Nunmehr alleiniger Parteichef: Angelino Alfano
Als er 1996 erstmals den sizilianischen Regionalrat betrat, verlangten die Amtsdiener den Ausweis des damals 26-Jährigen: Angelino Alfano zog als jüngster Abgeordneter in den geschichtsträchtigen Palazzo dei Normanni ein.
Die steile Karriere des in Mailand promovierten Juristen hatte in der christdemokratischen Jugendbewegung in Agrigento begonnen. Nach einem TV-Auftritt von Silvio Berlusconi, bei dem er sich "in den Cavaliere verliebte" , wechselte er zu dessen Partei Popolo della Libertà (PdL). Und mit 37 wurde er zum jüngsten Justizminister der italienischen Geschichte.
Alfano revanchierte sich mit einem Immunitätsgesetz, das den Inhabern der vier höchsten Staatsämter Schutz vor Strafverfolgung sicherte. Doch die "Lex Alfano" wurde schon bald vom Verfassungsgericht aufgehoben.
Am Wochenende erkletterte der dynamische Ziehsohn des Premiers nun die bisher höchste Sprosse seiner Karriereleiter. Mehr als tausend PdL-Delegierte begrüßten ihn auf dem Nationalkonvent mit Ovationen, als sein zu Tränen gerührter Mentor den Arm des neuen Parteichefs in die Höhe reckte.
Freilich beneiden ihn nicht allzu viele um den neuen Job. Die Partei gilt als Schlangengrube. Die Widersprüche waren beim Konvent auch nicht zu übersehen: Während Alfano eine "Partei der Verdienste und Talente" forderte, saß das von Berlusconi in den Mailänder Regionalrat gehievte und in die "Causa Ruby" verwickelte Exshowgirl Nicole Minetti in der ersten Reihe.
Der neue Parteichef wurde per Akklamation bestellt, um eine Zählung seiner Gegner zu vermeiden - doch es wäre ungerecht, Alfano zu unterschätzen. Gewiss: Der Justizminister, der sein Amt demnächst niederlegt, ist ein hundertprozentiger Parteigänger Berlusconis. Aber ihm fehlt die servile Attitüde, die viele Höflinge des Cavaliere auszeichnet. Alfano ist kein Hardliner, sondern ein Mann des Dialogs. Der zerstrittenen Partei drohte er gleich zu Beginn mit dem Besen, forderte "Regeln und Sanktionen" : "Wir können nicht dulden, dass jeder, der mit einem Bürgermeister nicht einverstanden ist, seine eigene Coca-Cola-Partei gründet!"
Der 40-jährige Vater zweier Kinder wird viel Energie benötigen, um den Popolo della Libertà zu einer Partei mit demokratischen Gepflogenheiten umzugestalten. Und noch mehr Kraft wird er aufwenden müssen, um aus dem Schatten seines allmächtigen Mentors zu treten, den er stets "presidente" nennt. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2011)