Mission Weltgerechtigkeit

3. Juli 2011, 21:19
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    foto: ap/blackwell

    Kämpfer in der Demokratischen Republik Kongo. Vier ICC-Verfahren gibt es dazu, das erste soll heuer abgeschlossen werden.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag soll die schlimmsten Verbrechen der Menschheit ahnden - Tribunale mit Hürden konfrontiert

Doch die Staatengemeinschaft macht es ihm nicht leicht, seine Rolle zu finden.

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Jean-Pierre Bemba wäre heute Präsident, wenn seine Geschichte ein wenig anders verlaufen wäre. Nun sitzt der frühere Vizepräsident des Kongo in Gerichtssaal II in Den Haag. Ein schmaler Raum ohne Fenster, helles Holz, Neonlicht, graues Glas an der Wand, Taschentücher auf dem Tisch für die Zeugen. Vor Bemba seine Anwälte, neben ihm ein Sicherheitsmann, schräg gegenüber drei Richterinnen. Sie sollen entscheiden, ob er vor acht Jahren seinen Kämpfern massenhafte Morde im Nachbarland Zentralafrika befohlen hat.

Per Video ist ein Zeuge zugeschaltet. Er spricht Französisch, die Richterin Englisch. Weil alles übersetzt werden muss, entstehen lange Pausen. Bemba hat seine Brille aufgesetzt, schaut in die Unterlagen, die vor ihm in einer violetten Mappe liegen. Die Anklage stellt dem Zeugen Fragen. "Oui" , sagt der Mann auf dem Bildschirm. Pause. "Ja."

Sachlich ist die Atmosphäre in diesem Gerichtssaal des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), ein Kontrast zu all dem Grauen, von dem die Zeugen erzählen. Von zigfach vergewaltigten Frauen, zu Tode gefolterten Männern und Kindersoldaten, die zum Morden gezwungen werden.

Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord - das sind die Tatbestände, die hier verhandelt werden. Und weil der ICC der erste ständige Gerichtshof ist, der diese weltweit schlimmsten Verbrechen ahndet, bedeutet er eine so große Hoffnung für alle, die sich eine Welt voller Gerechtigkeit wünschen. Eine hohe Erwartung.

13 Verfahren hat das Gericht bisher eröffnet mit insgesamt 25 Beschuldigten. Der Fall Bemba ist einer von vier im Hauptverfahren. Der Prozess gegen den kongolesischen Rebellenführer Thomas Lubanga soll, nach vielen Unstimmigkeiten, heuer abgeschlossen werden. Es wäre der erste. Zu wenig für ein Gericht, das seit 2003 arbeitet, sagen Kritiker. Nicht schlecht für eine Institution, die bei jedem Schritt Neuland betritt, sagen Befürworter.

Einer der größten Fälle ist wenige Tage alt: Vor einer Woche erließ das Gericht Haftbefehle gegen Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi, Sohn Saif al-Islam und Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

"Libyen kann eine große Chance für das Gericht sein" , sagt Cuno Tarfusser, früher Bozener Oberstaatsanwalt und nun Richter am ICC. "Wenn die Haftbefehle umgesetzt werden, würde das die Legitimation des ICC erhöhen - und die Staatengemeinschaft dem Ziel, dadurch Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen, einen großen Schritt näher kommen."

Noch nie war sich die Staatengemeinschaft so einig. Der Sicherheitsrat überwies den Fall einstimmig. Die Veto-Mächte USA, Russland, China, die dem ICC nicht angehören, stimmten zu.

Wie schwer sich das Gericht gerade mit Verhaftungen der prominentesten Angeklagten tut, zeigt der Fall des sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir.

Der ICC hat keine eigene Polizei, die Mitgliedstaaten müssen die Haftbefehle umsetzen. Doch daran haben sich nicht immer alle gehalten. Bashir bereiste die ICC-Staaten Tschad, Kenia und Djibouti - ohne Konsequenzen. In anderen Fällen konnte nur starker politischer Druck einen Besuch verhindern. Die Versammlung der Vertragsstaaten, kurz ASP, diskutiert nun, wie man die Länder dazu bringen kann, die Kooperationspflicht einzuhalten.

Geduldsprobe

"In der internationalen Strafgerichtsbarkeit können Haftbefehle nicht mit derselben Effizienz umgesetzt werden wie in nationalen Systemen" , sagt Claus Kreß, Professor für Völkerstrafrecht an der Uni Köln. "Hier muss man Geduld aufbringen." Die kann sich lohnen: Der bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladić wurde erst nach 16 Jahren verhaftet (s. links).

Für Libyen hat die Afrikanische Union (AU) einen neuen Friedensplan angekündigt. Zwar ohne Gaddafi an den Verhandlungstisch zu laden - aber die Aussicht auf eine politische Lösung hat wieder ein Dilemma offenbart, mit dem der Gerichtshof seit jeher kämpft: Frieden versus Gerechtigkeit. Was, wenn ein Kriegsherr zum Frieden bereit ist - aber nur, wenn der Haftbefehl aufgehoben wird?

Das Rom-Statut sieht vor, dass der Sicherheitsrat einen Haftbefehl aussetzen kann - für ein Jahr. Das fordert die AU nun für Libyen. Der Haftbefehl, hieß es am Wochenende, behindere eine Verhandlungslösung. Obwohl 31 afrikanische Staaten ICC-Mitglieder sind.

Überhaupt hat dem Gericht viel Kritik gebracht, dass es bisher nur afrikanische Fälle behandelt. Neben Zentralafrika, Kongo, Sudan und Libyen sind das Uganda und Kenia. Ermittlungen in Côte d'Ivoire hat Chefankläger Luis Moreno Ocampo beantragt. Der ICC sei politisch voreingenommen, lautet der Vorwurf. Moreno Ocampo entgegnet, dass die grausamsten Verbrechen nun einmal in Afrika passiert seien. Uganda und Kongo hätten das Gericht zudem selbst beauftragt. Die AU fordert, dass der neue Chefankläger aus Afrika kommen soll, wenn im Dezember Moreno Ocampos Nachfolger gewählt wird.

116 Staaten sind dem Gericht bisher beigetreten, zuletzt Tunesien. "Ein Durchbruch" , sagt ASP-Präsident Christian Wenaweser, Uno-Botschafter Liechtensteins in New York. Nordafrika war im Gericht bisher nicht vertreten. Auch aus Ägypten kommen nun positive Signale. (Julia Raabe aus Den Haag /DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2011)

Wissen
Gerichte, Strafgerichtshof, Tribunale

Der Internationale Strafgerichtshof (ICC/IStGH) ist ein ständiges Strafgericht mit Sitz in Den Haag. Basis ist das Rom-Statut von 1998, das am 1. Juli 2002 in Kraft trat. Verbrechen, die vor diesem Datum stattgefunden haben, kann der ICC nicht ahnden. Er kann nur tätig werden, wenn die nationale Gerichtsbarkeit versagt. Zuständig ist er dort, wo Verbrechen auf dem Gebiet eines Vertragsstaates begangen wurden oder der Verdächtige aus einem Vertragsstaat stammt. Ausnahme: Der UN-Sicherheitsrat kann einen Fall überweisen. Der ICC ist aber eine eigenständige Organisation, kein UN-Gericht.

Anders das Internationale Strafgericht für Ex-Jugoslawien (ICTY) in Den Haag und das Strafgericht für Ruanda (ICTR) in Arusha, Tansania: Sie sind zeitlich begrenzte Ad-hoc-Tribunale, die durch Resolutionen des UN-Sicherheitsrats geschaffen wurden und Nebenorgane des Rates sind. Sprachlich verwechselt wird der ICC oft mit dem Internationalen Gerichtshof (ICJ/ IGH) der bei Streitigkeiten zwischen UN-Staaten entscheidet.

Ad-hoc-Tribunale wie das Sondergericht für Sierra Leone, den Libanon und das Rote-Khmer-Tribunal sind Hybrid-Gerichte mit internationalen und nationalen Rechtsgrundlagen. Der Prozess des Sierra-Leone-Tribunals gegen Liberias Ex-Präsident Charles Taylor wurde räumlich nach Den Haag verlegt. (raa/DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2011)

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22 Postings
Harl von Kabsburg
06
"Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag soll die schlimmsten Verbrechen der Menschheit ahnden - Tribunale mit Hürden konfrontiert"

Wieder einmal Verarsche PUR!

Es geht nicht um "Weltgerechtigkeit" - denn sonst müßten Bush, Cheney und Co. schon längst an das Tribunal ausgeliefert worden sein - Stichwort Irakkrieg - sondern es geht darum, den Wünschen des Westens zu entsprechen.

Das "UN-Kriegsverbrechertribunal" sucht SELEKTIV die - in der Regel - kleineren Verbrecher heraus und stellt sie an den Pranger, wärend sie die größeren Verbrecher laufen läßt.

Es handelt sich bei diesem Tribunal NICHT um ein rechtsstaatliches Gericht, sondern um ein Bestrafungstribunal nicht folgsamer nicht-westlicher ehem. Regierungschefs.

Dieses "Tribunal" ist eine F A R C E und hat mit "Gerechtigkeit" nicht das geringste zu tun.

Warentester
00

"Jean-Pierre Bemba wäre heute Präsident, wenn seine Geschichte ein wenig anders verlaufen wäre."

Ja, aber das wurde von gewissen Mächten halt nicht gewünscht. Daher wurde Joseph Kabila Präsident und Bemba als unbotmäßiger "Bloßfüssiger" nach Den Haag verbracht. Den dazu ist diese Kolonialgericht da (neben der Umerverteilung von Steuergelder zu Justizbonzen). Das es seine Rolle noch nicht gefunden hat, ist also ein Schmäh. Es hat sie perfekt gefunden.
Andererseits, früher haben die Westmächte Leute wie Bemba einfach amurksen lassen. Insofern eh ein Fortschritt.

P.S.: Wenn man weiß, warum für schwere Fälle Schöffen- und Geschworenenjustiz eingeführt wurde, ist es sehr entlarvend, warum keines der int. Tribunale über eine solche verfügt.

internetlady
03
Weltgerechtigkeit wird es nie geben!

Dazu ist der "homosapiens" viel zu dämmlich! Nie im Leben werden sich Milizen und Gotteskrieger ihrer Waffen entledigen,
und die, die mit dem Begriff "Weltgerechtigkeit" liebäugeln, das sind in den meisten Fällen solche, die selbst Dreck am Stecken haben...kein Caterpillar der Welt wird es fertigbringen, diesen Dreck zu entfernen, denn der Zynismus und alle Arten von Gier, die daran kleben, sind hochgiftig!!

cheesus
00

und was sollte ihrer meinung nach getan werden?

internetlady
02

Der Anmaßung, Weltpolizist zu spielen, gehört ein Ende gesetzt, es sollten nationale Angelegenheiten bleiben.

märchenonkel
03
Kolonialregierung.

Malkaye
02
"Wenn die Haftbefehle umgesetzt werden, würde das die Legitimation des ICC erhöhen"

welche legitimation?
kolonialmächte nennen sich jetzt menschenrechtskrieger und schnappen die, die sich ihrem diktat unter neuem mantel nicht unterwerfen wollen. klingt zu leicht, ist aber so.

Blair, Bush, Fischer, Aznar, Sarkozy, Chirac nach Den Haag. dann können wir weiter reden.

es ist schon die ironie der geschichte, dass ausgerechnet das einzige afrikanische land, welches seine position wirklich souverän vertritt und weniger ungeeignet als der rest ist, einen chefankläger zu stellen, nun von der NATerrorO zerbombt wird.

DieBo
12
"Weltgerechtigkeit" mein Gott ein paar Staaten erheben sich über den Rest und nennen es Weltgerechtigkeit.

Sergeant Iuschin
10
Warum traut sich niemand China angreifen.

Dort wird munter vor sich hingefoltert und gemetzelt.
Untersuchungen von kanadischen Parlamentsabgeordneten haben sogar ergeben, dass die Chinesen gefangegen Regimekritikern ihre Organe entnehemn und an Spitäler verkaufen.

Falung Gong-Praktizierende wurden wegen ihres Glaubens zu Tausenden beseitigt. Wo bleibt da der internationale Aufschrei?

DieBo
10
Lesen sie zuviel Zeitung oder wie kommen sie auf so einen Stuss mit den Organ entnehmen???

DieBo
10
Unter den Augen der "Friedensmission" Organhandel im Kosovo

http://www.net-tribune.de/nt/node/4... e-Anklagen

Ernst Guevara
00
"Was, wenn ein Kriegsherr zum Frieden bereit ist - aber nur, wenn der Haftbefehl aufgehoben wird?"

befragt die lateinamerikaner zu diesem "dilemma". die militärdiktaturen in dieser region haben alle vor ihrem rückzug in die kasernen amnestiegesetze erlassen, mit denen sie ihre verbrechen straffrei gestellt haben. und das nicht ohne rückendeckung durch den westen, denn pinochet und co waren ja gute kameraden für die interessen europas und der USA. deshalb sind in diesen ländern heute mühsame anstrengungen und ein zermürbendes tauziehen nötig, um die verbrecher doch noch vor gericht zu bringen. die internationale strafgerichtsbarkeit hängt also nur von der politischen opportunität ab. im fall pinochet hat sie kläglich versagt. die lateinamerikanischen faschisten hat der westen gebraucht, daher wurde nichts gegen sie unternommen.

17+4
00
werden die jetzt auch Cäsar anklagen

dass er im Geschichtsunterricht richtig dargestellt wird?

frederic heine
11
Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag...

"slow motion , selective form of justice "

Dieses Den Haag ist ein fantastisches Geschaeft

bezueglich der Geldmacherei der sogenannten

Elite-Gesetzgeber der Welt !?!?!?!?

Die Schlange der wartenden Kriminellen fuer ein

Urteil von diesen "Seal-Gurus der Justitz"

wird laenger und laenger......

"Do you get my drift ?"

jacques05
00
brillant...

getroffen.
wobei mich noch diese seltsamen gestalten von "juristen" faszinieren, die sich für diese schmierenkomödie prostituieren.
ist es geld, geltungsbedürfnis, idiotie, oder eine mischung von allem?
diese gestalten tun der justiz insgesamt einen bärendienst, manifestieren sie doch den spruch von den zweierlei maßen, mit denen gelegentlich, öfter, gerade auch in unserer justiz gemessen wird.

NONE
13

Solange der IStGH nicht gegen westliche Politiker vorgeht - und gegen NATO Vertreter und andere Militärs - ist er eine Zeitverschwendung.

Denn er wird so IMMER parteiisch sein und niemals gegen korrupte und kriminelle westliche Politiker vorgehen können.

anitfaschist
17
bringt bush vor den internationalen strafgerichtshof!!!

667 one step ahead of the devil
02

Für

Wolfowitz
Cheney
Rice
Bush
Rumsfeld
Aznar
Blair
Howard

sollten es in den Ländern der Mitgliedsstaaten des internationalen Gerichtshof, einen Haftbefehl geben. Nicht immer nur für Afrikaner.
Daß, Bush vor kurzem seiner Einladung nach Davos, wegen eines Haftbefehls nicht annehmen konnte, hat doch was.

Peacefaktor
04
Die Zensur hier im Standard nimmt dramatische Ausmaße an:

Eine Schande, wie hier mit Meinungsfreiheit umgegangen wird, in einem westlichen Land.
China lässt grüßen;(

Vincent_Vega
00

was sagt den eigentlich der lybischer rebellenchef Jibril,

der hat sich ja letzte woche mit dem unabhängigen und äußerst objektiven Chefankläger Moreno Ocampo auf ein Plauscher in den Haag getroffen, dass seine
Mannen die grausamsten Verbrechen begehen schein ihm wohl sehr wurscht zu sein...

@morneo. was ist den eigentlich bei der anzeige gegen dich rausgekommen, wegen sexueller belästigung und vergewaltigung damals in Süd-Afrika?
ah eh nix, na dann gut.....

Peacefaktor
04
Das Hauptproblem des Gerichtshofes ist,

dass keine westlichen Kriegsverbrechen angezeigt oder geahndet werden.
Dabei gäbe es genug: Die Wikileaksveröffentlichungen über die Massaker an Zivilisten im Irak, daraufhin die Inhaftierung des Aufdeckers und die Verfolgung des Veröffentlichers, Chinaähnliche Zustände in den USA, aber was passiert?
Nichts.
In drei Lügenkriegen ist die Nato involviert, über eine Mio Opfer, verschießen von tonnenweise Uranmunition, Einführung von Folter, Entführung von "Verdächtigen" in Folterlager ohne Recht auf Prozess, die Erschiessung eines Verdächtigen ohne Prozess, die als Herstellung von Gerechtigkeit verkauft wird.
Es gäbe eine Menge zu tun, aber es passiert nichts.
Deshalb ist dieser Gerichtshof LEIDER auch NICHTS WERT.

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