Alles andere als plump: Laser-Scan demonstriert tödlichen Peitschenschwanz

3. Juli 2011, 16:35
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Deutsche Forscher rekonstruierten, wie sich Kentrosaurus aethiopicus verteidigen konnte

Berlin - Um einen Stegosaurus oder einen vergleichbar mit Stachelschwanz ausgerüsteten Verwandten aus der Gruppe der Stegosauria zu schlagen, half fleischfressenden Theropoden nur das Überraschungsmoment. Hatte der mächtige Pflanzenfresser einen Angreifer erst erspäht und sich in Verteidigungsstellung gebracht, war es mit dem Jagdglück vorbei. Wissenschafter konnten nun mit Hilfe von Laser-Scans rekonstruieren, dass es sich bei dem Schwanz tatsächlich um eine effektive Waffe handelte, und berichten darüber in der Fachzeitschrift "Palaeontologia Electronica".

Aus Dokumentationen mit computernanimierten Dinosauriern sind Bilder von spektakulären Kämpfen zwischen Stegosauria und Fleischfressern wie dem Allosaurus bekannt. Ob sich solche Konfrontationen in der Zeit zwischen Mittlerem Jura und Mittlerer Kreide tatsächlich in dieser Form abgespielt haben könnten, bedarf jedoch einer Untersuchung der physikalischen Fakten. Für zwei neue Studien wurden am Berliner Museum für Naturkunde hochauflösende Laser-Scans der einzelnen Knochen eines Kentrosaurus aethiopicus in einer CAD Software zu einem digitalen Skelett montiert und die Beweglichkeit eines jeden Gelenks einzeln gemessen. Mit einer Physik-Software wurde ausgerechnet, dass Kentrosaurus sich durchaus mit peitschenartigen Schlägen verteidigen konnte, die Geschwindigkeiten von mindestens 70 km/h erreichten.

Die "reißerische" Variante war die richtige

Wie sein besser bekannter Verwandter Stegosaurus aus Amerika steht der am Berg Tendaguru gefundene tansanische Dinosaurier Kentrosaurus aethiopicus im Ruf, ein ziemlich wehrhafter Zeitgenosse gewesen zu sein. Doch obwohl er einen mit abschreckenden Stacheln bewehrten Schwanz hatte, argumentierten vor 100 Jahren die Leiter der Berliner Ausgrabungskampagne, Werner Janensch und Edwin Hennig, in ihren wissenschaftlichen Schriften, dass der Schwanz nicht beweglich genug gewesen sei, um sich eines Angreifers zu erwehren. Ganz im Gegensatz interpretierten die US-amerikanischen Erforscher des Stegosaurus den Schwanz deutlich mobiler. Als US-Wissenschafter dann zu Lebzeiten abgebrochene Schwanzstacheln fanden und einen Raubsaurierwirbel, der mit einen Stachel zertrümmert worden war, stand fest: Stegosaurier verteidigten sich mit dem Schwanz gegen Angreifer.

Die beiden neuen Studien in Berlin zeigen nun, dass der Schwanz von Kentrosaurus durchaus sehr beweglich und kräftig war. "Je nachdem, mit wie viel Muskulatur man den Schwanz rekonstruiert und welches Bewegungsmuster man annimmt, kommt eine breite Spanne an möglichen Geschwindigkeiten heraus," sagt Heinrich Mallison, Wissenschafter am Museum für Naturkunde. "Aber selbst bei vorsichtig gewählten Werten sind es schnell 70 km/h, und das über einen Winkel von fast 90 Grad. Wie Krokodile oder auch Warane und andere Reptilien heute benutzte der Dinosaurier aus Afrika vermutlich eine Peitschenbewegung. Damit lassen sich schnell sehr hohe Geschwindigkeiten erzeugen. Kentrosaurus konnte mindestens so viel Kraft aufbringen, wie nötig gewesen wäre, um einem Menschen mehrere Rippen zu brechen." Gut gezielte Volltreffer brachten wohl ein Vielfaches an Kraft auf und konnten die Stachelspitzen tief in den Körper eines Angreifers treiben. Nur aus dem Hinterhalt oder in der Gruppe hatten Raubsaurier eine Chance gegen einen Stegosaurus, folgert der Paläontologe. (red)

  • Die Jagd darf abgeblasen werden, der Kentrosaurus ist bereit. Seine eigentümliche Kopfhaltung ermöglicht ihm gute Sicht auf den Angreifer.
    foto: naturkundemuseum berlin

    Die Jagd darf abgeblasen werden, der Kentrosaurus ist bereit. Seine eigentümliche Kopfhaltung ermöglicht ihm gute Sicht auf den Angreifer.

  • Kein Kreis, den man durchbrechen möchte: Die errechnete Geschwindigkeit des Schwanzes beträgt 36 km/h im gelben Bereich, 72 im roten und sogar 144 im grauen.
    foto: naturkundemuseum berlin

    Kein Kreis, den man durchbrechen möchte: Die errechnete Geschwindigkeit des Schwanzes beträgt 36 km/h im gelben Bereich, 72 im roten und sogar 144 im grauen.

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