Arm an Geld und dafür reich an Neurosen

30. Juni 2011, 17:55
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Das Hamakom-Theater im Wiener Nestroyhof kämpft mit schmählich geringem Budget um die Wachhaltung jüdischer Theatertradition

Frederic Lion plant trotzdem mit Regiestars wie Michael Gruner und Johann Kresnik.

Wien - Man kann nicht auf Anhieb sagen, worin sich die Sexualfantasien jüdischer US-Autoren von denjenigen ihrer europäischen, eventuell nichtjüdischen Kollegen unterscheiden. Im Hamakom-Theater Nestroyhof, wo Hausherr Frederic Lion zum Saisonausklang in die Neurotic Lounge einlud, lauschte man nicht ohne stille Ergriffenheit zum Beispiel einem Harold-Brodkey-Text.

In Unschuld erzwingt die Schilderung kopulativer Zweisamkeit die komplette Stilllegung jeder gehechelten Anteilnahme. Der Erzähler, abwechselnd von Lion und Schauspielerin Jaschka Lämmert gelesen, vertieft sein Interesse am Gegenüber, indem er sich (und sie) mit Mutmaßungen überschüttet: "Sie war nur aus der Perspektive der oberen Mittelschicht eine Tigerin im Bett", lautet noch eines der milderen Urteile, die der Chronist für seine schwer erregbare Partnerin bereit hält.

Es ist das Hamakom-Theater selbst, das sich in Neurotic Lounge bis auf den Hof und die Holztreppe entblößt. Geforscht wird in allen Winkeln nach der "jüdischen Empathie" (Lion) in transatlantischen Liebesdingen. Im Wege eines Stationentheaters kann man sich wieder ab Herbst von Henry Roth, Michael Lowenthal oder Isaac Bashevis Singer reichlich handfest in das Reich des Eros einwinken lassen.

Installation statt Theater

Eine eher viertel- denn halbszenische Installationsarbeit wie Neurotic Lounge beschreibt leider auch das Dilemma des Hauses: Nach zwei Spielzeiten, die mehr qualitativ denn quantitativ ergiebig waren, stoßen die Nachnutzer eines alten jüdischen Vaudeville-Theaters an den Plafond. Mit den Fördermitteln von 270.000 Euro (Kulturamt) plus einigen projektbezogenen Zuschüssen des Bundes (20 bis 30.000 Euro pro Spielzeit) lässt sich das Hamakom beim besten Willen nicht kontinuierlich als Mittelbühne bespielen.

Der geborene Zürcher Lion kehrt auf Nachfrage den Pragmatiker hervor: "Man kann den Nestroyhof verschiedenartig sehen. Heuer, mit einer Größe wie Regisseur Michael Gruner im Gepäck, haben wir den Anspruch markiert, das Hamakom als Theater zu führen und zu bespielen." Zwischen 9500 und 10.000 Besucher habe man heuer an der Kasse begrüßt. Trotzdem gehen sich pro Saison gerade einmal zweieinhalb Theaterproduktionen aus.

Lion: "Wenn bei uns während zwei, drei Wochen einmal kein Theater stattfindet, so versteht das jeder. Aber wir müssen unsere Präsenz weiter unter Beweis stellen." Da sei es mit Lesungen und Salonveranstaltungen allein nicht getan: "Man kann das Haus auch als Kommunikationszentrum führen. Das wäre aber, gerade mit Blick auf die Geschichte des Nestroyhofs, ein wirkliches Armutszeugnis."

Die Saison 2011/12 steckt voller Überraschungen. Gegen jede Wahrscheinlichkeit bleibt Meisterregisseur Gruner an Bord: Seine Inszenierung von Else Lasker-Schülers IchundIch, einem schwierigen Werk aus ihrer Exilzeit, hat Jänner 2012 Premiere. Neben einem Gastspiel von Carsten Brandaus Wir sind nicht das Ende wird Lion selbst sich Sarah Kanes Zerbombt vornehmen: ein Stück über die Allgegenwart des Terrors und "über eine Intervention in den Raum" (Lion). Die eigentliche Sensation soll zum Saisonausklang folgen: Johann Kresnik inszeniert in Koproduktion mit der Volksbühne Berlin ein Joseph-Roth-Projekt - wenn alles klappt.  (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2011)

  • Frederic Lion scheut auch vor Lesungabenden nicht zurück, wenn es im 
Nestroyhof wenigstens sonst Theater gibt.
    foto: standard / hendrich

    Frederic Lion scheut auch vor Lesungabenden nicht zurück, wenn es im Nestroyhof wenigstens sonst Theater gibt.

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