Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Bachmann-Preisträger (2010) Peter Wawerzinek über sich und das Salzkammergut: "Ich schwamm im See. Ich gewann literarische Sicherheit, bekam wieder Halt unter den Füßen."

Peter Wawerzinek.
Gehen wir zurück. 1989. Die Mauer in Berlin war gefallen, an Deutschlands Mittellinie gingen die Grenzen auf; und ich lande als Erstes in Österreich. Klagenfurt hieß der Ort, an dem schon 1991 um die Wette gelesen wurde. Die Einladung erreichte mich in Ostberlin auf dem Bürgersteig direkt vor meiner Tür. Ein Mann sprach mich an. Er wäre Mitglied der Jury beim Bachmannpreis-Lesen und wollte eben zu mir. Schön, dann könnten wir es ja gleich so erledigen. Er würde mich vorschlagen wollen, Durs Grünbein habe schon zugesagt. Ich bekäme drei Wochen Bedenkzeit. Wenn nicht, würde noch Zeit sein, einen anderen Schreiberling zu bitten. Ich nahm die Bedenkzeit an und eilte umgehend zu Wolfgang Hilbig, dem Schriftsteller, der bei mir um die Ecke wohnte, der (und das war mir wichtig) das Wettlesen gewonnen hatte.
Heikle Angelegenheit, sagte der. Ich solle nur hinreisen, wenn ich mir sicher wäre, einen der Preise zu heimsen. Schon war ich angestachelt. Ich dachte damals in etwa so: Falls das Ding schiefgeht da in Österreich, ist das Malheur gottlob außerhalb von Deutschland passiert. Ich kehre wie der begossene Pudel nach Hause zurück, und niemand hat etwas mitbekommen. Ein Irrtum, wie mich mein damaliger Verleger Erich Maas aufklärte. Das ist die Literatur-Super-Show schlechthin, meinte er. Alles live. Alles über sämtliche Kanäle in der Schweiz, in Deutschland und Österreich hautnah mitzuerleben. Wenn du dich kratzt, wenn du dich verliest, wenn sie dich runterputzen. Und das machen die nur allzu gern. Er sage nur Jörg Fauser. Den haben die rund gemacht, obwohl der dann doch als Jörg Fauser Bestand der Literatur geworden ist. Wir fuhren dann zusammen nach Klagefurt. Und ich belege den undankbaren vierten Platz. Drei Runden lang gab es ein Kopf-an-Kopf-Stechen um den Platz drei, zwischen mir und Marcel Bayer, der dann die Bronzemedaille holte. Aber immerhin, ich (ein Niemand) war immerhin Vierter geworden. Und ich müsste mich der Lüge bezichtigen, wenn ich den Rang als unwichtig abtun wollte. Ich war so glücklich gewesen, dass ich auf einer Hintertreppe im ORF-Gebäude vor lauter innerer Bewegtheit heulen musste. Die Tränensäcke leer.
Und noch mehr an Lob für Österreich. Der vierte Platz, in Austria errungen, handelte mir in Deutschland eine Menge Lesungen ein. Ich fuhr sogar in andere Länder Europas. Ich las in Wien, Zürich, Helsinki, Paris, Moskau, Mailand. Ich existierte von den Honoraren fast drei Jahre ganz anständig, konnte Schulden zurückzahlen. Ruhm möchte ich es nicht nennen, eher Ehre, Anerkennung von erbrachter Leistung, und irgendwie auch Gerechtigkeit. Die Österreicher hatten mich augenblicklich in ihr Herz geschlossen. Wir waren die Frischlinge aus dem Osten. Wir waren die Abwechslung im sonst so zähen, starren und ein wenig abgehobenen Literaturzirkel des Westens. Mit uns kam Schwung in die Angelegenheit.
Ich blieb bei meinen Leisten
Natürlich wurden wir als Ossis überall, wo wir auftauchten, auch von den Medienfritzen gefilmt. Ich nahm zum Beispiel auf dem Wochenmarkt eine kleine gelbe Melone zur Hand und wog sie fachgerecht aus. In der Zeitung gab es von dem Akt dann ein Bild von mir zu sehen, mit einer Unterzeile, die in etwa aussagte: Na, hoffentlich hält der kleine Mann aus dem Osten die Frucht nicht für eine Riesenzitrone und fragt nach dem passenden Zitronensaftauspresser. So waren die Zeiten und mein Aufstieg nicht zu bremsen.
Ich schrieb in den nachfolgenden zehn Jahren zehn Bücher. Jedes Jahr eines. Und Hörstücke. Und Theaterstücke. Und gründete eine Band mit dem Namen Skorbut. Wir schafften vier Live-Auftritte! Dann löste sich die Band auf. Die Jungs wurden alle was ganz anderes als Punk. Operndirektor. Maler mit internationalem Ruf. Philosoph. Griechenlandexperte. Ich blieb bei meinen Leisten. Und doch konnte ich nicht verhindern, dass mir so gegen Ende unseres Jahrhunderts die Luft ausging.
Wir feierten mit Volldampf das Jahr 2000 und ich kehrte der Literatur den Rücken, ließ mich gehen, sprich: fallen. Jedermann weiß, was einem geschieht, wenn man sich als Versager fühlt, die eigenen Bücher für Flops hält, neidisch auf die anderen schaut, wie Durs Grünbein zu Beispiel. Der war in Österreich an meiner Seite glattweg durchgereicht worden, der schien ein Verlierer zu werden. Und doch wurde ausgerechnet er von den Medien entdeckt, getätschelt und ins rechte Licht gerückt. Und schon war der Verlierer an mir vorbei zu einem Literaturstar aufgewertet worden. Und Marcel Bayer war Lichtjahre weit entfernt von mir.
Ich ergab mich dem Suff. Ich schrieb kaum noch was. Bis dann ein mitleidender Freund an meiner Heine'schen Matratzengruft stand, mir vom Wolfgangsee in Österreich schwärmte. Ich solle mich bewerben. Ich könne Seeschreiber sein. Allemal besser als in der Großstadt ersaufen. Es brauche nur diesen einen Ruck. Und: See, das wäre doch wohl mein Thema. An der Ostsee aufgewachsen, in Berlin Weißensee zur Kunstschule gegangen, mit ganzer See-le See-Liebhaber. Außerdem würden sich keine 60 Schreiber bewerben. Meine Chancen stünden also mehr als gut.
Ich setzte mich hin und schrieb jene Seegeschichte, die man heute noch unter www.seeliteratur.at ergooglen kann. Kleines Seebeben nannte ich den Text. Was ich dann in Österreich am Wolfgangsee erlebte, kam einem Großbeben gleich. Ich führte erstmals Tagebuch. Ich war ständig unterwegs. Ich sprach mit jedermann. Ich sah mir Jedermann als Volkstheaterstück in verschiedenen Varianten an. Ich stand auf dem Dachstein. Ich schwamm im See. Ich gewann literarische Sicherheit, bekam wieder Halt unter den Füßen. Ich verfasste nach acht Jahren Sendepause ein Buch über Österreich. Ich nannte das Buch Mein Salzkammergut, und meinte vor allem die letzte Silbe "gut" damit. Das war meine Note für Österreich. Das hieß: Wie gut für mich, dass es Österreich gibt. Ich war gerettet. Mein Dank gilt Raimund Bahr in St. Wolfgang. Ein Wiener, der mein Buch herausgebracht hat.
Ich musste mich weiter therapieren, "entgiften", den Suff und den Neid bannen. Nichts stand dem mehr im Wege, es schließlich ein weiteres Mal auf österreichischem Boden zu versuchen. Nach neunzehn Jahren wurde ich mit dem Manuskript zu Rabenliebe nach Österreich eingeladen. Und was wohl niemand vermutet hätte, ich gewann den Bachmannpreis, den Publikumspreis. 2:0! Und Österreich war wieder einmal mein absoluter Heimvorteil. Und das will ich noch rasch erwähnen. Österreich geht weiter für mich. Keine neun Monate nach meinem Doppelschlag bin ich Österreicher auf Zeit. Für immerhin fünf Monate darf ich Stadtschreiber zu Klagenfurt sein. Und bekomme es mit so vielen warmherzigen Menschen zu tun, mit Mundart, mit Erzählungen, Berichten, Klamauk und reichlich Mutterwitz, dass ich mich also gar nicht mehr weiter nach einem Warum befragen will. Darum, sage ich mir. Es gibt mich, also ist Österreich. In Österreich ist aus mir ein Preisträger geworden. In Österreich habe ich den literarischen Faden wieder aufgenommen. Und wenn ich richtig ehrlich bin, so sage ich es freiweg heraus. Im Tonfall Kennedys: Ich bin ein wenig Österreicher. Österreich hat an meinem sensationellen Erfolg mitgestrickt. Mir bleibt nur noch eines zu tun übrig. Ein kleines zweites Buch schreiben, das wieder Österreich zum Generalthema nimmt. Und das Buch Rabenliebe bekannter im Lande machen. (Peter Wawerzinek, DER STANDARD/Printausgabe, ALBUM, 2./3. Juli 2011)
Peter Wawerzinek, geb. 1954 in Rostock, ist Schriftsteller, er lebt in Berlin. Früher war er u. a. Briefträger, Performance-Künstler und Poet. 2007 war er drei Monate Seeschreiber am Wolfgangsee (Mein Salzkammergut, verlag editionas). 2010 erhielt er für Rabenliebe (Galiani Verlag) den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman behandelt seine Kindheit im Heim und die Suche nach der Mutter, die ihn als Baby in der DDR zurückgelassen hat. Zuvor erschien u. a. Das Kind, das ich war (Transit Berlin).
Ich frage mich, wie die Leute das aushalten, die Musik den ganzen Tag. Ich meine damit die Beschallung, die permanente Beschallung, und speziell meine ich den Techno-Dreck
Früher hießen sie "Gastarbeiter", heute Arbeitsmigranten. Sie kommen und gehen, viele bleiben und schlagen Wurzeln. Was ist ihr Bild von hier? Und wie sehen diese Menschen uns?
Über sechstausend Menschen hat das Meer verschlungen auf der gefährlichen Reise von Afrika nach Europa. Ein Lagebericht
Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit und die Hoffnung auf einen Job. Manche haben aus der Not eine Tugend und sich selbstständig gemacht
Es wabert, die Walküren sammeln Helden auf, Loge lässt es zischen und krachen. Aber die ideologischen Kosten, die wir für das Spektakel bezahlen müssen, sind horrend
Wie würde das gehen? Sicher nicht mit einem rumpelnden Rollkoffer oder einem lächerlichen Rucksack
Lissabons Charakter besitzt etwas, das einen sich für die eigene Unvollkommenheit schämen lässt, obwohl diese Stadt niemanden beschämt.
Sie ist wider die Natur, wider das Vergnügen. Arbeit ist unverschämt. Ein Manifest wider die Arbeit zum 1. Mai
Todgeweihte Küken, räudige Katzen und stinkender Müll. Über eine Reise mit mitteleuropäischem Nachwuchs nach Marokko - abseits aller Werbeprospekte
Es ist obszön, die fremden Straches lieben zu sollen: Wolfgang Müller-Funk über symbolische Minenfelder und kulturalistische Fallen, die bei der Debatte über islamische Einwanderung mit im Spiel sind
Sie sind in den Siebzigern und Achtzigern geboren und schreiben eine Literatur, in der es keine Welt vor dem Text gibt - Über eine neue Generation von Schriftstellerinnen
Er lässt sich mit ärmlichen Worthülsen abspeisen, er schmatzt, er fühlt sich satt. Der Unmund wohnt im Schlaraffenland, während ich mich in meiner Art bedroht fühle
Ägypten! Schon das Wort wie ein Lockruf. Weltwunder erwarten dich. Pyramiden. An ihren Wänden ein Flirren: Götterbilder, Tierbilder, Zeichen
Allerweltscremedose, Herrenwitzdarbietung, rotbeschuhte Fußnoten, Stadt-Rad-Alltag, Goldhelme, Heimat-Kennzeichen, gleichgeschlechtlich Liebende: Bodo Hell fragt sich vieles
Eine Krippe, ein Pferd, ein Hinweisschild: Drei Fotos liegen auf meinem Tisch, ich schiebe sie hin und her, ich frage mich: Welche Geschichten verstecken sich hinter der Anordnung von Dingen?
Das ist nur eine Frage von vielen. Eine weitere: Welche Gründe hat Frau K., sich derart zu exponieren? Oder: Versteht sie das als Teil einer Aufarbeitung? Versuche einer Erklärung
Ich falle höchstens dadurch auf, dass ich kein Smartphone habe. Ins Gespräch integriert werde ich dennoch, also in diese seltsam multimediale Mischung Mensch und Maschine
Farb-, geruch- und geschmacklos wollen wir es in Mitteleuropa haben, die Amerikaner schätzen den Chlorgeruch. Vier allgemeine Anmerkungen zum Wasser nebst einer Wasserverkostung
Ein Blick auf den Schreibtisch am Wochenende - und Fragen, die sich unter der Woche aufgestaut haben
Als ein Schriftsteller ist man an seinem Schreibplatz tagtäglich auf ein Hausarbeitsverbessern zurückgeworfen, Lehrer und Schüler in Personalunion
Warum muss ich immer daran erinnert werden, dass ich Jude bin? Warum schreiben auch (links-) liberale Medien vom "jüdischen Komponisten" oder vom "jüdischen Schriftsteller"?
Die Debatte um die Wehrpflicht zeigt sehr deutlich, dass über Geschlechterpolitik in Österreich nicht geredet werden kann
Ihm eilt der Ruf voraus, er sei der Verkünder kommenden Glücks: Gedanken zum Zufall
Dinge auf die Reihe kriegen: Das kann bald jemand. Ich gehöre lieber zu jenen, deren liebstes Möbelstück die lange Bank ist. Ein Lob der Prokrastination
Wie groß ist unsere Genugtuung, wenn einer, der es probiert hat, es doch nicht schafft? - Und aus der Sphäre der gelebten Träume auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.