Angst vor der bösen Qualle "kleine Cubozoa"

Interview | Oliver Mark
11. Juli 2011, 09:54
  • Der Biologe und Leiter des Department für Meeresbiologie der Universität Wien, Gerhard Herndl, erhält den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis 2011.
    foto: apa/hochmuth

    Der Biologe und Leiter des Department für Meeresbiologie der Universität Wien, Gerhard Herndl, erhält den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis 2011.

Meeresbiologe Gerhard Herndl im Karriere-Telegramm über seinen Beruf, Tops und Flops sowie eine böse Medusa

"Ich versuche das Funktionieren der Meere zu verstehen." So würde Gerhard Herndl einer Dreijährigen seinen Job erklären, wie er im E-Mail Karriere-Telegramm von derStandard.at erklärt. Meeresbiologe Herndl wurde neben Jan-Michael Peters, ebenfalls Biologe, mit dem 1,5 Millionen Euro schweren Wittgenstein-Preis ausgezeichnet.

derStandard.at: Sie haben den Wittgenstein-Preis erhalten. Wie war Ihre erste Reaktion?

Herndl: Ich war natürlich sehr überrascht, da es eine Reihe exzellenter Forscher in Österreich gibt und Meeresbiologie und Ozeanographie nicht im Brennpunkt der Forschung in Österreich als Binnenland liegt.

derStandard.at: Was wird sich für Sie durch das Forschungsgeld ändern? Mehr persönlicher Freiraum oder ist das Geld komplett zweckgebunden?

Herndl: Das mit dem Wittgensteinpreis verbundene Geld wird vor allem dazu verwendet, meine Arbeitsgruppe weiter auszubauen und junge Wissenschafter anzustellen. Die Stellen werden international ausgeschrieben. Zudem werden wohl auch einige Instrumente angeschafft werden, die wir bisher nicht zur Verfügung hatten.

derStandard.at: Vom größten Erfolg zum größten beruflichen Flop. Was war das?

Herndl: Der größte Erfolg war wohl das Verknüpfen von physikalischer Ozeanographie mit Mikrobieller Ökologie, somit wurde eine neue Forschungsrichtung, die Mikrobielle Ozeanographie, generiert. Der größte Flop war eine Forschungsfahrt im Atlantik,wo wir einen Tiefseegraben besammeln wollten, der 6000 bis 7000 Meter tief ist. Wir mussten aber das Kabel für die Probennahme wegen eines Defektes in der Mitte durchschneiden. Somit hatten wir zwei Kabel mit je 3,5 Kilometern Länge und konnten den Tiefseegraben nicht erreichen. Daraufhin war das gesamte Programm der Forschungsfahrt umzustellen. Wir machten also über die verbleibenden drei Wochen auf See eigentlich andere Forschung als ursprünglich geplant, aber letztlich haben wir trotz allem spannende Resultate erhalten.

derStandard.at: Wie sind Sie zur Meeresbiologie gekommen?

Herndl: Durch einen Biologie-begeisterten Vater zur Biologie, den Büchern von Hans Hass und den Filmen von Jacques Cousteau zur Meeresbiologie und durch eigene Einsicht zur Mikrobiellen Ozeanographie.

derStandard.at: Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?

Herndl: Die vielfältige Tätigkeit, von der Arbeit auf See bis zur Datenanalyse, die letztlich Einsicht bringt, wie das Meer als Ökosystem funktioniert.

derStandard.at: Wie sieht normalerweise Ihr typischer Tagesablauf aus?

Herndl: Es gibt keinen typischen Tagesablauf, außer dass ich gewöhnlich zwischen fünf und sechs Uhr aufstehe.

derStandard.at: Wie viele Stunden arbeiten Sie im Schnitt pro Woche?

Herndl: zwischen 60 und 70 Stunden;

derStandard.at: Welche Lieblingstiere haben Sie?

Herndl: Korallen und die von ihnen gebildeten Riffe

derStandard.at: Wie viele Wochen/Monate verbringen Sie pro Jahr in etwa am/im Meer?

Herndl: Ich bin mit meiner Arbeitsgruppe vier Wochen pro Jahr auf See, daneben noch ca. ein bis zwei Monate an meinem früheren Institut an der Nordsee und an Instituten am Mittelmeer mit Studierenden oder zur Forschung.

derStandard.at: Gibt es ein Meerestier, vor dem Sie besondere Angst haben?

Herndl: Die kleine Cubozoa, ein Art von Qualle an der Westküste Australiens, weil man sie im Wasser praktisch nicht sieht und wegen der langen Tentakel. Das Gift ihrer Nesselzellen ist sehr stark.

derStandard.at: Wie würden Sie einer Dreijährigen Ihren Job erklären?

Herndl: Ich versuche das Funktionieren der Meere zu verstehen.

derStandard.at: Welche Meerestiere kann/soll man nicht mehr essen?

Herndl: Leider sind die Meere generell stark überfischt, somit sollte man industriell gefangenen Fisch meiden. In Österreich haben wir reichlich Forellen, Karpfen, Zander, die auch genussvoll zubereitet werden können.

derStandard.at: Welchen Tipp können Sie jungen ForscherInnen mit auf den Karriereweg geben?

Herndl: Immer nur das machen, wovon man wirklich begeistert ist. Keine Kompromisse eingehen, auch wenn es anfänglich ein mühsamer Weg ist. (om, derStandard.at, 11.7.2011)

GERHARD HERNDL, geboren 1956 in St. Pölten, promovierte im Jahr 1982 im Fach Zoologie an der Universität Wien und wurde 1983 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zoologie der Universität Wien. Diese "1. Wiener Zeit" wurde durch einen zweijährigen Forschungsaufenthalt in den Jahren 1988 und 1989 unterbrochen, als er PostDoc am Scripps Institute of Oceanography, University of California at San Diego war.

Im Jahr 1997 wurde Gerhard Herndl zum Leiter des Departments für Biologische Ozeanographie am Königlich Niederländischen Institut für Meeresforschung bestellt. Diese Funktion hatte er elf Jahre lang inne. Knapp zwei Jahre nach seiner Übersiedlung wurde er im Jahr 1999 zum Professor für Biologische Ozeanographie an der Universität Groningen ernannt. Auf seine Zeit in den Niederlanden folgte 2008 mit dem Ruf als Professor für Meeresbiologie die Rückkehr an seine Alma mater, an die Universität Wien.

Seit Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit hat sich Herndl mit Fragen mikrobieller Meeresökologie beschäftigt und in diesen mehr als 25 Jahren essenzielle Beiträge zu einem besseren Verständnis mikrobieller Vorgänge und Zusammenhänge in den Weltmeeren geleistet. Seine Forschungsergebnisse haben dazu geführt, dass Lehrbücher neu bzw. umgeschrieben werden mussten.

Nachlese
Höchste Auszeichnung für zwei Wiener Biologen

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2 Postings
Immer nur das machen, wovon man wirklich begeistert ist. Keine Kompromisse eingehen, auch wenn es anfänglich ein mühsamer Weg ist.

auch wenns schön klingt, aber sowas können sich gerade heute fast nur jene leisten (finanziell, existenziell) die von haus aus gute rückendeckung haben. für alle anderen ist es ein derart großes risiko, dass man das heute nicht mehr einfach so sagen kann...es war einfach vor 30-40 jahren noch einfacher. seit mitte der 90er gehts mehr oder weniger bergab mit den jobs in der biologie...da müsste schon ein wunder geschehn.

Als Substitut: weiße Biotechnologie?

Ist ja nicht das gleiche, aber vielleicht chancenreicher. Denk ich mir zumindest.

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