Macht des Königs wird beschnitten - Opposition will Proteste nichtsdestotrotz fortsetzen - Beobachter zweifeln an Angaben zur Beteiligung - Lob und Unterstützung aus dem Ausland
Rabat/Madrid - Mit einer Zustimmung von 98,5
Prozent ist am Freitag in Marokko eine neue Verfassung gebilligt
worden. Sie soll die Macht des seit 1999 regierenden Königs Mohammed
VI. einschränken. Der Monarch hatte das Verfassungsreferendum im März
mit der Absicht angekündigt, die von den Revolten in anderen
arabischen Ländern inspirierte Protestbewegung im eigenen Land
einzudämmen. Die Zustimmung zur neuen Verfassung fand international
breite Zustimmung und ließ Hoffnung auf eine demokratischere
Entwicklung in Marokko aufkommen. Kritiker im Lande zeigten sich
dagegen enttäuscht, dass der König die wichtigsten Fäden der Macht
weiterhin fest in der Hand halten werde.
US-Außenministerin Hillary Clinton, Frankreichs Staatspräsident
Nicolas Sarkozy, Spaniens Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez
Zapatero und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton äußerten sich
aber erfreut über den Ausgang des Referendums. Man unterstütze die
Anstrengungen des marokkanischen Volkes und der politischen Führung,
den Rechtsstaat und Menschenrechtsstandards zu stärken, sagte Clinton
in einer Erklärung am Samstag. "Die Reformen beinhalten wichtige
Verpflichtungen, um die Demokratie zu stärken und Menschenrechte zu
respektieren", betonten Ashton und EU-Erweiterungskommissar Stefan
Füle in einer gemeinsamen Aussendung.
Auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle zeigte sich
erfreut über das Ergebnis des Referendums. Es sei ein klares Signal
für mehr politische Beteiligung im Land. Der Außenminister der
früheren Kolonialmacht Frankreich, Alain Juppe, sicherte Marokko in
dieser "entscheidenden Phase" seines Demokratisierungsprozesses die
Unterstützung Frankreichs zu. Die Organisation der Volksabstimmung
sei "transparent" gewesen. Juppe hob hervor, dass Marokko ein Vorbild
sei für eine krisengeschüttelte Region, in der "der demokratische
Prozess sich durch eine manchmal gewalttätige Konfrontation
durchsetzen muss".
Die nach einem neuntägigen Wahlkampagne angenommene Verfassung
ersetzt das im Jahr 1996 verabschiedete Grundgesetz. Die Reform sieht
vor, dass der Monarch künftig nicht mehr den Ministerpräsidenten
auswählen darf, sondern den Kandidaten der stärksten Partei zum
Regierungschef ernennen muss. Außerdem darf er den
Verteidigungsminister, den Innenminister, den Außenminister und den
Kultusminister nicht mehr ohne Rücksprache mit dem
Ministerpräsidenten bestimmen. Zudem wird er keine Minister mehr ohne
Zustimmung des Regierungschefs entlassen können. Der König behält
aber die Macht über die Armee, das Justizsystem und die muslimischen
Einrichtungen. Auch darf er weiterhin das Parlament auflösen.
Die Regierungsallianz und die gemäßigten Islamisten der Opposition
begrüßten das Ergebnis der Volksabstimmung. "Heute haben wir das
Kapitel einer partizipativen Demokratie aufgeschlagen", sagte
Regierungssprecher Jalid Naciri.
Die übrige Opposition will trotz der klaren Mehrheit ihre Proteste
gegen die politische Führung gleich am heutigen Sonntag fortsetzen.
"Wir werden weiter die einzige echte Opposition in diesem Land
bleiben", sagte am Samstag Najib Khawiki, einer der Koordinatoren der
Protestbewegung "20. Februar". Mehdi Lahlu von der Vereinigten
Sozialistischen Partei meinte, dass man eine "historische Chance"
verpasst habe, "die Sache gut anzugehen". Diese kleine linke Partei
hatte in den vergangenen Monaten zusammen mit der jugendlichen
"Bewegung des 20. Februar" die Proteste in Marokko angeführt. Vor
einer Woche folgten in der Hauptstadt Rabat, der Wirtschaftsmetropole
Casablanca und der Hafenstadt Tanger mehrere zehntausend Menschen dem
Appell der Bewegung.
"20. Februar" verlangt von König Mohammed weitergehende Reformen
als in der Verfassungsänderung zugestanden. Sie will nach dem Vorbild
von Großbritannien eine parlamentarische Monarchie erreichen, in der
Vertreter des Volkes die Macht des Königs kontrollieren. Zudem hat
sie Zweifel am Ergebnis der Volksabstimmung geäußert. Wahlbeteiligung
und Zustimmung seien von den offiziellen Stellen übertrieben worden,
sagten Oppositionsvertreter.
Die offizielle Zahl zur Wahlbeteiligung wurde mit 73,46 Prozent
angegeben. Fouad Abelmumni, ein in Marokko angesehener
Intellektueller, schätzte die wirkliche Beteiligung auf 40 Prozent,
die nicht anerkannten Islamisten sogar auf nicht mehr als 36 Prozent.
Auch wurde kritisiert, dass die Leiter der etwa 40.000 Wahllokale
ohne Ausnahme Funktionäre des Innenministeriums oder anderer
Ministerien gewesen seien. (APA/Reuters)