Volvo: Weiße Nächte, rote Pläne

1. Juli 2011, 16:37
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800.000 Volvos jährlich ab 2020: Die Chinesen haben Großes vor. Aber vor dem Ausbau der Palette kommt Pflege im Detail. Aufgewertet werden: V70, XC70, S80

Da wird auf der einen Seite Tragödie gegeben, altgriechischen Zuschnitts fast: Saab, die eine schwedische Traditionsmarke, ruiniert in der GM-Ära, stirbt seit Jahren und jetzt wohl endgültig, das Ersehnen eines rettenden Ritters aus dem Reich der Mitte ist kaum mehr als ein letztes Aufflackern von Überlebenswillen.

Auf der anderen Seite, auf der eher erfreulichen des emotionalen Spektrums, der andere geschichtsträchtige skandinavische Automobilhersteller, Volvo. 1999 bis 2010 ein echtes Schmuckstück im Ford-Markenportfolio, die Detroiter Mutter ging bekanntlich fast pleite und stieß die Firma ab.

Seither front Volvo für die Geely International Corporation, und das ist einer der größeren und auch im Westen schon halbwegs bekannten Hersteller aus dem kapitalkommunistischen China. Ja, und was soll man sagen, gerade jetzt zur Mittsommernacht, ganz Skandinavien in Feierlaune: weiße Nächte, rote Pläne; die Planwirtschaftler haben großes vor mit dieser ihrer Premiumtochter, vom Know-how, das man frank und frei miterworben hat, ganz zu schweigen.

Eine erste Fingerübung, was Volvo künftig darf/soll/muss, war im April auf der "Auto Shanghai" zu sehen – die Studie Concept Universe, die Gusto machen sollte auf was ganz Großes. Im September auf der IAA in Frankfurt folgt, darauf basierend, schon ein konkreterer Vorschlag für ein luxuriöses Vehikel, das Volvo in der Premiumliga aber so was von einbetonieren soll für alle Zukunft.

Allerdings, erfuhr DER STANDARD soeben in Göteborg, quasi daheim bei Volvo, wird es keine Baureihe über dem S80 geben, keinen S100, wie Universe vermuten hätte lassen können – es handelt sich eher um erste Fingerübungen zum Nachfolger des S80. Darunter, unterhalb C30, sei auf absehbare Zeit auch nix geplant, hieß es weiter.

Man darf dennoch gespannt sein auf den Ausbau der bisherigen Modellpalette, auf einen SUV unterm XC60 zum Beispiel, und selbst bei alternativen Antriebskonzepten kommt der skandinavische Granit ins Rollen. Soeben angelaufen ist die Produktion der Elektroversion des C30, der in rund 300 Stück in einigen europäischen Märkten an ausgesuchte Kundschaft geht, 150 km E-Reichweite nennt der Hersteller. Ende 2012 folgt ein V60 Diesel-Plug-in-Hybrid, mit dem man 50 km weit herumstromern können soll.

Masse und Klasse

2013 rollen dann die ersten Fernost-Volvos vom Band, Geely hat dazu ein Werk im westchinesischen Chengdu gegründet. Das soll der Auftakt sein, Volvo zu bisher ungeahnten (Absatz-)Größen zu führen: 373.000 Autos verkaufte man 2010, bis zu 440.000 sollen es heuer werden, bisheriges Rekordjahr war 2007 mit 458.000 – 2020 soll die Welt allerdings nach Geelys Willen mit jährlich mindestens 800.000 Volvos beglückt werden, 200.000 davon dann in China für China produziert. Damit könnte man zumindest ansatzweise aufschließen zur großmächtigen deutschen Oberligakonkurrenz von Mercedes, BMW, Audi, die alle absatzmäßig längst Millionäre sind. Ob so Volvos Premiumanspruch gehalten werden kann, ob neue Masse und alte Klasse gedeihlich harmonieren, wird sich zeigen, man kann's den sympathischen Schweden nur wünschen.

Erst einmal bäckt man sowieso kleinere Knäckebrötchen, in der Ruhe liegt die Kraft, alte konfuzianische Weisheit, und wertet, Stichwort premissimo, die Interieurs in den aktuellen Baureihen V70, XC70 und S80 auf. Zum Beispiel damit, dass man die Mittelkonsole überarbeitet hat und dem in der 60er-Baureihe eingeführten neuen Standard anpasst. Nennt sich Sensus Infotainment System, setzt auf intuitive Bedienbarkeit, und die Funktionen können über Tasten am Multifunktionslenkrad oder über Knöpfe an der Mittelkonsole gesteuert werden. Auf einen zentralen Dreh-Drück-Bedienknopf wie bei der germanischen Konkurrenz lässt sich Volvo nach wie vor nicht ein.

Die andere Meldung – ebenfalls bezüglich V70, XC70 und S80 – wäre, dass der D5-Diesel überarbeitet wurde. Das 2,4-Liter-5-Zylinder-Aggregat leistet nun 215 statt bisher 205 PS, verbraucht aber im Schnitt acht Prozent weniger Sprit, unter anderem dank Start-Stopp bei den Handschaltern (später auch bei der Automatik). Das Flaggschiff S80 D5 schafft so einen vorbildlich niedrigen Normverbrauch von 4,9 l / 100 km. (Andreas Stockinger/DER STANDARD/Automobil/01.07.2011)

  • Überarbeitete Mittelkonsole, praktischeres Bediensystem - und ein stärkerer, zugleich sparsamerer 5-Zylinder-Diesel - das sind die Highlights der Aufwertungsmaßnahmen an V70, XC70 und S80.
    foto: stockinger (1)/werk (2)

    Überarbeitete Mittelkonsole, praktischeres Bediensystem - und ein stärkerer, zugleich sparsamerer 5-Zylinder-Diesel - das sind die Highlights der Aufwertungsmaßnahmen an V70, XC70 und S80.

  • Soeben in Kleinserie für ausgesuchte Märkte und Kundschaft angelaufen ist die Produktion des Volvo C30 Electric, Reichweite: 150 km.
    foto: werk

    Soeben in Kleinserie für ausgesuchte Märkte und Kundschaft angelaufen ist die Produktion des Volvo C30 Electric, Reichweite: 150 km.

  • Die Studie Universe, Vorbote des nächsten S80.
    foto: stockinger

    Die Studie Universe, Vorbote des nächsten S80.

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