Lehrer im Arztkittel

Unterricht im Krankenhaus

Reportage | Rosa Winkler-Hermaden, 11. Juli 2011, 13:41
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    foto: derstandard.at/winkler-hermaden

    Gabi Barfuss mit Schülerin Antonia am Krankenbett. In der internen Abteilung tragen die Lehrer weiße Mäntel - "damit wir uns auch aufs Bett setzen können."

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    In zehn Wiener Spitälern gibt es Krankenhaus-Schulen.

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    Ein Klassenraum im Wiener Wilhelminenspital.

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    In der internen Abteilung wird viel gebastelt und gezeichnet.

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    Stefan Lehninger und Brigitte Gruber unterrichten 11- bis 16-Jährige mit psychosomatischen Erkrankungen.

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    Eine Gemeinschaftsarbeit von mehreren Spitalsschülern.

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    Lehrerin Barfuss lädt die Kinder zum Unterricht ein.

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    Aufgaben für die Schüler.

In Wiens Spitälern werden pro Jahr 5000 Kinder unterrichtet - Manche sind Schüler im Krankenhaus für nur eine Nacht, andere bleiben mehrere Monate

David kann nicht ruhig sitzen. Er rutscht auf seinem Sessel hin und her und will mit seiner Sitznachbarin blödeln. Weil sie ihn ignoriert, versucht er auf einem anderen Weg Aufmerksamkeit zu erhaschen. Er reibt seinen Bleistift solange auf dem Tisch bis ein Quietschen entsteht, das in den Ohren wehtut. David gefällt es, im Mittelpunkt zu stehen. Er grinst über beide Ohren, wenn es ihm gelingt. Der elfjährige Schüler ist ein bisschen zu dick, hat dunkelblonde Haare, eine Stupsnase und wirkt fröhlich. Er hört mit den Quietschgeräuschen solange nicht auf, bis Lehrerin Brigitte Gruber mit ihm aus der Klasse geht, damit er sich wieder beruhigen kann.

Zurück bei den restlichen neun Schülern bleibt der zweite Klassenlehrer, Stefan Lehninger. "Jammern hilft nichts", steht auf seinem T-Shirt. Es könnte sein Motto sein. Er hilft den Schülern dabei, Hauptstädte aus dem Atlas zu suchen. Die Schüler sind zwischen elf und 16 Jahre alt und werden jahrgangsübergreifend unterrichtet.

Kinder mit psychosomatischer Erkrankung

Es ist eine typische Situation für die Schulklasse im Wiener Wilhelminenspital, in der Kinder unterrichtet werden, die psychosomatisch erkrankt sind. Das Wilhelminenspital im 16. Bezirk ist eines der größten Krankenhäuser Wiens. Auch Schüler, die wegen einer Lungenentzündung in der internen Abteilung aufgenommen werden, erhalten Unterricht. Selbst wenn sie nur ein paar Tage hier sind. Genauso Patienten, die an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose leiden. In insgesamt zehn Wiener Spitälern gibt es die "Heilstättenschule", wie sie offiziell heißt. Pro Jahr werden durchschnittlich 5000 Kinder im Regelfall bis zur 9. Schulstufe unterrichtet. 

Die Schulbänke im Wilhelminenspital sehen aus wie in jeder anderen Klasse auch. An der Wand hängt eine Tafel. Keine grüne, sondern eine moderne, weiße Tafel, auf der man mit Stiften schreibt. Die Wände sind kahler als sonst, die Zeichnungen und Plakate bereits abmontiert. Bald sind Sommerferien. An jenem Donnerstag ist der vorletzte Schultag.

Patienten sind Schulverweigerer

"In der Abteilung für Psychosomatik haben wir es zu 80 Prozent mit Schulverweigerern zu tun", erklärt Lehrerin Brigitte Gruber nach dem Unterricht. Warum die Kinder nicht in die Schule gehen wollen oder können, hat verschiedene Gründe. Sie haben soziale Schwierigkeiten, trauen sich nicht weg, weil ein Elternteil einen Selbstmordversuch gemacht hat und sie Angst haben, er könnte es wieder tun, wenn sie nicht zuhause sind. Andere sind mager- oder spielsüchtig.

Im Spital bleiben sie für zumindest drei Monate. In Absprache mit der Schule, die die Kinder normalerweise besuchen, versuchen die Spitalslehrer, den Lehrstoff im Krankenhaus weiter zu vermitteln. "Schule ist das einzig Reale in der künstlichen Krankenhauswelt", sagt Gruber. Circa zwanzig Stunden pro Woche gehen die Schüler in die Krankenhaus-Schule. Für die Patienten der psychosomatischen Abteilung gibt es einen eigenen Schulpavillon auf dem Gelände des Wilhelminenspitals, in dem sich auch der Klassenraum befindet.

"Intensiverer Kontakt" zu den Schülern

Gruber unterrichtet bereits das 17. Jahr in der Heilstättenschule. Ihr gefällt der Beruf, weil im Krankenhaus auch das "gruppendynamische und soziale arbeiten" dazukommt, wie sie erklärt. Grubers Kollege Lehninger hat sein erstes Unterrichtsjahr hinter sich. Er hebt den "intensiveren Kontakt" zu den Schülern hervor, den er hier im Spital hat.

Direktorin Ingrid Schierer steht den Lehrern in zehn Wiener Spitälern vor. Sie hat früher selbst im Krankenhaus unterrichtet. "Es gibt die verschiedensten Krankheitsbilder. In Unfallspitäler kommen andere Kinder als in Psychiatrien", erklärt sie. Die Lehrer hätten sich mit ihrer Arbeit auf die besonderen Bedürfnisse der einzelnen Kinder einzustellen. Wenn es notwendig ist, gibt es Einzelunterricht. Etwa dann, wenn Kinder an ansteckenden Krankheiten leiden.

"Dezente" Herangehensweise

"Die Idee ist die, dass die Kinder den Bezug zur eigenen die Klasse nicht verlieren, und dass sie im Spital dasselbe lernen wie in der Schule", so Schierer. "Wir machen das sehr dezent, ohne uns aufzudrängen." Der Gesundheitszustand sei natürlich dringender als der schulische Fortschritt. Immer wieder kommt es auch vor, dass Kinder im Krankenhaus Schularbeiten schreiben. Die Schularbeit wird an die eigentliche Schule retourniert und dort benotet. Am Ende des Krankenhausaufenthalts schreiben die Spitalslehrer den Kindern eine Schulbesuchsbestätigung. Verbringen die Kinder mehrere Wochen im Krankenhaus, fließt ein Beurteilungsvorschlag der Spitalslehrer im Normalfall ins Zeugnis ein.

Ein weiterer Aspekt der Schule im Spital wird immer wichtiger: Die Begleitung der Kinder bei der Reintegration in ihrer Herkunftsschule. Waren Schüler mehrere Wochen oder gar Monate nicht fähig, die Schule zu besuchen, sollen sie von Lehrern unterstützt werden, damit die Wiedereingliederung in die Klasse leichter geht. Bei der Reintegration sieht Schierer noch Handlungsbedarf: "Wir brauchen diese Nachsorge. Auch wenn die Schüler keine Patienten mehr sind und als gesund entlassen werden, besteht oft noch ein Bedarf nach Betreuung und Begleitung in den schulischen Alltag oder bei der Berufsfindung."

Berufsbegleitender Hochschullehrgang

Die Lehrer der Heilstättenschule haben ein Pflichtschullehramt absolviert, sind Volks-, Haupt- oder Sonderschullehrer. Das ist Grundvoraussetzung, um in einem Krankenhaus unterrichten zu dürfen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, die Ausbildung zum Krankenhauslehrer ("Heilstättenpädagogik") zu absolvieren. Dabei handelt es sich um einen Hochschullehrgang, der sechs Semester dauert und berufsbegleitend besucht werden kann. Angeboten wird er von der Pädagogischen Hochschule in Oberösterreich. 

Lehrerin Gabi Barfuss hat eine solche Ausbildung nicht absolviert. Die 58-Jährige unterrichtet bereits seit ihrem 20. Lebensjahr in der Heilstättenschule. Seit einigen Jahren nun schon in der internen Abteilung des Wilhelminenspitals, die sich wenige Meter vom Schulpavillon, in dem die psychosomatisch erkrankten Kinder unterrichtet werden, befindet. Im Unterschied zur Psychosomatik werden die Kinder hier meist nur für einige Tage bis Wochen stationär aufgenommen. Sie haben Lungenentzündung, Bronchitis oder ähnliche infektiöse Krankheiten. Sobald es der Gesundheitszustand erlaubt, nehmen sie am Unterricht teil.

"Schule ist auch Ablenkung"

Am Vormittag bastelt, rechnet, liest und zeichnet Barfuss mit den Kindern. In einem freundlichen Zimmer mit vielen Büchern und Zeichnungen an der Wand gibt es die Möglichkeit, in Ruhe zu arbeiten. "Durch den Einzel- und Kleinstgruppenunterricht habe ich die Möglichkeit neben der Vermittlung des Lehrstoffes schulische Probleme zu entdecken und die Kinder entsprechend zu fördern", sagt Barfuss. Die Schule im Spital ist für sie auch eine psychohygienische Maßnahme, eine "Hilfe gegen den fremden, eintönigen Spitalsalltag". Die Schule sei den Kindern vertraut, das Wiedererkennen bestimmter Lerninhalte und Unterrichtsmittel fördere die Sicherheit. Barfuss: "Schule ist auch Ablenkung von Krankheiten und Schmerzen." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 8.7.2011)

Alle Namen von Patienten von der Redaktion geändert.

Wissen: Schon vor dem ersten Weltkrieg wurden kranke Schüler in der Lungenheilstätte des AKH und im Orthopädischen Spital Gassergasse unterrichtet. 1926 wurden die bestehenden Klassen vom Stadtschulrat in das öffentliche Schulwesen übernommen. Im Jahr 1948 wurden die Schulklassen in den Wiener Spitälern als "Heilstättenschulen" zusammengefasst und als Schule mit eigener Leitung gegründet. Direktorin Schierer strebt eine Änderung in "Schule für Kinder und Jugendliche in Spitalsbehandlung" an.

Links:

Heilstättenschule Wien

Hochschullehrgang "Heilstättenpädagogik"

Kommentar posten
12 Postings
Moist von Lipwig
00
12.7.2011, 12:26

Meine Mutter ist auch Heilstättenlehrerin, allerdings nicht in Wien.

Das bewegendste wovon Sie mir bisher berichtet hat, waren 2 Buben aus Angola, die über Ärzte ohne Grenzen nach Österreich gekommen sind um hier ihre durch Minen verursachten Verletzungen behandeln zu lassen.

Die Buben waren so dankbar dafür, dass Sie überhaupt eine Schule besuchen konnten, dass Sie auch Jahre später noch Briefe geschrieben haben.

Respekt an alle Lehrer u. -innen die diese psychisch teilw. sehr belastenden Tätigkeit übernehmen.

benutzernamenvergesser
00
12.7.2011, 08:52
Liebe Frau Rosa Winkler-Hermaden!

Die Lehrerin Gabi Barfuss schreibt Ihren Namen selbt mit ss auf die Tafel. Warum korrigieren Sie auf ß?

Rosa Winkler-Hermaden
00
27.7.2011, 12:28

Danke für den Hinweis, wurde ausgebessert!

Oyden
00
11.7.2011, 21:57

Danke für diesen Satz: "An der Wand hängt eine Tafel. Keine grüne, sondern eine moderne, weiße Tafel, auf der man mit Stiften schreibt."

magdazeini
01
11.7.2011, 21:21
Ich hab den größten Respekt

vor Kollegen und Kolleginnen, die sich dieser Ausbildung widmen!

tsts
00
11.7.2011, 22:23

ich auch. ich hab mal eine lehrerin kennengelernt, die im st. anna kinderspital die kranken kinder unterrichtete. einmal hat ein bub unter die schularbeit geschrieben, dass er wohl nicht mehr erleben wird, welche note er bekommt. er hatte recht. und dennoch war ihm der unterricht sehr wichtig und eine erleichterung. wie man das als lehrerin verkraftet - keine ahnung.

Tethys
00
12.7.2011, 09:50

Ich bewundere auch die Lehrer am Blindeninstitut. Ich kannte da mal eine Lehrerin. Im Laufe eines Jahres musste sie miterleben, wie eine Schülerin mehr und mehr erblindete. War nicht leicht, weder für die Schülerin noch für die Lehrer. Ein Kind zu unterrichten, das eigentlich ganz andere Sorgen hat und doch so lernwillig und positiv (!) war.

der gärtner
71
11.7.2011, 21:20

aufs bett setzen ist aber verpönt
und der mantel hat immer geschlossen zu sein.

chac
00
29.7.2011, 00:23
so, wie Sie sich da äußern,

klingt das aber eher nach unterstelltem päderastentum

der gärtner
01
12.7.2011, 14:43
ja klar strichelt mich nur rot

ihr seid doch bestimmt dieselben die sich dann furchtbar aufregen,
wenns wieder mal heisst im spital werden die hygienevorschriften nicht eingehalten.

niemand verschleppt keime so gut wie jemand der von zimmer zu zimmer geht und sich dabei in jedes patientenbett setzt.

bei kindern mit krebs, die eh schon abwehrgeschwächt sind, ist das noch viel bedenklicher.

gays-come-first
01
11.7.2011, 18:20

ist einmal ein wohltuend positiver artikel zum bereits sehr abgedroschenen thema "was muß die schule/lehrer besser machen" - großartige leistung von pädagogen und wunderbare einrichtung.

guitarero
00
11.7.2011, 18:01
Danke!

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