Stellvertreterkriege auf Frauenköpfen

6. Juli 2011, 09:00
115 Postings

Indem kopftuchtragende Frauen vom Arbeitsmarkt verdrängt werden, bestraft man sie dafür, dass sie angeblich unterdrückt werden, sagt die Gleichbehandlungsanwältin.

Wie immer man zum Kopftuch stehen mag: Aus dem Stadtbild einer europäischen Stadt ist es nicht mehr wegzudenken. Dennoch ist das Tragen eines Kopftuchs am Arbeitsplatz nicht immer unproblematisch, wie etwa kürzlich im bekannt gewordenen Fall einer Ärztin, die in einem oberösterreichischen Kurkrankenhaus gebeten wurde, ihr Kopftuch abzunehmen, erzählt Wolfgang Zimmer, Leiter der ZARA-Beratungsstelle für Opfer und Zeuginnen von Rassismus: "Es wurde eine Klage eingebracht, aber das Krankenhaus hat das Urteil nicht abgewartet, sondern sich mit der Klägerin auf einen finanziellen Vergleich geeinigt." Ums Geld geht es den Betroffenen aber meistens gar nicht, weiß Zimmer, sondern darum, "dass die Diskriminierung aufhört, dass man gleiche Jobchancen am Arbeitsmarkt hat."

Rechtliche Aufklärung

ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) kooperiert in Fällen von Diskriminierung aufgrund von Kopftuch eng mit der Anwaltschaft für Gleichbehandlung, die im Jänner dieses Jahres eine Broschüre zum Thema "Kopftuch am Arbeitsplatz" herausbrachte. Darin werden Kopftuch tragende Musliminnen, die am Arbeitsmarkt bzw. am Arbeitsplatz eine Benachteiligung erfahren, über ihre Rechte aufgeklärt.

Wohlgemerkt, es geht ausschließlich um das religiös motivierte Tragen eines Kopftuchs in der Privatwirtschaft, präzisiert Gleichbehandlungsanwältin Constanze Pritz-Blazek: "Wenn jemand aus modischen Gründen eine Kopfbedeckung tragen möchte, sind wir nicht zuständig. Ein Baseballmützenträger hat keinen Anspruch auf das Tragen seiner Baseballmütze, eine Muslimin aber sehr wohl auf das Tragen ihres Kopftuches." Wird da nicht mit zweierlei Maß gemessen? "Uns geht es um die Benachteiligung aufgrund der Religionszugehörigkeit", so Pritz-Blazek. "Die Aufforderung durch den Arbeitgeber, das Kopftuch abzunehmen, fällt unter religiöse Diskriminierung."

Kopftuch als Hauptproblem

Das Gleichbehandlungsgesetz soll zwar Arbeitnehmern aller Konfessionen Schutz bieten, dennoch weiß man in der Anwaltschaft aus Erfahrung, dass religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz hauptsächlich im Zusammenhang mit dem Kopftuch stattfindet. Bekannt sind jedoch auch andere Beispiele, wie etwa der Fall eines Sikhs, der im Rahmen einer AMS-Maßnahme seinen Dolch tragen wollte. "Seine Beschwerde wurde abgewiesen", erzählt Pritz-Blazek. "Die Ausnahmen müssen sich in Grenzen halten, sonst wird das Gleichbehandlungsgesetz ad absurdum geführt." Bei anderen Aspekten der Religionsausübung wie etwa Gebetszeiten und Fasten gäbe es am Arbeitsplatz erfahrungsgemäß keine Probleme, weil diese sich im Rahmen eines bestehenden Dienstverhältnisses abspielen: "Das wird nicht thematisiert, die Leute fasten dann halt."

Legitimes Ziel, geeignete Mittel?

Konkret geht die Gleichbehandlungsanwaltschaft im Falle einer Beschwerde folgendermaßen vor: Zunächst wird geprüft, ob tatsächlich religiöse Diskriminierung vorliegt. Anschließend gilt es im Gespräch mit dem Arbeitgeber herauszufinden, ob ein legitimes Ziel vorliegt - wie z.B. ein einheitliches Bild in einer Lebensmittelkette oder einem Fast-Food-Restaurant - und ob die Forderung nach dem Abnehmen des Kopftuchs ein geeignetes Mittel darstellt, oder ob es auch gelindere Mittel gibt, ob es also möglich wäre, das Kopftuch in die Uniform zu integrieren. Zu arbeitsrechtlichen Gerichtsverfahren sei es bislang nicht gekommen, weil bereits vor dem Urteil ein Vergleich erzielt werden konnte.

"Stellvertreterkriege"

Die Hemmschwelle, sich an eine staatliche Stelle zu wenden, sei für die Betroffenen hoch, erzählt Pritz-Blazek: "Bedauerlicherweise führen unsere Klientinnen Stellvertreterkriege. Sie müssen nicht nur für sich kämpfen, sondern auch für alle anderen Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind. Dieses Gefühl erzeugt Druck, dem gerade die jungen Frauen nicht gewachsen sind."

In der Arbeitswelt auf das Kopftuch reduziert zu werden - das mache vielen Frauen zu schaffen. In der Schule oder an der Universität wird das Kopftuch für gewöhnlich nicht problematisiert, aber dann, bei der Job-Bewerbung wird das Kopftuch als identitätsstiftendes Merkmal zum Thema.

Bestrafung für Unterdrückung?

In der Weigerung der Arbeitgeber, Kopftuch tragende Frauen einzustellen, ortet die Gleichbehandlungsanwältin ein Paradoxon: "Das Kopftuch wird als ein patriarchales Unterdrückungsinstrument verachtet, aber indem man die Frauen vom Arbeitsmarkt verdrängt, bestraft man sie noch einmal dafür, dass sie angeblich unterdrückt werden." Dabei würden gerade Arbeit suchende Frauen nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung streben, und ein Kopftuchverbot sende das falsche Signal. Eine mögliche Reaktion der Frauen sei der Rückzug in die Häuslichkeit oder in Familienbetriebe. (Mascha Dabić, 6. Juli 2011, daStandard.at)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In der Weigerung der Arbeitgeber, Kopftuch tragende Frauen einzustellen, ortet die Gleichbehandlungsanwältin ein Paradoxon: "Das Kopftuch wird als ein patriarchales Unterdrückungsinstrument verachtet, aber indem man die Frauen vom Arbeitsmarkt verdrängt, bestraft man sie noch einmal dafür, dass sie angeblich unterdrückt werden."

Share if you care.