"Richtiges Zwiebel schneiden" als Mehrwert

30. Juni 2011, 18:51
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Bewegtbilder rücken in den Fokus der Verlage - stern.de verdient damit Geld und glaubt an Videos als Vehikel für Exklusivmaterial

250.000 Video-Abrufe täglich - bei rund 40 neuen Clips pro Tag. Von Nachrichten über Service bis zu Unterhaltung. "Bis jetzt ist es eine Erfolgsgeschichte." Ralf Klassen bilanziert vier Jahre Digital TV bei stern.de. Der Leiter der Abteilung spricht von einem Geschäftsfeld, das vielen Verlagen, nicht nur Gruner + Jahr, eine Chance bietet: bewegte Bilder. Auch bild.de und spiegel.de lassen mit schwarzen Zahlen grüßen.

TV-Sender hätten ihre Distributionsmonopol verloren: "Lizenzen sind das Papier nicht mehr wert, auf dem sie geschrieben sind." US-Kanäle haben in den letzten Jahren 50 Prozent ihrer Seher eingebüßt, so Klassen, der bei der Generalversammlung des Verbandes Österreichischer Zeitungen referierte. "Um etwas Wichtiges zu sehen, muss man schließlich nicht mehr auf die Abendnachrichten im TV warten."

Videos als Exklusivmaterial

Massiv gesunkene Produktionskosten ermöglichen, Bewegtbilder sehr billig zu erzeugen. Multimedialität müsse den berühmten Mehrwert bieten: "Wir verknüpfen unsere Geschichten mit Reportagen, Interviews, Grafiken und Fotostrecken." Das Medium eigne sich besonders gut für Erklärstücke. Klassen glaubt, dass Videoberichte zu einer gleichwertigen Informationsquelle in digitalen Angeboten avancieren werden. "Bewegtbild wird nicht mehr nur komplementär, sondern exklusiv zum Einsatz kommen." Fußballübertragungen im Web würden die Richtung vorgeben.

Er plädiert dafür, Videos in sämtlichen Bereichen einzusetzen. Und zwar auf der gesamten Webseite und nicht nur auf unteren Navigationsebenen oder in einem eigenen Video-Center, wo sie nicht gefunden werden - oder wo man von der Masse erschlagen wird. "Authentische Moderatoren" aus den Reihen der Redaktion bevorzugt er, im Web müsse es nicht so professionell sein. "Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht."

Syndizierung

Auf stern.de gab es drei Staffeln einer Kochserie, die aus mehreren Teilen bestand. Präsentiert von einem "Stern"-Printjournalisten. Eine Serie, die sich auch außerhalb des "Stern"-Universums seht gut vermarkten ließ. "Warum soll ich das nur auf der eigenen Webseite präsentieren?" Es gebe genügend Portale, die zwar Interesse an Video-Content haben, sich aber Eigenproduziertes nicht leisten können, so Klassen, der zu HD-Auflösungen rät. "Hochwertige Qualität wird im Web zum Standard."

Inhaltlich lasse sich durchaus mit dem Servicecharakter punkten. "Wie schneide ich eine Zwiebel?" oder "Wie putze ich ein Auto?" seien Themen, die auf Interesse stoßen, glaubt er. Das Zwiebel-Video, das im Rahmen der Kochsendung entstand, kommt bis jetzt auf drei Millionen Abrufe: "Hier füllen wir eine Lücke, die klassische TV-Anbieter nicht mehr abdecken." TV sei letztendlich ein "simples Medium und kein analytisches Auseinandersetzen über das Sein."

Neue Vermarktunsmöglichkeiten

"Die Videos werden länger dauern", konstatiert er einen weiteren Trend, der sich seiner Meinung nach in besserer journalistischer Qualität und besseren Vermarktungsmöglichkeiten manifestieren werde. Längere Geschichten, angereichert mit Hintergrundinfos, könnten erzählt werden. Davon würde auch die Werbung profitieren. Statt nur Spots am Beginn eines Clips zu schalten, könnten andere Formen wie Mid-Rolls, Overlays oder synchronisierte Banner zum Einsatz kommen. Prinzipiell, so Klassen, werden "Pre-Rolls" akzeptiert. Also jene Werbespots, die vor dem Inhalt starten. Der Weisheit letzter Schluss seien sie dennoch nicht. "Vor ein paar Jahren hatten wir Absprungquoten von bis zu 90 Prozent", erzählt er, "jetzt sind es nur mehr 20 Prozent." Er fordert mehr Hirnschmalz: "Die Werbeindustrie ist hier gefragt."

Die Resonanz seitens der Werbetreibenden sieht er sehr positiv. Bei den stern.de-Videos seien die Werbeplätze praktisch ausgebucht. Eine große Chance ortet er im Bereich "Wohnzimmer TV", wo sich das Internet langsam aber sicher breitmachen werde. Uneinheitliche technische Standards sowie die klassischen TV-Stationen, die mit Geräteherstellern kooperieren, würden die Bemühungen noch konterkarieren, kritisiert er. Vom Siegeszug des IPTV zeigt er sich naturgemäß überzeugt.

Bereits jetzt, vier Jahre nach Gründung der Abteilung Digital TV bei stern.de, lasse sich Geld verdienen. "Wir erzielen sechsstellige Umsatzerlöse." Es gelte, den Vorsprung auszubauen, denn: "Klassische TV-Anbieter tun sich noch sehr schwer, in der digitalen Welt Fuß zu fassen." (om, derStandard.at, 30.6.2011)

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  • "Deutschland lernt kochen", so der Titel der Web-Serie auf stern.de. Ein wichtiger Teil: "Richtig Zwiebel schneiden". --> Zum Video
    foto: sreenshot

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