Ursachenforschung

Schmetterlingskrankheit: Berühren wie ein Nadelstich

4. Juli 2011, 13:41
  • Artikelbild
    foto: photodisc

    Berührungen sind für Patienten sehr schmerzhaft

Warum Patienten mit "Schmetterlingskrankheit" extreme Schmerzen haben

Selbst sanfte Berührungen sind für Patienten, die an der "Schmetterlingskrankheit" leiden, der genetisch bedingten Hautkrankheit Epidermolysis Bullosa, äußerst schmerzhaft. Jetzt haben Forscher vom Max-Delbrück-Centrum (MDC) in Berlin-Buch die Ursachen dafür entdeckt. Aufgrund eines genetischen Defekts können die Betroffenen das Strukturmolekül der Haut Laminin-332 nicht bilden, das bei Gesunden die Weiterleitung von Berührungsreizen und die Verzweigung von Nervenzellen hemmt. Dadurch nehmen die Patienten offenbar Berührungen stärker wahr und empfinden sie als schmerzhaft, erklären die Wissenschafter in einer Aussendung.

Genetischer Defekt

Kleinste Berührungen fühlen sich an wie Nadelstiche, der Körper ist von Blasen übersät, die Haut an vielen Stellen entzündet. Patienten mit Epidermolysis Bullosa - auch Schmetterlingskrankheit genannt, weil die Haut der Betroffenen so empfindlich ist, wie die Flügel von Schmetterlingen - haben große Schmerzen und kaum eine Chance, ein normales Leben zu führen. Selbst Laufen wird durch den Druck auf die Fußsohlen zur Qual.

Durch einen genetischen Defekt löst sich bei den Patienten die obere Hautschicht (Epidermis) von der darunterliegenden Lederhaut (Dermis) ab, und es bilden sich Blasen (Bullosa). Den Betroffenen fehlt das Strukturmolekül Laminin-332, das sich normalerweise zwischen den Hautzellen in der extrazellulären Matrix, befindet und wie eine Art Zellkitt die beiden Hautschichten miteinander verbindet. Nach den neuesten Ergebnissen der MDC-Forscher übernimmt Laminin-332 bei Gesunden noch weitere wichtige Funktionen: Es hemmt die Reizweiterleitung und Verzweigung der sensorischen Nervenzellen, die in der Haut Berührungsreize wahrnehmen.

Sensorische Nervenzellen besitzen an ihren Enden so genannte mechanosensitive Ionenkanäle. Das sind verschließbare Öffnungen in der Zellmembran, durch die geladene Teilchen kontrolliert in die Zelle hinein und hinaus fließen können. Bei einer Berührung wird über den Druck auf die extrazelluläre Matrix ein Zugmechanismus an den Ionenkanälen betätigt, wodurch sich die Kanäle öffnen und die geladenen Teilchen hindurchfließen. Auf diese Weise wird die Nervenzelle erregt und der Reiz wahrgenommen.

Ungebremste Reizweiterleitung

In Versuchen mit Zellkulturen stellten die MDC-Forscher fest, dass ein Berührungsreiz bei allen Nervenzellen, die nicht von Laminin-332 umgeben sind, Ionenströme auslöst. Bei Nervenzellen mit Laminin-332 dagegen, haben sie wesentlich weniger Ionenströme gemessen. "Laminin-332 setzt offensichtlich den Zugmechanismus zur Öffnung der Ionenkanäle größtenteils außer Kraft und hemmt auf diese Weise die Reizweiterleitung. Weil Patienten mit Epidermolysis Bullosa Laminin-332 fehlt, ist die Reizweiterleitung ungebremst. Ihre sensorischen Nervenzellen werden um ein Vielfaches stärker erregt, was dazu führt, dass sie wesentlich empfindlicher auf mechanische Reize reagieren", erklärt Forscher Gary R. Lewin.

Im Hautgewebe von Patienten mit Epidermolysis Bullosa fanden die MDC-Forscher zudem ein weitaus verzweigteres Netz von Nervenzellen als in der Haut gesunder Menschen. "Aus Versuchen mit Zellkulturen wissen wir, dass Laminin-332 das Verzweigen von Nervenzellen hemmt. Ohne Laminin-332 ist diese Hemmung nicht gegeben. Vermutlich trägt auch dieser Effekt zu der verstärkten Wahrnehmung von Berührungsreizen bei", so Lewin.

Die Forscher hoffen mit weiteren Studien Ansatzpunkte für eine medikamentöse Therapie zu finden. Doch bereits jetzt sei schon viel gewonnen: "Durch die Aufklärung der Ursache werden die Patienten mit ihren Schmerzen jetzt sicher ernster genommen. Damit können effizientere Schmerztherapien eingesetzt werden. Bei der Behandlung sollten neben Dermatologen in Zukunft unbedingt auch Neurologen hinzugezogen werden." (red, derStandard.at)

Link

Abstract in Nature Neuroscience

Weiterlesen

Interview zur Erkrankung Epidermolysis bullosa

Kommentar posten
10 Postings
Ciena Consulting
21
Ich kannte mal ein Mäderl...

...welches EB hatte. Als ich sie das erste mal sah war ich ziemlich geschockt vom Anblick: ihre Finger waren zum größten Teil zerfallen, sie hatte kaum noch Lippen und ihre Augenlieder waren fast vollständig weg. Ihre Füsse waren eigentlich nur noch mehr Klumpen - dadurch musste sie angefertigte Schuhe tragen um (durch das Fehlen von Zehen) nicht umzukippen. Sie konnte kaum Flüssigkeiten zu sich nehmen ohne nach jedem Schluck etwas Schleimhaut ausspucken zu müssen. Sie war ein sehr, sehr tapferes und stolzes Mädchen :(

tignosa
00
7.10.2011, 22:15
lebt sie noch?

ich kenne einen Fall, die ist mit wenigen Monaten gestorben

global-x
10

finden sie das lustig?

Ar Mutschgerl
02
Angesichts der Werbekampagnen der Schmetterlingskinder scheint das ja eine Volkskrankheit zu sein.

Aber wie viele Betroffene gibt es jetzt tatsächlich in A? Reden wir von Hunderten oder Tausenden?

Bonair
01
Grob geschätzt:

Maximal 100 Personen sind in Österreich betroffen. Pro Jahr werden 1-2 Kinder mit EB geboren. Die Zahl ist relativ konstant, da Kinder, die von schwereren Formen betroffen sind, leider sehr jung sterben.

Die EB ist eine autosomal rezessive Erkrankung, das bedeutet, dass viele Menschen Genmerkmale in sich tragen, die die Krankheit auslösen (etwa 1 von 400) - erkranken kann jedoch nur ein Kind von 2 Personen, die diese Genmerkmale tragen.

Ar Mutschgerl
01
Aha, wieder was gelernt.

Angesichts dieser Kampagnen scheinen dann tatsächlich eher die Werbeagenturen ihr Potential für den guten Zweck und - quasi als Nebenwirkung - als Leistungsschau für ihre Kreativität einzusetzen. Naja, wenn es den Betroffenen hilft, soll es mir Recht sein.

Michael B
00
Leider ist es notwendig, für die FORSCHUNG zu seltenen Krankheiten Geld auf allen möglichen Wegen aufzutreiben.

Denn zu so dringend notwendigen Medikamenten wie Viagra forscht die Industrie ohnehin von selber mit Milliardenaufwand.

Lilith Boessse
 
00
wie

schlafen solche menschen?

fescher79er
00

im Kokon

/* No Comment */
00

Schätzungsweise mit einem Haufen voll Schmerzpillen

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.