Gewichte stemmen in der Oper

3. Juli 2011, 18:02
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Er ließ das Publikum bis hinauf auf die Ränge tanzen: Der britische Popstar Seal charmierte beim Wiener Jazzfest

Wien - Die Oper wurde wegen Opern gebaut - und für die Ewigkeit. Da kann man nicht viel dagegen tun. Dementsprechend fremd fühlt es sich an, wenn das Jazzfest Wien dort jährlich wiederkehrend musikalische Séancen abhält. Da hängen im Publikum selbst dann noch schwere Klunker ins Dekolleté gepuderter Damen, wenn der Grund für den Gang ins Haus am Ring ein Sex-Pistols-T-Shirt unter der Lederjacke trägt - so wie am Samstag der britische Popmusiker Seal.

Des exzentrischen Rahmens gewahr, tat der Mann mit dem Charakterkopf und der Zahnlücke das einzig Richtige: Nach zwei Liedern, während deren der Sound geregelt wurde, rief er zur Party, ließ das Publikum bis hinauf auf die Ränge tanzen. Guter Mann.

Das löste einerseits die Stimmung, andererseits war es so leichter, die mitunter wie Gewichte im Fitnesscenter gestemmte Musik zu ertragen. Denn Seal wird zwar seit seinem Auftauchen in den frühen 1990ern Soul unterstellt, aber nur von jenen, die das Fach bloß vom Weghören kennen.

Diesen Irrtum beleuchteten Interpretationen von Songs wie Eddie Floyds Knock On Wood, Ann Peebles I Can't Stand The Rain oder Al Greens Here I Am (Come And Take Me), die von der achtköpfigen Band grobklotzig und bar jeder emotionalen Tiefe ins Publikum gewuchtet wurden.

Da konnte sich Seal noch so Oscar-verdächtig ums Mikrofon winden, in die Knie gehen, wie ergriffen die Augen schließen, alle Posen nachstellen - diesen Songs fehlte es an allem plus der Eleganz, mit der sie von ihren Schöpfern präsentiert wurden.

Aber Seal ist vor allem eines: grundsympathisch. Das hilft. Der Mann, auf den zu Hause die deutsche Modell-Gouvernante Heidi "Mein Styling hält es aus!" Klum mit vier Kindern wartet, charmierte sein Publikum mit einem Walzer, begrüßte alte Freunde, parlierte auf Deutsch und sorgte für eine großfamiliäre Atmosphäre.

Unten gelbe Schuhe, oben schweißglänzend, und das Mikro von seinen schwarz lackierten Fingernägeln umschlossen - so überspielte er die Defizite des Raums und der Band, die sich neben ihm durch Versionen von Killer, Crazy, Love's Divine oder Dreaming In Metaphors arbeitete.

Der Saal tobte, das Licht-Setting blendete, die Klunker klunkerten, bis auf die Musik war alles gut. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 4. 7. 2011)

  • Seal auf der Suche nach dem Soul in der Oper.
    foto: jfw / r. rygalyk

    Seal auf der Suche nach dem Soul in der Oper.

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