Zeit für gesunde Lektüre

3. Juli 2011, 21:10
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Wie isst der Mensch? Wie funktioniert der Körper? Im Urlaub gibt es Zeit dafür

Gutes Essen, böses Essen

Mitunter sind die einfachsten Dinge des Lebens in der modernen Industriegesellschaft schwierig geworden. Essen zum Beispiel. Jahrtausendealte Essgewohnheiten sind durch Globalisierung und industrielle Dauerverfügbarkeit aus dem Gleichgewicht geraten. Dass Menschen von Natur aus Allesfresser - also Omnivoren - sind, ist zum ersten Mal Fluch und Segen zugleich. Denn nicht alle Menschen vertragen alles, und viele Zivilisationerkrankungen der letzten Jahrzehnte sind nicht zuletzt das Resultat der Industrialisierung des Essens.

Wie komplex die Dinge tatsächlich sind, kann der US-Autor Michael Pollan auf bestechend klare Art und Weise auf den Punkt bringen. Er erzählt die Geschichte von Maiszucht in den USA und erklärt damit die Entstehung von Fastfood. Im Kapitel, das er Gras nennt, geht es in Wirklichkeit um die industrielle Tierzucht und die profitmaximierenden Strategien ihrer Betreiber. Im letzten Kapitel unterzieht sich der Autor dann einem Experiment: Er verzichtet auf jede Art von Supermarkt und versucht, sein Abendessen aus eigener Kraft auf den Teller zu bringen. Durch die Verquickung von eigener Erfahrung und Realität werden komplexe Zusammenhänge für den Leser sehr schnell transparent. Und das Beste: Nach der Lektüre dieses Buches lassen sich Entscheidungen darüber, was gutes und was weniger gutes Essen ist, viel einfacher fällen als zuvor. Das Riesenangebot im Supermarkt bleibt, nur die Wahl fällt leichter. (pok)

Heroische Kämpfe gegen den Krebs

Bei rund 35.000 Österreichern wird heuer eine Tumorerkrankung diagnostiziert werden, 20.000 werden 2011 an Krebs sterben. Den Fortschritten der Forschung ist es zu verdanken, dass eine Krebsdiagnose jedoch längst nicht mehr einem Todesurteil gleichkommt.

Der US-indische Onkologe Siddhartha Mukherjee hat über diese lange vergeblichen, meist tragischen und letztlich doch immer erfolgreicheren Kämpfe gegen diese tückische Krankheit und ihre Helden ein grandioses Buch geschrieben, das heuer mit dem Pulitzer-Preis für das beste Sachbuch ausgezeichnet wurde.

Im Kern ist The Emperor of all Maladies eine famos erzählte Geschichte der Krebsforschung in den USA rund um den Pathologen Sidney Farber und die Aktivistin Mary Lasker, die gemeinsam den "War on Cancer" auf den Weg brachten.

Doch diese "Biografie" einer Krankheit ist noch viel mehr: Sie berichtet von den ersten Krebsdiagnosen im alten Ägypten ebenso wie von grausamen Operationen in der frühen Neuzeit, von den ersten Chemotherapien bis hin zur Entwicklung revolutionärer Medikamente wie Herceptin.

Mukherjee bringt dabei das Kunststück zuwege, eine enorme Wissensfülle in bewegende Geschichten zu verpacken und dabei die Perspektive seiner Protagonisten zu wahren. Und für Betroffene hält sein in fünfjähriger Arbeit entstandenes Buch den kleinen Trost bereit, um wie viel schlimmer es gewesen wäre, vor zwanzig oder fünfzig Jahren an Krebs zu erkranken. (tasch)

Das tägliche Affentheater

Das Leben ist voller Aufgaben, Konflikte stehen auf der Tagesordnung. Mit welchen Strategien lösen die Menschen eigentlich Probleme? Dieser Frage geht der berühmte Biologe Frans de Waals aus einem für die Wissenschaft ungewöhnlichen Blickwinkel nach. Statt Aggression ins Zentrum der Betrachtungen zu stellen, setzt er seinen Fokus auf das friedliche Miteinander, auf Mitgefühl, Gerechtigkeit und Vertrauen, und stellt die Frage, inwiefern solche Verhaltensmuster in den Gehirnen von Säugetieren auch evolutionär verankert sind.

So viel vorneweg: De Waal glaubt an das Gute. Als erfahrener Primatenforscher kann er in seinen Argumentationen aus seinem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Das Buch ist voll Geschichten darüber, wie individuelles Verhalten in hierarchischen Gesellschaftsordnungen geregelt ist. Man liest über Versuchreihen mit Affen und erkennt als Leser eigene Muster. Darüber hinaus ist das Buch aber auch aufschlussreich in Bezug auf die Frage, wie kindliche Entwicklung funktioniert. Indem er von Elefanten, Fledermäusen und Bären erzählt, erklärt er als Biologe Zusammenleben.

De Waal scheut aber auch nicht den ganz großen Vergleich, zieht Parallelen zu Politik und Weltwirtschaft und stellt sich gegen populäre Theorien wie die von Richard Dawkins, dessen These vom "egoistischen Gen" zahlreiche Manager zu unverantwortlichem Handeln inspirierte. Insofern ist de Waals Buch durchaus auch als Gesellschaftskritik zu lesen. (pok)

(DER STANDARD Printausgabe, 04.07.2011)

  • Michael Pollan: Das Omnivoren-Dilemma. Goldmann Verlag: 2011, 602 Seiten, Taschenbuch, 15,50 Euro
    foto: standard

    Michael Pollan: Das Omnivoren-Dilemma. Goldmann Verlag: 2011, 602 Seiten, Taschenbuch, 15,50 Euro

  • Siddhartha Mukherjee: The Emperor of all Maladies. A biography of cancer. Scribner 2010, 571 Seiten, 13,40 Euro
    foto: standard

    Siddhartha Mukherjee: The Emperor of all Maladies. A biography of cancer. Scribner 2010, 571 Seiten, 13,40 Euro

  • Frans de Waal: Das Prinzip Empathie, Hanser Verlag 2001, 352 Seiten, 25,60 Euro
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    Frans de Waal: Das Prinzip Empathie, Hanser Verlag 2001, 352 Seiten, 25,60 Euro

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