"Heute werden Menschen zurückgeschickt"

4. Juli 2011, 18:00
103 Postings

Filmemacherin Zuzana Brejcha floh aus der Tschechoslowakei nach Österreich. Heute, davon ist sie überzeugt, würde sie kein Asyl mehr erhalten

Im Oktober 1968 flohen Zuzana Brejcha und ihre Familie aus der damaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Im Gespräch mit daStandard.at erinnert sich die seit damals in Wien wohnende Filmemacherin an die Gründe ihrer Flucht, ihre erste Zeit in Österreich und erklärt, wieso "mit Waldheim in Österreich alles den Bach hinunter ging".

daStandard.at: Frau Brejcha, Sie sind 1968 aus der Tschechoslowakei nach Wien geflohen. Was waren die Gründe für die Flucht?

Brejcha: Die Gründe waren politischer Natur. Mein Vater, der von 1962 bis 1968 Direktor des tschechoslowakischen Filmarchivs war, hatte Schwierigkeiten, weil er das kommunistische Regime nicht unterstützte. Er wurde ständig schikaniert und zum Teil auch bedroht. Eines Tages war unsere Wohnung völlig verwüstet, regelrecht in Stücke geschossen. Das war der Punkt, an dem sich meine Familie zur Flucht entschied.

daStandard.at: Wie sehen die Erinnerungen an ihr Fluchtjahr aus?

Brejcha: 1968 war ein unvergessliches Jahr! Die Flucht ausgenommen, erinnere ich mich sehr gerne daran. Ich war 15 und hatte das Gefühl, dass immer schönes Wetter ist. Ich erlebte die Aufbruchsstimmung bewusst mit und meinte, dass jetzt die große Freiheit winkt. Lächerliche Dinge, wie zum Beispiel eine Neonreklame am Wenzelsplatz, haben mich begeistert. Ich dachte, dass wir jetzt auch endlich zum Westen dazugehören.

daStandard.at: Welche Vorstellungen hatten Sie denn vom Westen?

Brejcha: Nur sehr verschwommene und von Kinofilmen geprägte. Weil mein Vater beim Film war, konnte ich viele Filme sehen, die in der damaligen Tschechoslowakei verboten waren.

daStandard.at: Aus politischen Gründen verboten?

Brejcha: Ja. Filme, die dem Sozialismus gegenüber feindlich eingestellt waren, wie zum Beispiel die James Bond-Filme, in denen ja immer gegen die Russen oder Chinesen gekämpft wird, durften nicht gezeigt werden: Die Position meines Vaters ermöglichte es mir, alle Bond-Streifen zu sehen. Ich war deswegen in meiner Schule die große, von allen beneidete Heldin.

daStandard.at: Die positive Aufbruchsstimmung, von der Sie gesprochen haben, wurde im Oktober 1968 von Angst abgelöst. Was passierte damals?

Brejcha: In der Nacht vom 22. auf den 23. August ist unsere Wohnung ganz gezielt zerschossen worden. Wir waren Gott sei Dank nicht zu Hause und haben erst beim Heimkommen von draußen gesehen, dass die Fenster unserer Wohnung zerstört sind. In der Wohnung selbst bot sich uns ein Bild der puren Verwüstung: Unzählige Einschusslöcher ‚zierten‘ die Wände, alle Bilder waren zerschossen, Vorhänge und Teppiche verbrannt, überall lagen Glassplitter. Allein in meinem Bett fanden wir 27 Projektile. Deshalb entschlossen wir uns zur Flucht, die wir natürlich geheim halten mussten.

daStandard.at: Wie ist Ihnen das gelungen?

Brejcha: Wir gaben vor, zum Urlauben nach Jugoslawien zu fahren. Meine Mutter packte meinem Bruder und mir in je eine Sporttasche die notwendigsten Dinge. Heimlich packte ich Dinge dazu, die mir damals wichtig waren, wie zum Beispiel meine Sammlung von Schauspielerfotos. Bei der Grenzkontrolle hatte ich dann eine Heidenangst: Hätte jemand mein Gepäck durchsucht, wäre schnell aufgeflogen, dass wir fliehen. Wer nimmt schon die Schauspielerfotos oder die Postkartensammlung mit in den Urlaub?

daStandard.at: Aber Sie wurden nicht kontrolliert?

Brejcha: Wir nicht, aber eine andere Familie wurde festgenommen. Sie waren sogar uns aufgefallen, weil sie so viele Koffer mit hatten. Zu viele Koffer für eine zweiwöchige Urlaubsreise.

daStandard.at: Was passierte nach Ihrer Ankunft in Wien?

Brejcha: Wir wohnten die ersten drei Wochen bei Freunden meiner Mutter und hatten danach unsere erste Wohnung. Mein Vater war mit dem Industriellen Herbert Thurnauer, einem Pragerdeutschen, befreundet. Thurnauer bot meinem Vater einen Job im Management-Bereich seiner Firma an. Mein Vater opferte seine große Leidenschaft, den Film, nahm den Job an und sicherte so das Familieneinkommen. Im September 1969 kam ich schließlich ins Gymnasium.

daStandard.at: Lernten Sie dort Deutsch?

Brejcha: Ich habe Deutsch nie wirklich im Sinn eines systematischen Lernens gelernt. Ich kam in die 4. Klasse Gymnasium und musste dort alle Prüfungen und Schularbeiten mitmachen. Das war zwar ganz schön hart, aber glücklicherweise bin ich gut im Sprachenlernen und hab‘ alles gut gemeistert. Geholfen hat mir dabei Rainer Maria Rilke, dessen Gedichte mich faszinierten.

daStandard.at: Rilke kam ja auch aus Prag ...

Brejcha: ... und sprach deshalb natürlich auch Tschechisch. In vielen seiner älteren Gedichte entdeckte ich tschechische Wörter, was mir gut gefallen hat.

daStandard.at: Wie ging es mit Ihrer Ausbildung weiter?

Brejcha: Nach der Matura studierte ich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Abteilung Film und Fernsehen, wo ch mich auf Drehbuchdramaturgie und Schnitt spezialisiert habe. Parallel habe ich als Schnittassistentin gearbeitet. Mein erster Film, Kottan 4 - Die Nachttankstelle, wurde damals belächelt, heute ist er Kult.

daStandard.at: Wenn Sie an ihre Anfangszeit in Österreich zurückdenken: Wie sind Sie hier
aufgenommen worden?

Brejcha: Sehr freundlich, ohne Anfeindungen oder Vorurteile. Ich bin Österreich sehr dankbar dafür, dass ich hier mein Leben führen konnte, führen kann. Aber wenn ich sehe, was heute in Österreich passiert, tut mir das im Herzen weh und ich frage mich, was mit diesem Land passiert ist.

daStandard.at: Und wie lautet Ihre Antwort?

Brejcha: Rund um Waldheim gab es einen Bruch, den ich ganz bewusst miterlebt habe. Von da an ging alles, was Flüchtlinge bzw. Ausländer in Österreich betrifft, den Bach hinunter. Mit Waldheim wurden Ressentiments Ausländern gegenüber, Rassismus und Antisemitismus salonfähig. Mir war er ja schon immer, schon lange vor der Waldheim-Affäre und dem publik Werden seiner Vergangenheit, widerlich gewesen.

daStandard.at: Wieso?

Brejcha: 1968 war der spätere Präsident Kirchschläger Botschafter in Prag. In den ersten Tagen des Einmarsches* hat er dort recht großzügig Visa verteilt und damit viele Leute gerettet, die aus politischen Gründen definitiv eingesperrt und wer weiß wo gelandet wären. Waldheim war damals Außenminister und gab Kirchschläger die Weisung, die Visavergabe zu beenden. Seit damals war er mit unsympathisch und ich habe während seines Wahlkampfes fleißig gegen ihn demonstriert. Wie auch später gegen Schwarz-Blau.

daStandard.at: Wie beurteilen Sie die derzeitige Asyl- und Flüchtlingspolitik in Österreich?

Brejcha: Im Vergleich mit den heutigen Flüchtlingen hatten wir es damals eigentlich luxuriös. Wir wurden willkommen geheißen, waren nie in Traiskirchen und hatten kurz nach unserer Ankunft in Wien hier schon bald eine erste Wohnung. Dass wir in Österreich Asyl bekommen würden, war damals keine Frage. Heute würden wir sicher keines kriegen: Ich wurde weder vergewaltigt, noch saß jemand aus meiner Familie im Gefängnis ... Heute werden Menschen, die Hilfe brauchen, einfach zurückgeschickt, die Asylverfahren dauern viel zu lange, ständig gibt es neue Gesetze und und und. Wenn ich sehe, wie heute in Österreich mit Flüchtlingen umgegangen wird, tut mir das im Herzen weh. (Meri Disoski, daStandard.at, 4. Juli 2011)

* 1968 marschierten die Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein, um der anti-sowjetisch orientierten Reformbewegung des Prager Frühlings ein Ende zu bereiten. Mehr als 300.000 Menschen flohen, 162.000 TschechInnen und SlowakInnen fanden in Österreich Zuflucht, ca. 2.000 ließen sich hier nieder.

  • Zuzana Brejcha ist 1968 aus der Tschechoslowakei nach Wien geflohen.
    foto: meri disoski

    Zuzana Brejcha ist 1968 aus der Tschechoslowakei nach Wien geflohen.

  • Zuzana Brejcha bei der Ausstellung "60 Jahre Flüchtlingsschutz", die das UN-Flüchtlingshochkommissariat anlässlich des Weltflüchtlingstages 2011 vor dem Museumsquartiert gezeigt hat
    foto: meri disoski

    Zuzana Brejcha bei der Ausstellung "60 Jahre Flüchtlingsschutz", die das UN-Flüchtlingshochkommissariat anlässlich des Weltflüchtlingstages 2011 vor dem Museumsquartiert gezeigt hat

Share if you care.