt sich niemand darüber auf, dass die Behörde kontrolliert.

Was braucht der Vermieter oder der Arbeitgeber zu erfahren, dass ein Mensch Mindestsicherung bezieht?

Schließlich sind die MindestischerungsbezieherInnen auch nicht dafür verantwortlich, dass die Wirtschaft nicht ausreichend fair bezahlte Jobs zur Verfügung stellt.

Adsharta
01

Mir geht in dem Artikel aber ebenfalls ab, was man eigentlich offenlegen muß. Für durchaus gerechtfertigt halte ich z.B. Einnahmen aus Vermietungen etc. bzw. sonstige Einnahmequellen.

Bin zweifellos mit dem linken Fuß aufgestanden...
50
Wenn man das Leben vom Steuerzahler bezahlt bekommt,...

...sollte man bitte nicht noch Forderungen stellen, damit es noch bequemer geschehen kann. Das könnte den Bogen überspannen und dazu führen, dass die steuerzahlende Bevölkerung Lust bekommt, den Sozialstaat massiv zu verkleinern.

Unser Staat erlaubt durchaus Anonymität. Aber dann gibts halt kein Geld vom Staat.
Es kann nicht sein, dass man die Vorzüge eines Sozialstaats genießen will, aber die (ohnehin lächerlich kleinen) Gegenleistung nicht bringen will.

Peter W01
00
26.10.2011, 11:50

Der Staat stellt allerdings nicht genug Arbeitsplätze zur Verfügung.

Harry Y.
 
00

Oh, die lächerlich kleinen Gegenleistungen.
Oh..och die... aber halt! da war doch noch die Arbeitslosenversicherung??

Adsharta
00

In Zeiten, in denen ein Laib Brot teilweise die 2 Euro Grenze übersteigt, ein Viertel kg Butter, 1,85 Euro kostet, halte ich es für durchaus notwendig, daß Menschen, die aus dem einen oder anderen Grund, sei es jetzt aus psychischen Gründen oder plötzlich alleinerziehend unterstützt werden. Vom Arbeitsamt werden den Leuten teilweise Jobs zugemutet, bei denen sie 60 km fahren müssen und daß wenn in der Familie vielleicht "nur" ein Auto vorhanden ist und auch noch 2 Kinder zu betreuen sind und dazu vielleicht noch im ländlichen Raum keine Ganztagsbetreuung angeboten wird. Wenn normal verdienende Familien jeden Cent umdrehen müssen, das läßt doch aufhorchen. Eine kaputte Waschmaschine und gleichzeitig ein defektes Auto kann einen dann schon

Adsharta
00

an den Rand einer Katastrophe bringen. (Habe hier wohl die Zeichenlänge überschritten).

Bin zweifellos mit dem linken Fuß aufgestanden...
10
Bezweifelt ja keiner.

Aber es ist ja dann nicht zuviel verlangt, wenn man die zur Kontrolle des Anspruchs erforderliche Daten liefern soll.

Harry Y.
 
00

das nicht, aber die datenweitergabe an 15 div. stellen ist halt doch so ein kleines problemchen

thomasthomasthomas
02
Um nachvollziehen zu können,

worüber sich die Verfasserin des Artikels empört (und sich allenfalls mitempören zu können), wäre es hilfreich, würde aus dem Artikel hervorgehen, welche Daten aus welchem Grund an welche Stellen weitergeleitet werden.

Chocoholic
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das hab ich mir auch gedacht...

sljudanka
63
Naja, früher hatten es Leute schwerer die aus bestimmten Gegenden kamen

weil man schlechte Erfahrungen mit Leuten von dort hatten.

Heute wird diese Einschätzung eben finanziell getätigt: wer MS erhält, ist anscheinend nicht fähig, sein Lebenseinkommen selber zu bestreiten.

das kann viele Gründe haben, aber die Erfahrung zeigt, dass der Grossteil (auch) selber verantwortlich dafür ist (Drogensucht, Schulden aufgrund unmässigenLebenswandels, unverantwortlicher Lebensstil, eingeschränkte Intelligenz, Arbeitsscheu, usw.).

Das mag man als Stigmatisierung empfinden, kann aber auch sinnvoll sein - würden SIE,fr. Brickner jemandem ihre wertvolle Wohnung überlassen wollen, der schon 5 mal Mietnomade war, und die Miete nie bezahlt, unzuverlässig war?

Es geht hier auch um Eigentumsschutz!!

Harry Y.
 
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Wertvolle Wohnung, HA!

Da war ich schon in drei, vier drin. Unerträglich. Wertvolle Wohnungen, dass ich nicht lache. Kann sich gar kein MS-Bezieher leisten. Und woher Sie zu wissen meinen, dass Miete nicht oder unregelmäßig bezahlt wird, ist uns völlig unklar.

Und warum der/die ihre "Wohnung" denn verwüsten sollte? Nein nein: es geht nur darum, dass Vermieter Schiß davor haben, !vielleicht!, um 1 Miete umzufallen. Keiner fragt sich, wo sie denn bitte wohnen sollen, wenn sie keiner haben will: aber das ist wieder typisch für diesen schrankenlosen Egoismus der Immobilienbesitzer - "Von mir aus auf der Straße; aber nicht bei mir!"

Mieter sind ja überhaupt oft Menschen zweiter Klasse in Ihren Augen. Die Fälle von ungenügend funktionierenden Thermen sind Legion.

Harry Y.
 
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Verachtet die Menschen ruhig. Denn was gibt es denn an ihnen Liebenswertes; was?

Man kann also auch als Armer, als Arbeitsloser dazukommen (ja gerade deswegen),bestimmte reiche Menschen, Akademiker, Immobilienbesitzer, mit Statusbewußtsein, die wirklich in ihrer Verblendung glauben, über einen selbst (und vielen anderen) zu stehen, mit durch Erfahrungen legitimiertem Recht, ganz cool und aus tiefster Seele, zu verachten.

Die können mich auf die Straße setzen, ja - aber garantiert werden sie von mir hören (bzw. lesen), und schließlich habe ich verbal und auch sonst einiges drauf.

Sie änderten für mich auch viel in meiner Beziehung zur Menschheit im Allgemeinen, diese Erfahrungen als Transferempfänger.

Herr und Frau Österreicher
 
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Die Erfahrung zeigt genau das nicht! Es ist im Gegenteil eine Minderheit unter den MS BezieherInnen, die arbeitsunwillig sind. Der allergrößte Anteil entfällt auf die Ausgleichzulage (wegen Minilöhnen und Minipensionen)!
Es ist echt beschämend, wieviel unsinn die Leute glauben zu wissen! Dabei ist es heute leichter denn je, sich zu informieren!!!

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