HTC Flyer: Ein Notizblock mit Android-Herz

3. Juli 2011, 15:28
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Tablet mit Android 2.3 Gingerbread im Hochformat mit Stift und durchdachter Notizanwendung

Tablets dürften in den kommenden Monaten eine ähnliche Entwicklung nehmen wie Smartphone. Da Googles mobiles Betriebssystem Android nicht wie etwa iOS an die Hardware eines einzigen Herstellers gebunden ist, kann sich praktisch jedes Unternehmen an einem eigenen Android-Smartphone oder -Tablet versuchen. Das bringt einerseits Vielfalt auf den Markt, andererseits wird es für die Hersteller schwieriger sich von der Konkurrenz abzuheben. HTC hat mit seinem Tablet-Debut versucht, eine eigene User Experience zu schaffen. Ob diese gelungen ist, sollt der WebStandard-Test zeigen.

Formatfrage

Beim Flyer hat sich HTC für jenes Format entschieden, das auch schon Samsung für sein erstes Galaxy Tab gewählt hat: ein Gehäuse im Hochformat mit einem 7 Zoll großen Display mit einer Auflösung von 1024 X 600 Pixel. Das Design hat den Vorteil haben, dass man es wie einen Notizblock in einer Hand halten kann, und das Tablet auch in (größeren) Jackentaschen Platz findet. Mit den Maßen von 195,4 x 122 x 13,2 mm und einem Gewicht von 420 Gramm, ist es zwar klein, aber weder besonders dünn noch besonders leicht. Das erste Galaxy Tab misst im Vergleich dazu 190 x 120 x 11,9 mm bei nur 380 Gramm. Das Display, bei dem es sich um ein Super LCD handeln dürfte, ist kontrastreich und hell.

Stabiles Gehäuse

Dennoch bleibt das Flyer portabel genug, um es gerne und oft mitzunehmen. Das Alu-Unibody-Gehäuse ist stabil, wenngleich zwei Plastikabdeckungen am oberen und unteren Gehäuserand doch einen etwas fraglien Eindruck hinterlassen. SIM- und SD-Karte verbergen sich unter der oberen Abdeckung. Ein praktischer Einfall von HTC sind die Softtouch-Tasten am Rand des Gehäuses, die automatisch beim Drehen des Displays wechseln und so im Hoch- sowie im Querformat immer an der unteren Kante aufleuchten.

Ausstattung

Abheben soll sich das Flyer durch sein Format, denn mit der technischen Ausstattung hinkt es anderen Android-Tablets leicht hinterher. So hat HTC nur einen Single-Core-Prozessor mit 1,5 GHz verbaut. Die Speichereckdaten von 1 GB RAM und 32 GB interner Speicher liegen wiederum mit der Konkurrenz gleich auf. Der Speicher kann auch durch eine microSD-Karte erweitert werden. Mit einer 5-Megapixel-Hauptkamera und einer 1,3-Megapixel-Rückkamera übertrifft es das iPad 2, liegt aber hinter dem Samsung Galaxy Tab 10.1. Das Flyer unterstützt HSPA-Netze und bietet zur Datenübertragung Bluetooth 3.0 sowie WLAN IEEE 802.11 b/g/n und einen micro-USB-Anschluss. Ein digitaler Kompass, Umgebungslichtsensor und GPS sind ebenfalls verbaut.

Vor- und Nachteile des Formats

Das Format hat wie bereits erwähnt einerseits den Vorteil, dass es portabler ist und das Tablet leichter in einer Hand gehalten werden kann. HTC liefert einen speziellen Stift dazu, womit man auf dem Tablet wie auf einem Block schreiben und zeichnen kann (mehr dazu später). Allerdings bringt es auch Einschränkungen beim Web-Surfen und bei der virtuellen Tastatur mit. Im Hochformat fällt das Tippen am leichtesten, wenn man das Gerät in beiden Händen wie ein Smartphone hält und mit den Daumen tippt. Im Querformat kann man zwar mit 10-Finger-System tippen, aber so komfortabel wie auf einem 10-Zoll-Modell, funktioniert es nicht. Letztendlich erinnert das Flyer hier doch eher an ein aufgeblasenes Smartphone, als an ein Tablet.

Surfen

Die Anzeige von Websites ist im 7-Zoll-Format nicht ganz optimal, da man im Querformat entweder sehr lange auf einer Seite scrollen muss oder im Hochformat nur eine stark gestauchte Seite sieht. Der Browser passt die Seite beim Drehen zudem nicht immer automatisch an das Display-Format an, sodass man gelegentlich manuell nachzoomen muss. Im Test kam das jeweils beim ersten Aufrufen einer Website vor. Allerdings hat man im Hochformat z.b. bei langen Newsseiten wie derStandard.at einen guten Überblick über die Seite und kann zum Lesen einzelner Artikel das Tablet drehen.

Zeichnen

Wie bereits erwähnt legt HTC dem Flyer einen Stift bei, mit dem man auf dem Display zeichnen und schreiben kann. Der Stylus zeichnet sich im Gegensatz zu Stiften für andere kapazitive Touchscreens durch eine besonders dünne Spitze aus. Das wird durch die sogenannte Scribe-Technologie ermöglicht. Mit dem Stift kann man in der eigenen Notiz-Anwendung von HTC zeichnen und schreiben und mit einem Druck einer Taste am Stift die Spitze auch wie einen Radiergummi einsetzen. Zur Auswahl stehen verschiedene Stiftspitzen z.B. Bleistift, Kugelschreib, Pinsel oder Textmarker, Farben und Spitzenstärken.

Halterlos

Der Stift wird aktiviert indem man mit der Stiftspitze auf den Stylus-Button am Gehäuserand tippt. Zwar gibt es eine leichte Verzögerung bei der Eingabe, allerdings ist das bei kurzen Notizen zu vernachlässigen. In der aktuellen Folge des WebStandard-Videoblogs InSite wird die Stifteingabe am Flyer demonstriert. Auf anderen Tablets funktioniert der Stift nicht. Eine Haltung für den Stylus direkt am Gehäuse gibt es leider nicht, sondern nur eine Lasche im mitgelieferten Etui. 

Digitaler Notizblock

Die Notizanwendung ist sehr durchdacht. So ist es möglich direkt daraus Fotos aufzunehmen oder aus den Alben auszuwählen und auf den Notizblock einzufügen. Man kann weitere Dateien von der SD-Karte, Dokumente (z.B. PDFs) und Audiodateien anhängen. Startet man eine Aufnahme, lassen sich die einzelnen Schritte (wann z.B. ein Bild eingefügt oder eine Skizze angefertigt wurde) später nachverfolgen. Handschrifterkennung gibt es beim Flyer allerdings nicht. So muss man schnell dahingekritzelte Texte nachträglich tippen. HTC hat cleverer Weise den sehr populären Dienst Evernote in die Notiz-App integriert. Auch Termine können direkt mit Notizen verknüpft werden und Notizen lassen sich ebenfalls über Mail oder andere Dienste mit anderen Nutzern teilen.

Screenshots mit Notizen verschicken

HTC hat die Unterstützung für den Stift auch in andere Apps integriert, wenngleich sie hier auch nicht so umfassend ist. So wird (bei in den Einstellungen aktiviertem "Kritzelmodus") beispielsweise automatisch ein Screenshot erstellt, tippt man mit der Stiftspitze auf das Display. In weiterer Folge kann man auf diesem Screenshot (etwa von einer Website) eigene Anmerkungen machen und das Bild per Mail oder an verschiedene Dienste wie Facebook, Flickr, Twitter oder Picasa schicken. Auch auf Fotos kann man so Notizen machen. 

eBooks bekritzeln

In eBooks kann man Text wie mit einem Textmarker hervorheben (wobei die Schrift realitätsnah etwas blasser wird) und ebenfalls handschriftliche Notizen vornehmen. Während man die Notizen mit dem Radierer löschen kann, ist das für Textmarkierungen jedoch umständlich. Man muss über den Menübutton "Anmerkungen" wählen und auf das Stiftsymbol klicken. So erhält man eine Liste aller markierten Textpassagen. Will man die Markierung entfernen, muss man nochmals den Menübuttons drücken, auf "Löschen" klicken und kann dann die einzelnen Einträge löschen. Wesentlich praktischer wäre es, könnte man auch diese Markierungen mit der Radierfunktion entfernen. Über die eBook-App können digitale Bücher über den Online-Shop von Kobo bezogen werden.

Filmdienst Watch

Ein weiteres Herausstellungsmerkmal soll der Filmdienst Watch sein, der auf dem Flyer vorinstalliert ist. Der Video-On-Demand-Dienst ist zum Marktstart in Österreich allerdings noch nicht verfügbar. Laut Unternehmen startet das Angebot hierzulande im September, Preise wurden noch nicht bekannt gegeben. Wer die Anwendung startet, hat derzeit nur Zugriff auf einige Trailer. Diese laden aber immerhin schnell und werden flüssig abgespielt. Wie reizvoll es ist, einen Kinofilm zu kaufen, um ihn dann nur auf dem 7 Zoll großen Display ansehen zu können, muss allerdings jeder Nutzer für sich selbst entscheiden.

Kamera

Mit den Kameras hat HTC bislang kein gutes Händchen bewiesen. Zwar sind mit den integrierten Digicams in den Android-Modellen Schnappschüsse möglich, die für die Präsentation im Internet ausreichen. Aber schon bei etwas trüben Lichtverhältnissen wird das Ergebnis stark beeinträchtigt. Auch beim Flyer wirken die Farben schnell ausgeblichen, in Schattenbereichen wird das Bild grobkörnig wie das Beispielsbild zeigt. Allerdings übertrifft die Hauptkamera des Flyer noch immer die Qualität der iPad 2-Kamera. Da man mit der Tablet-Kamera vermutlich nicht auf Fotosafari gehen wird, scheint die Bildqualität ausreichend. HTC hat neben der normalen Kamera-App auch Snapbooth vorinstalliert, mit der (mehr oder weniger) lustige Bildverzerrungen geboten werden.

Gingerbread statt Honeycomb

Anstatt die für Tablets optimierte, neueste Version von Android zu verwenden - 3.1 Honeycomb - liefert HTC das Flyer mit dem Smartphone-System 2.3.3 Gingerbread aus. User können daher nicht von den Verbesserungen von Honeycomb profitieren. Dazu zählen unter anderem das neue Benachrichtigungssystem, der verbesserte Browser, skalierbare Widgets, das überarbeitete User-Interface, der einfachere Wechsel zwischen geöffneten Anwendungen aber auch Hardware-beschleunigte 2D- und 3D-Grafik. Google hat auch alle eigenen Anwendungen wie die Galerie, die E-Mail-App und den Musik-Player überarbeitet. Stattdessen hat HTC das Flyer wie auch schon gesamtes Smartphone-Portfolio mit der eigenen Oberfläche Sense überzogen, am Flyer werkt Version 3.0.

Smartphone-Interface

Von einem echten Tablet-Interface bemerkt man sogesehen beim Flyer nur an wenigen Stellen etwas. Browser und Alben wurden für das größere Display optimiert. So können im Browser geöffneten Seiten am oberen Rand als Thumbnails angezeigt werden, was angesichts fehlender Tabs praktisch ist. Die Fotoalben-App bietet bei Queransicht einen zweigeteilten Screen: im Fenster links werden alle Alben angezeigt, rechts befindet sich eine Übersicht der in einem Album gespeicherten Bilder.

Grundsätzlich unterscheidet sich Sense für Flyer nicht sehr stark von Sense für Smartphones. Die acht Homescreens können mit Apps und Widgets belegt werden. Die HTC-Widgets nehmen dabei extrem viel Platz auf dem Display ein. Der App-Launcher wurde überarbeitet und bietet nun Zugriff auf das App-Menü, die Notiz-Anwendung, eBooks, den Filmdienst Watch und die Einstellungen zur Personalisierung des Tablets. Dass unter Sense noch Gingerbread statt Honeycomb liegt, ist für die Nutzung des Tablets nicht unerheblich. So wird auch der Android Market in der Smartphone-Ansicht dargestellt. HTC hat sich übrigens in Googles "App Store" mit einem eigenen Tab mit empfohlenen Apps hineingehängt.

Apps

Von Apps, die speziell für Tablets mit Honeycomb optimiert sind, bekommen Flyer-Nutzer freilich nichts zu spüren. So werden alle Anwendungen auf dem HTC-Tablet eben nur wie auf einem großen Smartphone dargestellt, was dem Format des Geräts entspricht. Das kann aber durchaus Probleme mit sich bringen, denn das Flyer besitzt mit 1024 X 600 Pixel eine höhere Auflösung als Smartphones. So sind Preview-Screenshots im Android-Market sehr pixelig dargestellt. Bei den im Test ausprobierten Apps selbst gab es keine stark beeinträchtigenden Darstellungsprobleme - ledigleich bei einigen Spielen waren die Anfangsanimationen pixelig. Bei der Performance war nicht zu merken, dass das Flyer nur mit einem Single-Core-Chip ausgestattet ist. Apps und auch die Animationen der Sense-Oberfläche öiefen im Test stets flüssig.

Akku

HTC hat dem Flyer einen 4.000 mAh starken Akku spendiert, der im Test eine beeindruckende Performance an den Tag legte. Im Test hielt das Tablet bei intensiver Nutzung von Browser, Kamera, diverser Apps (z.B. Angry Birds und Notizen) und E-Mail über WLAN über zehn Stunden lang durch. Wer das Gerät voll aufgeladen beispielsweise zur Arbeit oder an die Uni als digitalen Notizblock mitnimmt, sollte sich also keine Sorgen machen müssen, dass das Flyer mitten im Meeting oder der Vorleseung am Nachmittag schlapp macht.

Fazit

Den echten Mehrwert, den das Flyer gegenüber anderen Android-Tablets bietet, ist der Stift. Wie bereits erwähnt, gibt es zwar Stifte für kapazitive Touchscreens, doch verfügen diese nicht über eine so dünne Spitze wie der "Magic Pen" von HTC. Ansonsten liegt das Flyer mit seinem Single-Core-Prozessor und Gingerbread statt Honeycomb hinter aktuellen Android-Tablets. Für das Flyer wird es zweifellos einen Markt geben. Zum dominierenden Formfaktor dürften 7-Zöller aber nicht avancieren, da sie vor allem beim Surfen Einschränkungen bringen. Das Tablet wird in zwei Version mit WLAN + 3G (HSPA) um 649 Euro sowie mit WLAN und 16 GB Speicher um 499 Euro angeboten. (Birgit Riegler/derStandard.at, 3. Juli 2011)

  • HTC hat für sein erstes Tablet namens Flyer wie Samsung beim ersten Galaxy Tab ein 7-Zoll-Display im Hochformat gewählt. 
    foto: birgit riegler

    HTC hat für sein erstes Tablet namens Flyer wie Samsung beim ersten Galaxy Tab ein 7-Zoll-Display im Hochformat gewählt. 

  • Mit den Maßen von 195,4mm x 122mm x 13,2mm und einem Gewicht von 420 
Gramm kann man das Flyer wie einen Notizblock mit einer Hand halten. Besonders dünn und leicht ist es allerdings nicht.
    foto: birgit riegler

    Mit den Maßen von 195,4mm x 122mm x 13,2mm und einem Gewicht von 420 Gramm kann man das Flyer wie einen Notizblock mit einer Hand halten. Besonders dünn und leicht ist es allerdings nicht.

  • Statt Android 3.0/3.1 Honeycomb, das extra für Tablets optimiert ist, läuft am Flyer die Smartphone-Version Gingerbread mit HTCs Oberfläche Sense.
    foto: birgit riegler

    Statt Android 3.0/3.1 Honeycomb, das extra für Tablets optimiert ist, läuft am Flyer die Smartphone-Version Gingerbread mit HTCs Oberfläche Sense.

  • Beim Surfen sieht man in der Quertansicht nur sehr wenig von einer Website.
    foto: birgit riegler

    Beim Surfen sieht man in der Quertansicht nur sehr wenig von einer Website.

  • Die Kamera des Flyer kommt mit schlechteren Lichtverhältnissen nur schwer zurecht.
    foto: birgit riegler

    Die Kamera des Flyer kommt mit schlechteren Lichtverhältnissen nur schwer zurecht.

  • Mehrwert will HTC mit einer eigens entwickelten Notiz-Anwendung bieten, in der man mit dem mitgelieferten Stift auch handschriftliche Notizen und Zeichnungen anfertigen kann.
    foto: birgit riegler

    Mehrwert will HTC mit einer eigens entwickelten Notiz-Anwendung bieten, in der man mit dem mitgelieferten Stift auch handschriftliche Notizen und Zeichnungen anfertigen kann.

  • Mit dem Stift kann man beispielsweise auch in der eBooks-Anwendung Text markieren.
    foto: birgit riegler

    Mit dem Stift kann man beispielsweise auch in der eBooks-Anwendung Text markieren.

  • Der Film-Dienst Watch wird in Österreich erst ab September verfügbar sein.
    foto: birgit riegler

    Der Film-Dienst Watch wird in Österreich erst ab September verfügbar sein.

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