Klagenfurt

Wie man den Bachmannpreis nicht gewinnt

5. Juli 2011, 17:06
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    foto: johannes puch

    Vor dem Spiel ist nach dem Spiel lautet eine alte Fußballer-Weisheit. Unser Bild zeigt, wie es vor dem Bachmannpreis (Eröffnung heute 20.30 Uhr) im Klagenfurter ORF-Theater aussieht.

Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" werden am Mittwoch mit einer Rede des Schweizer Autors Urs Widmer eröffnet

Wien - Was Verdun für den Ersten Weltkrieg und Dijon für Senf bedeute, sei Klagenfurt für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur, schreibt der Kritiker Richard Kämmerlings in Das kurze Glück der Gegenwart, einem Rückblick auf die - bundesdeutsche - Literatur seit 1989.

Im Laufe ihrer mittlerweile 35-jährigen Geschichte wurden die "Tage der deutschsprachigen Literatur" auch schon mit russischem Roulette, Castingshows oder standrechtlichen Erschießungen verglichen. Und ob es sich nun beim ORF-Theater-Klagenfurt, wo in den nächsten vier Tagen um den Bachmannpreis gelesen wird, um einen literarischen "Gedächtnisort" handelt, bleibe einmal dahingestellt.

Sicher aber ist, dass es sich bei der Veranstaltung - 14 Autoren lesen vor Publikum und von 3sat live übertragen eine halbe Stunde ihren Text, anschließend diskutiert die Jury 30 Minuten über das Gelesene - mittlerweile um ein Ritual handelt. Und Rituale haben es an sich, dass sie mit entsprechendem Brimborium angekündigt wie begangen werden und meist angenehm folgenlos bleiben.

Ebenso berechenbar wie die Veranstaltung ist auch die alljährliche Kritik am Bachmannpreis, bei dem, wie Angela Leinen in ihrem Buch Wie man den Bachmannpreis gewinnt launig anmerkt, "zweifelhaft gekleidete Personen (...) herzlos mit den Autoren umspringen und wirre Argumente garniert mit privaten Geschmacksäußerungen vortragen".

Wie man den Bachmannpreis gewinnt, wird in Leines Buch, das vor allem eine kleine Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben bietet, natürlich nicht beantwortet - wie man ihn nicht gewinnt, beziehungsweise welche Fehler (schlechte Sexszenen, das Ausbreiten fader Autorenleben!) zu vermeiden sind, schon eher.

Interessant auch die Passagen über die "automatische Literaturkritik der Riesenmaschine" (lesemaschine.de), die nach festgelegten und jährlich verfeinerten Kriterien die Klagenfurter Wettbewerbstexte bewertet - und 2008 mit Tilman Rammstedt denselben Preisträger wie die Jury ermittelte.

Breit geht Leinen auch auf das symbolische Kapital ein, das in Klagenfurt umgesetzt wird, auf die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die Verbandelungen und Selbsbezogenheit des Literaturbetriebs (Autoren, Verlage, Kritiker, Agenten). Empfehlenswert zu diesem Thema ist auch Doris Mosers Untersuchung Der Ingeborg-Bachmann-Preis. Börse, Show, Event.

Eröffnet werden die "Tage der deutschsprachigen Literatur" am Mittwoch (20.30 Uhr) mit der "Rede zur Literatur", diesmal von Urs Widmer zum Thema "Von der Norm, der Abweichung und den Fertigteilen". Anschließend wird die Lesereihenfolge per Ziehung ermittelt.

Ironman schlägt Literatur

Ab Donnerstagmorgen, 10.15 Uhr, geht's dann mit der ersten Lesung zur Sache. Neben Julya Rabinowich, Daniel Wisser und Maja Haderlap aus Österreich werden Antonia Baum, Nina Bußmann, Gunther Geltinger, Thomas Klupp, Steffen Popp, Anna Maria Praßler, Leif Randt, Anne Richter, Maximilian Steinbeis aus Deutschland und die Schweizer Michel Bozikovic und Linus Reichlin lesen. Am Sonntagmorgen (11.30 Uhr) werden schließlich die fünf Preise (insgesamt 56.000 Euro) vergeben, wobei der Ingeborg-Bachmann-Preis mit 25.000 Euro zu Buche schlägt.

Die siebenköpfige Jury bleibt mit Ausnahme von Daniela Strigl, die Karin Fleischanderl nachfolgt, unverändert. Eine kleine, aber entscheidende Änderung im Vergleich zu den vergangenen Jahren bedeutet die Verschiebung des Bewerbs um eine Woche in den Juli, weil vergangenes Wochenende - im Leben muss man eben Prioritäten setzen - in Klagenfurt der Ironman-Austria-Triathlon stattfand. Immerhin unterbot dessen Sieger den Weltrekord. Mal sehen, was diesen Sonntag passiert. (Stefan Gmünder/DER STANDARD, Printausgabe, 6. 7. 2011)

Kiki Novak
00
Schüttelreim zum Thema

Z'erst hab ich meinen Text gesagt,
Dann habt ihr zu sechst getagt;
Doch der Preis - benannt nach Bachmann -
War nicht im Bereich des Machba'n.

Camcor'der Sheen
00
10.7.2011, 23:28

Ja, aber es sind mehr als 6 Juroren. Daher leider falsch.

WalterT
00
Korrektur

Die Fussballerweisheit lautet "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel". Der Artikel ist trotzdem gut!

gastrosoph
01
Fadesse

Eine heutige Ingeborg Bachmann oder ein Thomas Bernhard würden heute keinen Preis gewinnen.

Sven Dirks
00
Seit 2006...

...als Kathrin Passig sich den Bachmannpreis angekündigt erschrieben hat, wird doch eh nur noch furchtbar verschwurbeltes, unlesbares Zeugs dort zugelassen.

Man möchte sich doch nicht noch einmal so vorführen lassen :-)

Camcor'der Sheen
00
10.7.2011, 23:31

wieso angekündigt?
und dass die frau vorher noch nichts literarisches geschrieben hatte, wussten alle.
der text war poppig gut und dass bis heute nichts folgte außer über-cleveren und unter-unterhaltsamen sachbüchern für die zugfahrt, war nicht abzusehen.

Schicke Schickse
02
fauser und andere probleme:

es war der große jörg fauser, der in klagenfurt nicht nur scheiterte - sondern sich auch noch von einem ex-großkritiker untergriffig abqualifizieren lassen musste.
dass es eine gebrauchsanweisung fürs gewinnen gibt, ist logisch. es ist halt vieles vorhersehbar, inhaltlich wie formal. leider auch, dass ein großteil dieser literatur und ihrer urheber im orkus verschwindet.
in zusammenhang dazu passt die weitgehende internationale irrelevanz der deutsch(sprachig)en gegenwartsliteratur. kaum etwas wird übersetzt, und damit meine ich nicht exotische sprachen, sondern englisch oder französisch. leider ist das der sich selbst hochlobenden deutsch(sprachig)en literaturszene egal. denen ist egal, dass dies eine kulturelle katastrophe darstellt.

Franzerle
00

deutsch(sprachig)?

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