Der Trick mit dem Bändchenchip

2. Juli 2011, 10:46
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Auf der Massenmaturareise "X-Jam" können Jugendliche vorformulierte Facebook-Berichte "en passant" versenden lassen

"Mark Zuckerberg", lachte Alexander Knechtsberger, "wird anrufen." Klar: Der Veranstalter der Massenmaturareise "X-Jam" glaubt nicht wirklich, dass der Facebook-Gründer ihn an der türkischen Riviera, wo Knechtsberger binnen drei Wochen 11.000 Maturanten feiern lässt, anrufen wird. Den Betreibern des größten sozialen Netzes wird die Ballung von Facebook-Berichte aus der Türkei aber auffallen. Sie und andere werden sich dann überlegen, ob und wie der Trick mit dem Chip im Armband in Web-2.0-Marketingkampagnen passen könnte.

Denn die Jugendlichen posten im Wortsinn "im Vorbeigehen": Ein in die von jedem hier zu tragenden Armbänder implementierter Funkchip sendet, wird er an über das Clubgelände verteilte Dockingstationen gehalten, automatisch ein Posting aus. Das poppt auf der Facebook-Pinwand des Bändchenträgers auf - und dadurch auch auf der "Neue Meldungen"-Seite seiner Freunde.

Teilnahme ist freiwillig

Die Teilnahme an dem Spiel ist freiwillig. Freilich kennt Knechtsberger seine Klientel: Etwa 85 Prozent der Maturanten hier sind aktive Facebooker. Und die begehrten Zutrittsbändchen zu diversen Spezialpartys bekommt, wer sich intensiv an allen offenen X-Jam-Aktivitäten beteiligt.

Die im Vorbeilaufen generierten Meldungen sind vorab geschrieben: "XY feiert die Party seines Lebens" lautet - sinngemäß - die Kernbotschaft, die in zahllosen Variationen, abgestimmt auf Abschickstation, Tageszeit und Tagesprogramm, online geht. Welche Botschaft genau gesendet wird, ist den Jugendlichen meist ohnehin egal: Hauptsache, die Welt sieht, dass man Vollgas gibt.

400.000 mal "I like"

Ob es die Freunde daheim freut, alle paar Minuten erneut zu lesen, wer gerade badet, tanzt oder flirtet? Egal - sie lesen es und reagieren. Knechtsbergers Eventagentur DocLX führt genau Buch: Binnen zehn Tagen kamen via "I like"- und Kommentarfunktion 400.000 Interaktionen zustande. Bis zum Ende der drei Reisewochen dürfte die Millionengrenze überschritten werden. Der Zweck: Jede Botschaft ist versteckte Werbung.

30.000 Euro steckte Knechtsberger in das Projekt. Gut angelegtes Geld: Massenmaturareisen sind Marketing-Versuchsstationen unter Laborbedingungen: Raum, Zeit, Zielgruppe und Aktivitäten sind exakt umrissen - und drei idente Wochendurchläufe erlauben es sogar, Varianten durchzuspielen.

Daten in Echtzeit

Besucherströme und -frequenzen mit Funkchips zu messen, ist nicht neu. Ihnen zuordenbare Gesundheitsdaten - Blutgruppe, Allergien - könnten im Notfall helfen, wertvolle Zeit zu sparen. Die Wo-bin-ich-gerade-Daten in Echtzeit über soziale Netze öffentlich sichtbar zu machen und darüber hinaus mit (Werbe-)Botschaften zu versehen, ist allerdings neu.

Vom "gläsernen Maturanten" will Knechtsberger aber nichts wissen: Die Chips könnten nur eingelesen werden, wenn sie höchstens einen Zentimeter von der Station entfernt sind. Freilich gibt es auch Skeptiker: "Mit einem stärkeren Chip kann man das auch anders einsetzen - da heißt es dann 'elektronische Fußfessel'", ätzte ein Teilnehmer - ließ sich dadurch aber nicht beirren: "Ich habe heute schon zwölf Postings geschickt: Daheim sind sie total neidig!" (Thomas Rottenberg, DER STANDARD/Printausgabe, 2.7.2011)

 

  • Nichts dem Zufall überlassen: Der Reiseveranstalter formuliert die Urlaubsgrüße von der Maturareise vor, die dann via Funkchip auf Facebook gepostet werden.
    foto: x-jam/tischler

    Nichts dem Zufall überlassen: Der Reiseveranstalter formuliert die Urlaubsgrüße von der Maturareise vor, die dann via Funkchip auf Facebook gepostet werden.

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