Das schnellste Boot der olympischen Flotte

3. Juli 2011, 19:01
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Das Flaggschiff der österreichischen Segelflotte ist der 49er mit Nico Delle-Karth und Niko Resch, die zweimal en suite den Weltcup gewannen

Helsinki/Wien - "Als wir zum ersten Mal dieses Boot gesehen haben, sagten wir uns: Wir wollen unbedingt 49er segeln. Von der Attraktivität her hat es für uns keine Alternative gegeben." Und so segeln der Innsbrucker Nico Delle-Karth und der Veldener Niko Resch, die zuvor in der kleinen Bootsklasse Opti und im 420er unterwegs waren, seit 2001 im 49er, der bei den Spielen 2000 in Sydney seinen ersten olympischen Auftritt hatte.

Damals war auch noch der Tornado olympisch, und es streiten sich die Geister darüber, ob der Katamaran oder der 49er schneller ist, was immer auch von Kurs, Welle und Wind abhängt. Damals war der Tornado das österreichische Flaggschiff, mit ihm holten Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher in Sydney und 2004 in Athen olympisches Gold.

In Athen landeten Delle-Karth/Resch an zehnter, in Peking 2008 an achter Stelle. Seit 2010 zieren die beiden die Weltranglistenspitze, zweimal in Folge holten sie zuletzt den Weltcup. 2007 wurden sie Vize-Weltmeister, 2009 gewannen sie EM-Bronze.

Die schnellste Klasse

Was der 49er kann? "Er ist grob übertakelt. Die Segelfläche ist für dieses Boot eigentlich viel zu groß", erklärt Delle-Karth. "Er hat Flügel, also wird er ganz anders gesegelt. Bei den meisten anderen Schiffen sitzt man, wir stehen 99 Prozent der Zeit. Sobald ein bisserl ein Wind geht, hat er keine Eigenstabilität. Wenn wir ihn ins Wasser schieben und loslassen, dann fällt er um. Er funktioniert ein bisserl wie ein Surfbrett, er hält sich nur durch uns und die Fahrt aufrecht. Einen stehenden 49er gibt es nicht. Entweder fährt er vorwärts oder rückwärts."

Der 49er ist gegenwärtig jedenfalls die schnellste olympische Bootsklasse, er kann bis zu 30 Knoten, also knapp 60 km/h erreichen. Die Windsurfer können noch etwas flotter segeln.

Wettfahrten werden bei bis zu 25 Knoten Wind durchgeführt. Eine Reff-Möglichkeit, also Segeln zu verkleinern, besteht nicht. Delle-Karth: "Ab 12 Knoten Wind ist das Boot an sich völlig überpowert. Also musst du was tun, das Schwert ein bisserl raufziehen, die Segel viel flacher trimmen, es flattert dann oft." In jüngerer Zeit flogen die Nickos oft ins Wasser. "Sechsmal bei den letzten drei Weltcups. Bei 25 Knoten ist es zwar nicht unüblich, dass du einmal kenterst. Dann kommt die Unsicherheit, und du kenterst noch einmal. Vielleicht haben wir zu viel nachgedacht."

Ein Auto, drei Boote

Die Nickos verfügen über zwei Boote. Das ältere, das Trainingsschiff, liegt seit Mai in Weymouth, wo anlässlich Olympia 2012 in London gesegelt wird. Mit dem neuen waren sie in Kiel unterwegs, wo mit Platz drei der Weltcup erfolgreich verteidigt wurde, jetzt befindet es sich zwecks EM in Helsinki. Dann wird es nach Weymouth transportiert zu den Preolympics, die am 23. Juli anheben. Grundsätzlich am Anhänger, es sei denn, die Rennen finden in Übersee statt. Mitunter fährt am Hänger ein Segelboot mit, ein Motorboot liegt drauf, und auf dem Autodach befindet sich noch ein Segelboot. Die Segler pflegen 200 Tage im Jahr auf dem Wasser zu sein. Und sehr oft im Auto. Auch bei dieser Übung ist der kroatische Trainer Ivan Bulaja hilfreich. "Wir haben ein Glück mit dem Umfeld, Ivan nimmt uns viel ab."

Selbst ist der Segler

Der Sport ist recht aufwändig. Preisgeld gibt es keines. Wie ist das zu finanzieren? Delle-Karth: "Durch private Sponsoren, das Team Rot-Weiß-Rot, den Segelverband, das Bundesheer. Man schaut, dass man sein Geld aus allen Ecken und Enden zusammenbekommt. Fürs private Leben sollte auch etwas übrigbleiben. Im olympischen Bereich gibt es 15 bis 20 Boote, die davon nicht schlecht leben. Da gehören wir dazu. Man muss aber unterscheiden. Wenn ein Spanier Weltmeister wird, kriegt er andere Förderungen als ein Österreicher." Das Budget beträgt rund 50.000 Euro pro Jahr. "Ohne Trainer, Masseur oder Physiotherapeut. Dazu kommt der Segelverband mit seiner Betreuung."

Das Material beschaffen sich die Segler selbst. Ein Boot kostet 20.000 Euro. Nach etwa eineinhalb Jahren sollte es getauscht werden. "Wir sind so viel auf dem Wasser, du fliegst oft irgendwo dagegen, holst dir eine Delle."

Prinzipiell handelt es sich um eine Einheitsklasse. Die Form ist bei allen gleich. "Aber weil die Laminatenschichten per Hand verlegt werden, gibt es Unterschiede. Ein Normalverbraucher würde das nie spüren. Aber im Spitzensport geht es um Kleinigkeiten."

Für die Nickos sowie Matthias Schmid und Florian Reichstädter im 470er beginnt die EM vor Helsinki in der nächsten Woche. Bereits in dieser Woche segelt Andreas Geritzer im Laser um eine Medaille. Eine Olympiasilberne und drei EM-Bronzene hat er schon. Die Olympiaplätze für London werden erst im Dezember bei der WM vor Perth vergeben.(Benno Zelsacher, DER STANDARD Printausgabe, 4. Juli 2011)

  • Der Tiroler Nico Delle-Karth (27/links) und der Kärntner Niko Resch (26)
 sind seit mehr als zehn Jahren ein Team. Rund 200 Tage pro Jahr 
verbringen sie auf dem Wasser.
    foto: ösv/marsano

    Der Tiroler Nico Delle-Karth (27/links) und der Kärntner Niko Resch (26) sind seit mehr als zehn Jahren ein Team. Rund 200 Tage pro Jahr verbringen sie auf dem Wasser.

  • Der 49er ist grob übertakelt. Das Boot besitzt eigentlich viel zu viel 
Segelfläche, sagen die Kundigen.
    foto: ösv/marsano

    Der 49er ist grob übertakelt. Das Boot besitzt eigentlich viel zu viel Segelfläche, sagen die Kundigen.

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