Aufsteigen mit Fünfern

Englisch lernen im "Aufsteiger" -System

Kommentar der anderen | 1. Juli 2011, 18:49

Mit der Zeit gehen und aufsteigen: was für Österreichs Bildungspolitik geboten ist und so schwer durchgesetzt werden kann

Den vergangenen Herbst verbrachte ich mit meiner Tochter (damals 13) und meinem Sohn (damals 14) in New York, wo sie die High School besuchten. In dem angeblich so schlechten amerikanischen System lernten sie, wie man wissenschaftliche Essays schreibt, konnten aus vielen verschiedenen Sportarten wählen und an der Schule Instrumentalunterricht bekommen sowie im Orchester und der Band spielen. Bis 18 Uhr (der Unterricht dauerte bis 15 Uhr) konnten die Bibliothek und die Gemeinschaftsräume genutzt werden, ebenso der Sportplatz, die Turnhallen und der Hof. Es gab Beratungslehrer/innen und wöchentlich 2 Stunden, die Administration und Konfliktlösung gewidmet waren ("homeroom" ).

Meine Kinder bekamen am Ende des Wintersemesters Zeugnisse mit mündlicher Beurteilung und Noten - und hatten z. B. in Englisch, obwohl Ausländer, ein A - also ein "Sehr gut". In der mündlichen Beurteilung stand unter anderem, dass sie beide nicht gerne Hausübungen machen, aber dass das ihre Leistung nicht schmälerte. Daher bekamen sie die Bestnote.

Der Grundtenor des Unterrichts in den USA war: Positives verstärken, Schwächen erkennen und Hinweise geben, wie mit ihnen umgegangen werden kann. Künstlerische und sportliche Fächer galten ebenso viel wie die akademischen. Wer kein Talent in Mathematik oder Sprachen hatte, konnte sein Selbstwertgefühl z. B. mit Schauspiel, Yoga oder dem Erlernen eines Instruments wieder aufrichten. An der Schule wurde viel gelobt und respektvoll kritisiert. Satzanfänge wie "Wenn du das immer noch nicht kapiert hast ..." kamen uns nicht zu Ohren. Jede Lehrkraft konnte bei Frage zu Hausübungen jederzeit über E-Mail kontaktiert werden.

Zurück in Wien bekommt mein Sohn in Englisch nun "mit Müh und Not" wie sein Klassenvorstand sagt, "gerade noch" einen Vierer. Und warum? Weil er die Hausübungen nicht macht und die Bücher (Dickens! Für 15-Jährige!) nicht liest. Beide Kinder haben nach eigenem Empfinden in den USA mehr für die Schule getan als je zuvor. Phrasen wie "Ich habe keine Lust", "Wozu soll ich das machen?" habe ich dennoch nie gehört - jetzt gehören sie wieder zum Alltag.

Meine Tochter fragt verzweifelt: "Wie soll ich die Zentralmatura schaffen, wenn ich nicht lerne, wie man wissenschaftliche Arbeiten schreibt?"

Sicher nicht, indem man durch eine Änderung der Fünferpolitik ein demotivierendes Aufsteigersystem "verbessert". Stattdessen muss sich die Einstellung gegenüber den Kindern und Jugendlichen ändern: Sie sind die Erwachsenen von morgen und verdienen Respekt und Unterstützung. Es darf nicht Sache des Schülers sein, das Klassenziel zu erreichen, sondern es muss Aufgabe jedes Lehrers werden, alle Schüler so zu unterstützen, dass sie das Klassenziel erreichen können. Dabei müssen sie dem System entsprechend unterstützt werden,

Für eine Beurteilung nach Wohlverhalten wäre in so einem System sicher kein Platz. Stattdessen könnte man neue, spannende Aufgaben stellen, deren Erfüllung Spaß macht und das Selbstwertgefühl stärkt. (Kommentar der anderen, Sabine Nikolay, DER STANDARD; Printausgabe, 2./3.7.2011)

Sabine Nikolay ist Historikerin und Kunstvermittlerin in Wien.

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Mr.Tumnus
00
26.8.2011, 14:42
No na ned

"Weil er die Hausübungen nicht macht und die Bücher (Dickens! Für 15-Jährige!) nicht liest. "
... wohl eine Frage der Arbeitsmoral! Aber wahrscheinlich war der/die LehrerIn Schuld, der/die zu wenig motiviert hat!

siliconvalley
00
"und respektvoll kritisiert"

ist mir auch an US-amerikanischen Universitäten extrem positiv aufgefallen. Man kann dort die Sache diskutieren und eine andere Meinung als solche stehen lassen. Persönlich beleidigend wie in Österreich wird man dort nicht.

susannista
00

Auch auf einer Amerikanischen High School kann man es vermeiden unterfordert zu werden - dazu muss man aber selbst aktiv werden.

Amerikanische Lehrer brauchen immer einen guten Notendurchschnitt - was meinen Sie, wer als erstes die A geschenkt bekommt? Natürlich die Austauschschüler, bei denen es eh wurscht ist.

alla riscossa
00
frau nikolay vergisst eines:

die amerikanischen (öffentlichen) schulen haben prinzipiell eine andere funktion als die meisten europäischen: schmalspurbildung für die breite masse, um sie in den arbeitsprozess eingliedern zu können, die 5%, die für den betrieb des systems da sind, gehen in eliteschulen, eliteunis usw.
ich bin zuversichtlich, dass unser schulwesen nach seiner reformierung diesen weg einschlagen wird. es lebe der neoliberalismus, dem unsere trottelpolitiker seit geraumer zeit auf den leim gehen!

arnstyr
00
Schade...

...um dieStandard. Lese aufgrund dieses Artikels nun zum Thema Bildungsvolksbegehren diePresse weiter. Als Unterstützer des VB darf ich das jedem(r) für diese Wochenendausgabe empfehlen.

Dorothea von Gufidaun
01
Wenn ich mich eines Berichts in der Zeitschrift "Wienerin" richtig entsinne,

so sind die beiden Nikolay-Kinder hochbegabte Wunderwesen. Da werden doch eine Englisch-Hausübung und die Zentralmatura kein Problem sein. Oder sollte der Artikel vor einigen Jahren nicht ganz den Tatsachen entsprochen haben? ;)

Plaats van Samenkomst
00
Araquin
18
Sehr lieb. Danke. Setzen.

Im US-System werden SchülerInnen meist massiv UNTERfordert! Klar, das macht Spaß, wenn man nicht gefordert wird. Das ist viel lustiger.

Aus meiner AHS-Klasse ging jemand mit AFS für ein Jahr nach Eastchester County (reich!), NY, und war - bei uns in der 6.Kl., dort eine Stufe höher - sofort Klassenbester. Inklusive in US-Geschichte.

Sie lernen NULL Allgemeinbildung in den USA. Ewiger Kindergarten.

Sie holen ein bisserl in den ersten 2 College-Jahren nach, die den letzten Klassen einer AHS entsprechen. Es ist nett, daß sie allen Hochschulreife unterstellen und sie bis 18 in Schulen einsperren - aber unsere BHS würden sie dringend brauchen.

Dickens ist zumutbar. Jawohl.

Wenn es ein System gibt, das man NICHT imitieren sollte, dann das

mr. z
06
Muss leider sagen, dass der Artikel das US-System sehr verklärt.

Ich war selber als Austauschschüler an einer High-School (10. Schulstufe - sophomores) und nunja, meine Eindrücke:
-Mathematik ein Witz, wenn ich als Schüler einem Lehrer die kleine Lösungsformel erklären stimmt irgendwas nicht.
-Englisch der Versuch Schülern sowas wie eigene Meinung/kritisches Denken zu vermitteln, was aber in aufgeblähten Phrasen endet. Anstatt der Inhalte geht es viel mehr darum wie man die Inhalte präsentiert, dass sie wichtig klingen.
-Nebenfächer ein absoluter Witz: Wir hatten als ich dort war, was 2007 war, Europa-Karten mit der Sowjetunion und der DDR, die Frage "hows Hitler doing?" war durchaus präsent, und wenn die Mitschüler vom Great Barrier Reef statt von Känguruhs redeten war ich schon froh

mr. z
05
ad:

die Arbeitsmoral der Schüler war dementsprechend völlig zum Vergessen. In den Pausen einzurauchen war ganz normal für die meisten(nicht, dass mich das stören würde, aber während der Schulzeit fand ich dann doch etwas strange)
Aber: Hauptsache sie haben 3333 Extra-Aktivitäten gemacht, damit man später ein gutes Collegue findet.

Ich fands dort toll und es hat mir sehr gefallen, aber effektiv gelernt hab ich ausser Englisch nix.

The Godfather
01

Unglaublicherweise hatte ich das in Österreich auch das sich Schüler während der Pausen eingeraucht haben.

Das scheint wohl nichts US Spezifisches zu sein.

mr. z
00
Das stimmt natürlich,

auch bei uns gibts das. Aber auch hier gilt: Die Dosis macht das Gift.
Wenn wir 9./10. Stunde Turnen hatten und dazwischen zwei Freistunden sind wir auch mal auf ein Bier gegangen oder haben auch was geraucht..Wenn nur noch Religion anstand hatten wir das auch ab und an gemacht. Uns wäre es aber nie in den Sinn gekommen, vor einer wichtigen Stunde was zu rauchen - hier habe ich den Unterschied ausgemacht. Kann mich noch erinnern wie mein Gastbruder direkt am Schulweg - um kurz vor 8 Uhr schon die Pfeife rausgeholt hat. Das fand selbst ich krass.
Man hatte halt dort den Eindruck, dass das zur Unterforderung der Schüler ganz gut passte, da es eigentlich wurscht war ob man breit war oder nicht, weil eh nix abverlangt wurde.

mr. z
10

Sorry, schauns mal auf die Uhrzeit: Kurz nach Mitternacht, hatte schon das ein oder andere Bier intus, hab halt vorm Schlafengehn nochmal ins Forum geschaut und den Beitrag verfasst. Da darf sowas schon mal passieren.
Und auf "ausser" einen Rechtschreibflame anzusetzen ist auch selten oberflächlich.

Aber gut, wenn Sie sich nach diesem Posting besser gefühlt haben, hab ich die Fehler gern gemacht :-)

mr. z
00

Sorry - Der Beitrag sollte eine Antwort auf Ret Maruts, nicht auf Ihren Beitrag sein

Ret Marut
81
"gutes Collegue"?

Ich darf Ihnen verraten, dass Sie auch Englisch nicht gelernt haben. Und wo die ß-Taste zu finden ist, haben Sie auch vergessen.

siliconvalley
00

auf manchen Tastaturen gibt es diese Taste schlicht und einfach nicht. Schon einmal im Ausland gewesen?

Araquin
24

Das ist ein lächerlicher und irrelevanter Beitrag.

Renzo Pasolini
07
Das Bildungsniveau der Highschool-Absolventen in den USA

treibt demgemäß die dortigen Uni-Professoren zur Verzweiflung! 18jährige, die ihre Muttersprache kaum beherrschen und den Namen Dickens noch nie gehört haben. Das ist die andere, Frau Nikolay unbekannte Seite der amerikanischen "positiv-um-jeden-Preis-Pädagogik". Ich schlage vor, die beiden Nikolay-Kinder in New York maturieren zu lassen!

siliconvalley
00
ja aber ...

das Bildungsniveau österreichischer Maturanten treibt die hiesigen Uni-Professoren genauso auf die Palme.

The Godfather
01

Das österreichische Bildungssystem hat Silicon Valley erst möglich gemacht, die ganzen Ideen und Umsetzungen kommen natürlich alle aus diesen Bildungssystemen.

Man sollte nachdenken wer mehr erreicht, Österreich hängt wirtschaftlich sehr an Deutschland.
Das Land der Freiheit und Kreativität ist Österreich schon lange nicht mehr, muss es aber wohl einmal gewesen sein da früher ziemlich viele Erfindungen aus dem deutschsprachigen Raum kamen.

siliconvalley
00
"Das österreichische Bildungssystem hat Silicon Valley erst möglich gemacht,"

??

Können Sie mir das erklären?

oneeyedcat
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ja, schade

glücklicherweise haben wir dieses ausgezeichnete us system (noch) nicht....aber via medien wieder mal ein gschichterl reingeschoben. damit wir wissen wie schlecht alles ist bei uns. hat die letzten tage eh schon gefehlt.

Mr. Spock (der echte)
00

warum nicht die Vorzuege beider Systeme verwenden?

Radio Eriwan
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Sie haben mit der Schulwahl in NY Glück gehabt, oder viel Geld.

Glück könnten Sie bei uns auch haben, man muss aber einräumen, dass die offizielle Bildungspolitik bei uns wenig bis gar nichts macht, um für die Schulen und die Lehrer die nötigen Freiräume und Qualifizierungsmöglichkeiten zu schaffen. Vielleicht liegt das personelle Pech halt auch dort. Ihre Kreativität reduziert sich dann auf das Designen von Fallbeilen.

Mr. Spock (der echte)
00
Ich stelle hier mal provokant zwei Fragen: (1) Was ist der Sinn der Schule? (2) Was sind die Hauptziele der Schulausbildung / Was ist wichtig?

Fuehlen Sie sich eingeladen, Ihre Antworten hier zu posten.

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