"Was ohne Österreich aus mir geworden wäre?"

1. Juli 2011, 17:58
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    Bachmann-Preisträger (2010) Peter Wawerzinek über sich und das Salzkammergut: "Ich schwamm im See. Ich gewann literarische Sicherheit, bekam wieder Halt unter den Füßen."

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    Peter Wawerzinek.

In Österreich habe ich den literarischen Faden wieder aufgenommen - In Österreich ist aus mir ein Preisträger geworden - Und so sage ich freiweg heraus - im Tonfall Kennedys: Ich bin ein wenig Österreicher - Von Peter Wawerzinek

Gehen wir zurück. 1989. Die Mauer in Berlin war gefallen, an Deutschlands Mittellinie gingen die Grenzen auf; und ich lande als Erstes in Österreich. Klagenfurt hieß der Ort, an dem schon 1991 um die Wette gelesen wurde. Die Einladung erreichte mich in Ostberlin auf dem Bürgersteig direkt vor meiner Tür. Ein Mann sprach mich an. Er wäre Mitglied der Jury beim Bachmannpreis-Lesen und wollte eben zu mir. Schön, dann könnten wir es ja gleich so erledigen. Er würde mich vorschlagen wollen, Durs Grünbein habe schon zugesagt. Ich bekäme drei Wochen Bedenkzeit. Wenn nicht, würde noch Zeit sein, einen anderen Schreiberling zu bitten. Ich nahm die Bedenkzeit an und eilte umgehend zu Wolfgang Hilbig, dem Schriftsteller, der bei mir um die Ecke wohnte, der (und das war mir wichtig) das Wettlesen gewonnen hatte.

Heikle Angelegenheit, sagte der. Ich solle nur hinreisen, wenn ich mir sicher wäre, einen der Preise zu heimsen. Schon war ich angestachelt. Ich dachte damals in etwa so: Falls das Ding schiefgeht da in Österreich, ist das Malheur gottlob außerhalb von Deutschland passiert. Ich kehre wie der begossene Pudel nach Hause zurück, und niemand hat etwas mitbekommen. Ein Irrtum, wie mich mein damaliger Verleger Erich Maas aufklärte. Das ist die Literatur-Super-Show schlechthin, meinte er. Alles live. Alles über sämtliche Kanäle in der Schweiz, in Deutschland und Österreich hautnah mitzuerleben. Wenn du dich kratzt, wenn du dich verliest, wenn sie dich runterputzen. Und das machen die nur allzu gern. Er sage nur Jörg Fauser. Den haben die rund gemacht, obwohl der dann doch als Jörg Fauser Bestand der Literatur geworden ist. Wir fuhren dann zusammen nach Klagefurt. Und ich belege den undankbaren vierten Platz. Drei Runden lang gab es ein Kopf-an-Kopf-Stechen um den Platz drei, zwischen mir und Marcel Bayer, der dann die Bronzemedaille holte. Aber immerhin, ich (ein Niemand) war immerhin Vierter geworden. Und ich müsste mich der Lüge bezichtigen, wenn ich den Rang als unwichtig abtun wollte. Ich war so glücklich gewesen, dass ich auf einer Hintertreppe im ORF-Gebäude vor lauter innerer Bewegtheit heulen musste. Die Tränensäcke leer.

Und noch mehr an Lob für Österreich. Der vierte Platz, in Austria errungen, handelte mir in Deutschland eine Menge Lesungen ein. Ich fuhr sogar in andere Länder Europas. Ich las in Wien, Zürich, Helsinki, Paris, Moskau, Mailand. Ich existierte von den Honoraren fast drei Jahre ganz anständig, konnte Schulden zurückzahlen. Ruhm möchte ich es nicht nennen, eher Ehre, Anerkennung von erbrachter Leistung, und irgendwie auch Gerechtigkeit. Die Österreicher hatten mich augenblicklich in ihr Herz geschlossen. Wir waren die Frischlinge aus dem Osten. Wir waren die Abwechslung im sonst so zähen, starren und ein wenig abgehobenen Literaturzirkel des Westens. Mit uns kam Schwung in die Angelegenheit.

Ich blieb bei meinen Leisten

Natürlich wurden wir als Ossis überall, wo wir auftauchten, auch von den Medienfritzen gefilmt. Ich nahm zum Beispiel auf dem Wochenmarkt eine kleine gelbe Melone zur Hand und wog sie fachgerecht aus. In der Zeitung gab es von dem Akt dann ein Bild von mir zu sehen, mit einer Unterzeile, die in etwa aussagte: Na, hoffentlich hält der kleine Mann aus dem Osten die Frucht nicht für eine Riesenzitrone und fragt nach dem passenden Zitronensaftauspresser. So waren die Zeiten und mein Aufstieg nicht zu bremsen.

Ich schrieb in den nachfolgenden zehn Jahren zehn Bücher. Jedes Jahr eines. Und Hörstücke. Und Theaterstücke. Und gründete eine Band mit dem Namen Skorbut. Wir schafften vier Live-Auftritte! Dann löste sich die Band auf. Die Jungs wurden alle was ganz anderes als Punk. Operndirektor. Maler mit internationalem Ruf. Philosoph. Griechenlandexperte. Ich blieb bei meinen Leisten. Und doch konnte ich nicht verhindern, dass mir so gegen Ende unseres Jahrhunderts die Luft ausging.

Wir feierten mit Volldampf das Jahr 2000 und ich kehrte der Literatur den Rücken, ließ mich gehen, sprich: fallen. Jedermann weiß, was einem geschieht, wenn man sich als Versager fühlt, die eigenen Bücher für Flops hält, neidisch auf die anderen schaut, wie Durs Grünbein zu Beispiel. Der war in Österreich an meiner Seite glattweg durchgereicht worden, der schien ein Verlierer zu werden. Und doch wurde ausgerechnet er von den Medien entdeckt, getätschelt und ins rechte Licht gerückt. Und schon war der Verlierer an mir vorbei zu einem Literaturstar aufgewertet worden. Und Marcel Bayer war Lichtjahre weit entfernt von mir.

Ich ergab mich dem Suff. Ich schrieb kaum noch was. Bis dann ein mitleidender Freund an meiner Heine'schen Matratzengruft stand, mir vom Wolfgangsee in Österreich schwärmte. Ich solle mich bewerben. Ich könne Seeschreiber sein. Allemal besser als in der Großstadt ersaufen. Es brauche nur diesen einen Ruck. Und: See, das wäre doch wohl mein Thema. An der Ostsee aufgewachsen, in Berlin Weißensee zur Kunstschule gegangen, mit ganzer See-le See-Liebhaber. Außerdem würden sich keine 60 Schreiber bewerben. Meine Chancen stünden also mehr als gut.

Ich setzte mich hin und schrieb jene Seegeschichte, die man heute noch unter www.seeliteratur.at ergooglen kann. Kleines Seebeben nannte ich den Text. Was ich dann in Österreich am Wolfgangsee erlebte, kam einem Großbeben gleich. Ich führte erstmals Tagebuch. Ich war ständig unterwegs. Ich sprach mit jedermann. Ich sah mir Jedermann als Volkstheaterstück in verschiedenen Varianten an. Ich stand auf dem Dachstein. Ich schwamm im See. Ich gewann literarische Sicherheit, bekam wieder Halt unter den Füßen. Ich verfasste nach acht Jahren Sendepause ein Buch über Österreich. Ich nannte das Buch Mein Salzkammergut, und meinte vor allem die letzte Silbe "gut" damit. Das war meine Note für Österreich. Das hieß: Wie gut für mich, dass es Österreich gibt. Ich war gerettet. Mein Dank gilt Raimund Bahr in St. Wolfgang. Ein Wiener, der mein Buch herausgebracht hat.

Ich musste mich weiter therapieren, "entgiften", den Suff und den Neid bannen. Nichts stand dem mehr im Wege, es schließlich ein weiteres Mal auf österreichischem Boden zu versuchen. Nach neunzehn Jahren wurde ich mit dem Manuskript zu Rabenliebe nach Österreich eingeladen. Und was wohl niemand vermutet hätte, ich gewann den Bachmannpreis, den Publikumspreis. 2:0! Und Österreich war wieder einmal mein absoluter Heimvorteil. Und das will ich noch rasch erwähnen. Österreich geht weiter für mich. Keine neun Monate nach meinem Doppelschlag bin ich Österreicher auf Zeit. Für immerhin fünf Monate darf ich Stadtschreiber zu Klagenfurt sein. Und bekomme es mit so vielen warmherzigen Menschen zu tun, mit Mundart, mit Erzählungen, Berichten, Klamauk und reichlich Mutterwitz, dass ich mich also gar nicht mehr weiter nach einem Warum befragen will. Darum, sage ich mir. Es gibt mich, also ist Österreich. In Österreich ist aus mir ein Preisträger geworden. In Österreich habe ich den literarischen Faden wieder aufgenommen. Und wenn ich richtig ehrlich bin, so sage ich es freiweg heraus. Im Tonfall Kennedys: Ich bin ein wenig Österreicher. Österreich hat an meinem sensationellen Erfolg mitgestrickt. Mir bleibt nur noch eines zu tun übrig. Ein kleines zweites Buch schreiben, das wieder Österreich zum Generalthema nimmt. Und das Buch Rabenliebe bekannter im Lande machen. (Peter Wawerzinek, DER STANDARD/Printausgabe, ALBUM, 2./3. Juli 2011)

Peter Wawerzinek, geb. 1954 in Rostock, ist Schriftsteller, er lebt in Berlin. Früher war er u. a. Briefträger, Performance-Künstler und Poet. 2007 war er drei Monate Seeschreiber am Wolfgangsee (Mein Salzkammergut, verlag editionas). 2010 erhielt er für Rabenliebe (Galiani Verlag) den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman behandelt seine Kindheit im Heim und die Suche nach der Mutter, die ihn als Baby in der DDR zurückgelassen hat. Zuvor erschien u. a. Das Kind, das ich war (Transit Berlin).

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hassprediger
00
12.12.2011, 12:28

beyer heißt der mensch, nicht bayer.

Die Aufklärung
 
01
Der große Unterschied

Der Autor beschreibt brillant den großen Unterschied zwischen den deutschen und den österreichischen Menschen:
Deutsche Menschen sind deutsch
Österreichische Menschen sind begabt.

HLAB27
00

ich mags wenn deutsche in österreich ihr glück finden^^

georgeous
03

Schöner Artikel, wünsche Ihnen alles Gute, nicht, dass Sie am Ende den Lindwurm umarmen wie einst Nietzsche den Esel!

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