"Zu viel Macht für einen Einzelnen"

3. Juli 2011, 17:56
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Helmut Schüller probt den Aufstand gegen Rom - Im Interview spricht er über den "starken Bremsvorgang" in der Kirche

Die "Pfarrer-Initiative" veröffentlichte vor wenigen Tagen einen "Aufruf zum Ungehorsam". Darin kündigte sie wegen der "römischen Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform" unter anderem an, sich öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen, das Predigtverbot von Laien zu missachten und sich solidarisch mit jenen Kollegen zu zeigen, "die wegen einer Eheschließung ihr Amt nicht mehr ausüben dürfen, aber auch mit jenen, die trotz einer Beziehung weiterhin ihren Dienst als Priester leisten". Mit Helmut Schüller, einem der Proponenten der Pfarrerinitiative, sprach Sebastian Pumberger über den provokanten Aufruf.

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derStandard.at: Herr Schüller, Sie haben mit ihren Mitstreitern von der "Pfarrerinitative" vor wenigen Tagen den "Aufruf zum Ungehorsam" veröffentlicht. Warum?

Schüller: Wir arbeiten als Pfarrerinitiative seit fünf Jahren. In dieser Zeit hat sich nichts bewegt. Wir haben uns gesagt, wir müssen deutlicher werden und selbst Schritte in Richtung Kirchenreform setzen.

derStandard.at: Was kritisieren Sie an der derzeitigen Kirche?

Schüller: Wir kritisieren die Zusammenlegung von Pfarren. Man schafft dadurch Großpfarren, wo Seelsorge und Nähe zum Menschen nicht mehr möglich sein wird. Die Verknappung der Leitung der Gemeinden wird nicht ernstgenommen und der Zugang zum Priesteramt nicht erweitert, zum Beispiel in Richtung verheiratete Männer oder Frauen. Es herrscht hier keine Mitbestimmung. In der Aufwertung des Laiens geht es eher rückwärts. In dem Aufruf haben wir Dinge genannt, die wir unmittelbar tun und mit unseren Gemeinden tun können.

derStandard.at: Wie ist die Reaktion der Amtskirche auf diesen Aufruf?

Schüller: Offiziell liegt uns nur eine Stellungnahme von Bischof Kapellari aus Graz vor, der mit Kardinal Schönborn abgesprochen sein soll. Das ist das einzige, was wir aus der Kirchenleitung gehört haben. Sonst gibt es überwiegend positive Kritik aus dem Kreise der Pfarrer und der Bevölkerung. Natürlich gibt es auch negative Kritik.

derStandard.at: Kann die Amtskirche auch kirchenrechtlich gegen Sie vorgehen?

Schüller: Natürlich muss man auch damit rechnen. Ich möchte nicht vorformulieren was die Kirchenoberen tun könnten. Das kommt darauf an, wie man unser Handeln einschätzt. Wir selbst sagen, dass sind verantwortbare Schritte, die wohl im Gegensatz zu herrschenden Regelungen stehen. Diese werden aber vermutlich, wenn es einmal zu Reformen kommt, als selbstverständlich betrachtet werden. Wenn man die Kirchengeschichte anschaut, dann war es häufig so, dass etwas angefangen hat, das zuerst verpönt und Jahre und Jahrzehnte später allgemeine Lehre war.

derStandard.at: Die Aufwertung der Laien geht eher zurück, sagen Sie. Warum wird das, was im 2. Vatikanischen Konzil begonnen hat, nicht weiter forciert?

Schüller: Es gibt unter den Klerikern bis hinauf zum Papst die Angst, dass man an Macht und Einfluss verlieren könnte. Vielleicht ist es auch die Angst vor der eigenen Courage. Das 2. Vatikanische Konzil hat auch Öffnung bedeutet und das bedeutet Unsicherheit vor neuen Wegen. Die verspätete Auseinandersetzung mit der Moderne bringt vieles ins Wanken, das jahrhundertelang so behauptet wurde. Da gibt es nun auch Strömungen, das Ganze wieder einzudämmen.

In der Entscheidungsstruktur der Kirche können einige wenige vielen ihre Vorstellungen aufdrücken. Die Einstellung eines Mannes, des Papstes und seiner Umgebung, bestimmt die Entwicklung. Das ist nicht nur zu viel Macht, sondern auch zu viel Verantwortung für einen Einzelnen. Die Bischöfe, die sich nun gebunden fühlen, die nur das tun, was der Papst ihnen ermöglicht, sind in diesem System eingebaut. Deswegen haben wir es mit einem starken Bremsvorgang zu tun. Bei den Laien hat man begonnen, sehr zaghaft positive Schritte zu setzen, die scheinen manchen zu weit zu führen.

derStandard.at: Einige Bischofsernennungen waren in letzte Zeit nicht ganz unumstritten. Braucht es ein demokratischeres System der Mitbestimmung der Laien?

Schüller: Ja, selbstverständlich. Es ist völlig unhaltbar, dass die, die es am meisten ausbaden müssen, nämlich die Gemeinden und die Pfarrer, bei der Frage, wer Bischof wird, draußen sind. Man verzichtet auf eine Menge Verstand, denn gerade die Getauften und Gefirmten bringen in die Kirche sehr viel Weltverstand mit. Es ist nicht nur so, dass es zu wenig Einfluss gibt, bei denjenigen, die die Folgen dann tragen, sondern es ist auch völlig intransparent. Das ist völlig inakzeptabel.

Die Ordensgemeinschaften wählen seit Jahrhunderten ihre Äbte und niemand würde behaupten, dass sie den Glauben verwässert haben. Sie glauben immer noch an Gott und die Auferstehung Christi. Und trotzdem muss alle paar Jahre ein Abt neu gewählt werden. Dieser muss sich verantworten und muss Rechenschaft ablegen. Das ist ein Element, das in unserer Kirche völlig fehlt. Weder der Papst noch ein Bischof legen Rechenschaft darüber ab, was sie entscheiden. Diese Dinge entsprechen jedoch nur den zivilisatorischen Fortschritten, die wir mittlerweile haben. Teilhabe an Entscheidungen ist eine Grundsache des modernen Gemeinwesen, warum sollte das nicht in der Kirche auch so sein?

derStandard.at: Sehen Sie den Grund für die aktuelle Krise auch im Mangel an Reformen?

Schüller: Es ist sicher ein Mangel, wenn sich die Kirche den Belastungen der modernen Zeit nicht stellt. Natürlich ist die offene Verweigerung des Eingehens auf die moderne Lebenseinstellung eine schwere Beeinträchtigung im Handeln der Kirche.

derStandard.at: Üben Sie in Probstdorf die Dinge aus, die Sie in dem Aufruf proklamiert haben?

Schüller: Ja, das ist alles schon Realität. Ich kann von guten Erfahrungen berichten. Es wird nichts zerstört und aufs Spiel genommen. Ich denke dieser Weg wird in der Gemeinde von der ganz klaren Mehrheit mitgetragen.

derStandard.at: Glauben Sie, kann eine Veränderung beim Zölibat in den nächsten Jahrzehnten umgesetzt werden?

Schüller: Ich würde mich nicht auf Zeitspekulationen einlassen, manchmal können Dinge sehr schnell gehen. Unmut artikuliert sich heute sehr schnell, dadurch können neue Dinge entstehen. In dem Augenblick, in dem immer deutlicher wird, was die der Kirche verbundenen Menschen wollen, könnte es noch viel schneller gehen. Noch dazu, wenn sich Bischöfe, die in eine ähnliche Richtung denken, vernetzen würden. Die momentane Situation ist der unendlichen Geduld vieler geschuldet. Es wird einfach hingenommen. In dem Augenblick in dem es klarere Worte gibt, und die sich gegenseitig verstärken, können Dinge sehr schnell in Bewegung kommen. Auch beim Zölibat.

derStandard.at: Gibt es auch nicht offizielle Gespräche wo Bischöfe weiter gehen?

Schüller: Wir haben mit den Bischöfen, die mit uns sprechen wollten, Gespräche geführt. Sie haben Verständnis gezeigt für unsere Fragen. Manchmal habe ich mir gedacht, sie denken mehr als sie positiv dazu sagen wollen. Die Bischöfe sammeln diese Frage und sagen uns nicht, was sie selbst davon halten. Da haben wir an der Basis noch keine Klarheit. Die Bischöfe haben sich noch nicht deklariert. Sehr häufig bekommen wir die Antwort: "Das will Rom nicht." Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir auch einmal wissen, was die Bischöfe nicht wollen.

derStandard.at: Nachdem Sie den Aufruf veröffentlicht haben, welchen Schritte planen Sie jetzt?

Schüller: Genaugenommen fordern wir nichts, wir kündigen an, was wir selber tun. Das ist etwas Neues. Wir schicken nicht einen Brief ab und warten auf Antworten. Wir haben begonnen, bestimmte Schritte zu setzen. Wir hoffen, dass viele sich auf ähnliche Weise äußern und dies auch so tun. Wir hoffen auch auf ein Aufgreifen dieser Schritte von der Kirchenleitung. Wir werden sehen, was sich als Reaktion auf den Aufruf tut. Es kommt jetzt sehr darauf an, dass alle die diese Schritte gutheißen, das deutlich nach außen kundtun. Dann wird mehr weitergehen. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 3.7.2011)

HELMUT SCHÜLLER, war Generalvikar der Erzdiözese in Wien und ist heute Pfarrer in Probstdorf.

  •  "Genaugenommen fordern wir nichts, wir kündigen an, was wir selber tun."
    foto: standard/corn

    "Genaugenommen fordern wir nichts, wir kündigen an, was wir selber tun."

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