Der "District Attorney" muss sich den Vorwurf gefallen lassen, im Fall DSK allzu hastig eine Klage zusammengeschustert zu haben
Kaum durfte Dominique Strauss-Kahn seinen goldenen Käfig verlassen, setzte der Mann,
der ihn anklagt, auch schon zu einer Verteidigungsrede an - in eigener Sache:
Ein Staatsanwalt, sagte Cyrus Vance junior, habe die Pflicht "zu tun, was
richtig ist". Dieser komme er nach, was immer die Ermittlungen noch ergeben
werden.
Noch im Mai hatten Vance und seine Kollegen schneidig und ohne Zweifel
vorgetragen, warum sie den Franzosen für schuldig hielten. Jetzt muss sich der
"District Attorney" den Vorwurf gefallen lassen, er habe allzu hastig eine Klage
zusammengeschustert, statt in Ruhe die Fakten zu prüfen. Vance habe schnell und
aus Profilierungsdrang gehandelt, meinen seine Kritiker.
Lange hat Vance im Schatten zweier übermächtiger Vaterfiguren gestanden: Die
eine ist sein leiblicher Vater, Cyrus Vance senior, unter den US-Präsidenten
John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson Verteidigungsexperte und unter Jimmy
Carter Außenminister. Die andere Vaterfigur hat das Amt, das Vance 2010
übernahm, nachhaltiger geprägt als irgendwer sonst: Robert M. Morgenthau, eine
der legendärsten Figuren der Stadt New York, 35 Jahre Bezirksstaatsanwalt.
Die "Causa DSK" droht nun zum Bumerang zu werden. Kenneth Thompson, der
Anwalt des mutmaßlichen Opfers, glaubt, dem Kläger sei schlicht der Mut abhanden
gekommen. Zu sehr fürchte er eine krachende Niederlage. Das Gros der Fachleute
dagegen glaubt nicht, dass eine Zeugin, die sich so in Widersprüche verstrickt,
ein Kreuzverhör überleben kann, selbst wenn sie in der Hauptsache - zu dem, was
in der Hotelsuite geschah - die Wahrheit sage.
Vance seinerseits bestreitet, dass er vorzeitig das Handtuch zu werfen
gedenkt. Man werde weiterarbeiten, "bis wir alle relevanten Fakten aufgedeckt
haben". (DER STANDARD, Printausgabe, 4.7.2011)