Die Ursache der griechischen Krise

Leser-Kommentar | 30. Juni 2011, 13:10

Die Lebenslügen der westlichen Demokratien sind die Verursacher der Schuldenkrise in Griechenland

Der Grund für die wirtschaftliche Krise liegt meiner Meinung nach in zwei Lebenslügen der westlichen Demokratien.

1. Bei etwas gutem Willen lassen sich überall demokratische und rechtsstaatliche Strukturen realisieren

Es wurde in durchaus überzeugender Weise von Autoren wie Jared Diamond oder Jon Landis gezeigt, wie sehr Wohlstand und Armut einer Region von den natürlichen Standortbedingungen abhängen.

Eine ebenso große Rolle spielen aber auch die gesellschaftspolitischen Aspekte. Regionen, die sich über Jahrhunderte hinweg nicht selbständig verwalten konnten, die als Pufferzonen zwischen Großmächten herhalten mussten, haben nicht nur ein traditionelles wirtschaftsstrukturelles Defizit, denn niemand investiert in potentielle Kriegsschauplätze, sie verfügen auch nicht bzw. nur in sehr geringem Maße über entsprechende gesellschaftliche Strukturen. Da es in diesen Regionen keinen Anlass zu einem gesellschaftlichen Wandel gab, blieben archaische Muster (Clanwesen) bis in unsere Zeit erhalten.

Geert Hofstede verweist in seinem Buch "Lokales Denken, globales Handeln" auf den Umstand, dass gesellschaftliche Grundstrukturen äußerst stabil sind. Ein Wandel dieser Strukturen ist so gut wie ausgeschlossen. Nur wenn diese Strukturen zerstört werden, zB durch eine Naturkatastrophe oder einen Krieg, besteht die Chance eine neue Struktur zu etablieren.

In dieser Situation den Griechen den Vorwurf zu machen, sie verfügten über ein "marodes" gesllschaftliches und politisches System - wie das auch im Standard zu lesen war - erklärt im Grunde nichts. Die Frage, die zu stellen wäre, lautet vielmehr: Hatten die Griechen jemals eine relle Chance aufgrund ihrer Geschichte eine moderne Struktur (zB "richtige" politische Parteien) zu etablieren. Ich glaube eher nicht.

Natürlich bedeutet das vorhin Geschriebene nicht, es sei überhaupt keine Entwicklung möglich. Was aber mit Sicherheit nicht funktioniert, ist, welcher Nation auch immer, moderne Strukturen aufzwingen zu wollen. Und wenn dies nicht funktioniert, die Bürger des jeweiligen Landes als faul und unbelehrbar hinzustellen.

Nebenbei gesagt: Das heutige Österreich hatte einfach das Glück, eine funktionierende Verwaltung mit dem entsprechenden Ethos zu erben.

2. Wirtschaftliche Prosperität sei überall möglich, sofern die richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen ergriffen werden

In aller Kürze: Wirtschaftlich schwache Regionen bleiben schwach. Sie werden nie zu "Boom-Regionen", denn die "Wirtschafts-Musi" spielt schon woanders. Allenfalls vorübergehend aufgrund einer Spekulationsblase. Leider verabsäumt man es, den Bewohnern solcher Regionen reinen Wein einzuschenken, und nährt stattdessen die Hoffnung, sie könnten Anschluss an die wirtschaftlich starken Regionen finden. Möglich ist allenfalls die Verbesserung eines schlechten Zustandes in einen etwas weniger schlechten.

Diese Regionen, Länder, Staaten werden immer mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Daher ist es nicht das Dümmste, wenn die öffentliche Hand ihren Beamtenapparat vergrößert. Dadurch wird die Arbeitslosigkeit in vertretbaren Grenzen gehalten und so soziale Probleme verhindert bzw. minimiert. Den Griechen nunmehr den Vorwurf eines zu aufgeblähten Beamtenapparates zu machen, ist unlauter.

Griechenland und Staaten, deren Fall ähnlich gelagert ist, werden ständig in der Krise sein, solange sie sich von jenen, die vorgeben zu wissen, wie es geht, an der Nase herumführen lassen. Diese Finanzkrise ist nicht nur eine Chance, um den Finanzhaushalt zu sanieren - sofern dies überhaupt möglich ist - es bietet auch die Gelegenheit, dass der Süden Europas beginnt, sich vom Norden in geistig-kultureller Hinsicht zu emanzipieren, und ausgehend von seiner Geschichte und den damit verbundenen Handicaps lernt, seinen Weg zu gehen. Doch dies ist eine andere Geschichte. (Leser-Kommentar, Karl-Heinz Marx, derStandard.at, 30.6.2011)

Zur Person: Karl-Heinz Marx ist jahrzehntelanger STANDARD-Abonnent

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Posting 1 bis 25 von 85
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Trevor Goodchild
20
Es ist einfach dieses Neoliberale Konzept der EU...

...das wenigen horrende Gewinne bescheren sollte und alle anderen aussen volässt, das nicht funktioniert.

Da hat einfach jemand nach Amerika geschaut und sich gedacht: "ma klass, so mach ma des a".

Europa lebt aber von seinen Unterschieden, und nicht vom Einheitsbrei - also kanns als solcher auch nicht funktionieren.

Allmächtiger Satan
00

Dünn. Was hindert ein Land daran, eine Hightech-Nische zu finden, anstatt Olivenbäume anzupflanzen? Schwache Regionen gibt es nur, weil Ungebildete wählen und gewählt werden. Es gibt genug Forschungsbereich, dass jedes Land 5x in seinem Bereich Weltführer sein und damit seine restliche Infratstruktur befruchten könnte. Und Bildung führt zu Demokratie. Wo ist das Problem, ausser das die Leute nicht wollen?

Jambala Magdalena
10

Die EU sollte doch eine Erfolgsstory werden. Stattdessen hat man Taugenichtse und Habenichtse aufgenommen. Aber Österreich sollte sich verkneifen, den Griechen Ratschäge zu geben. Wir haben selbst kriminell hohe Schulden und unsere Politiker wollten selbst in den Zeiten der Hochkonjunktur kein Nulldefizit haben, weil ein Wahlergebnis wichtiger war. Schulden wurden und werden von Parteien gemacht, nur um an der Macht bleiben zu können.

tapsel
 
22
"Griechenland" durch "Türkei" ersetzen...

und die Beitrittsverhandlungen beenden.

Der große Mann
83

Das Problem Griechenlands ist dass sie den Empfehlungen unseres Kreiskys gefolgt sind.

Was kümmern uns Schulden! war sein Credo. Leider kann er sie jetzt nicht mehr zurückzahlen...

ibinswieda
 
01

...und demokratisiert hat. ohne kreisky wären wir heute griechenland. mfg

ibinswieda
 
02
hallo katholiban!

tuts dir immer noch weh, dass kreisky öst. modernisiert hat?

wakeup
14
lernen sie geschichte...

Der große Mann
30

SPÖ = Kreisky = Schulden = Griechenland

Apotheker Faranell
13
Wir sollten...

... die Kirche im Dorf lassen. Wohlstand "auf Kreide" ist keine Erfindung der SPÖ, sondern (leider) ein wesentliches Merkmal der westlichen Markt- und Wachstumswirtschaft.

Der große Mann
30

Naja, die Strategie der SPÖ ist schon von den Banken Kredite für ihr schönes Leben zu fordern und wenn sie dann nicht zurückzahlen können den Banken die Schuld dafür zu geben!

Kritiker1A
04
Beamte sind die Parteisoldaten die die Parteien an der Macht halten.

Wenn schon mal 1/3 der Bevölerung "berufsbedingt" eine der regierenden Parteien wählt, dann stehen die Chance eben schlecht dass die Parteien vom Volk rausgewählt werden können.

obibiber
01

"moderne Struktur (zB "richtige" politische Parteien) zu etablieren. Ich glaube eher nicht."
moderne strukturen sind schon lange keine mehr, die repräsentative parteien-systeme stützen sollten. radikale demokratisierung schaut anders aus, die organisationsform repräsentative demokratie ist nicht nur in griechenland eine augenauswischerei, die als demokratie gut klingen soll, tatsächlich aber oligarchische zustände vertuscht.

Kritiker1A
00
Seltsam, Warum glaubt dann derStandard, dass in Libyen die Clans von sich aus eine Demokratie wollen ?

Nach dem im Artikel geschriebenen ist dass vollkommen denkunmöglich.

Daher wird von außen eine "moderene" Struktur aufgezwungen, was aber nicht funktionieren kann.

Freigeist
02
die Clans wollen die macht

der "übergangsrat" hat sich selbst ausgerufen und war/ist vielen Libyern unbekannt.

würden sie bei uns nicht Schlüsselworte wie "Freiheit, Demokratie, ..." in den Mund nehmen, gäbe es keinerlei Unterstützung und sie wären längst tot.

nachdem sich die usa elegant aus der Affäre gezogen haben, glaubt nun europa, es müsste einspringen. das selbe europa, das jahrelang gaddafi zur Seite stand.

es geht sowohl der EU als auch dem übergangsrat um Machtinteressen und nicht um Demokratie! nur sagen dürfen sie es nicht, weil sonst die Unterstützung aus der Bevölkerung fehlt.

wir werden immer nur mit schönen Worten vertröstet und viele glauben diese auch. irgendwie traurig ...

Treibhauseffekt
14
Wer zahlt schafft an!

Ich bin auch für die vollständige Emanzipation des Südens gegenüber dem Norden - nicht nur auf geistiger und kultureller, sondern vor allem auf finanzieller Ebene.

Wenn es Griechenland jemals schaffen sollte, seine Rechnungen selbst zu begleichen, steht einem selbstbestimmten Weg nichts entgegen. Bis dahin bestimmt der, der zahlt.

Aber über Jahrzehnte hinweg ein Luder-Lotter-Leben zu führen und nach dem totalen Crash noch darauf zu verweisen, dass man ja aus historischen Gründen nicht anders konnte und jedes Recht dazu hatte, ist eine Unverschämtheit.

Nichts wäre mir lieber als eine Eurozone ohne PIGS - ein starker, gesunder Wirtschaftsraum der im internationalen Wettbewerb mit Anderen bestehen kann!

Aaron Herzfeld
00
12.7.2011, 11:39
"treibhauseffekt"...

... "luder-lotter-leben" - so ein quatsch!
ihnen ist der treibhauseffekt wohl zu kopf gestiegen.
ihr kommentar zeugt lediglich von unwissenheit und
ausgesprochen arroganter, selbstgerechter überheblichkeit!
hunderttausende griechen werden aufgrund der krise
bis auf weiteres am existenzminimum (über)leben müssen. ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die leute,
die jetzt derart über "die griechen" herziehen, reagieren würden, wären sie selber in dieser situation.

Geronimo 02
03
;-)

"...Nichts wäre mir lieber als eine Eurozone ohne PIGS - ein starker, gesunder Wirtschaftsraum der im internationalen Wettbewerb mit Anderen bestehen kann..."
Staatsversuldung des starker, gesunder Wirtschaftsraum:
ö: 80%
d: 85%
f: 80%
b: 98%
nl: ?%
wer von den starken fällt ihnen noch ein?
ach ja, die skandinavier sind, (warum wohl?) nicht in den t€-raum.
ach ja, luxenburg habe ich vergessen, sorry.

Adolf Ogi
00
Griechenland hat 115%

aber das war die Zahl von 2009, mittlerweile ist noch ein ganzer Batzen dazu gekommen.

Geronimo 02
00
12.7.2011, 16:10
hallo

richtig.
aber das ist nicht so tragisch.
denn die zusätzlichen 45 oder 100% werden eben gerade von den oben erwähnten "starken" wirtschaften (wobei i bis am freitag der 3.stärkste war) gedeckt.
also sind die zahlen der obigen "starken" auch schon wieder soviel wert wie ein k***papier nach verwendung, oder?
aber ohnehin egal, denn die spekulanten spielen sich mit den derzeitigen politiukern, egal ob hier oder andersowo, so wie sie es brauchen.
denn ein besonders schlauer gedanke ist, noch eine 4. ratingagentur aufzumachen.
dass kann nnur politikern einfallen, oder?

tempa
04
III.) Daher ist es nicht das Dümmste, wenn die öffentliche Hand ihren Beamtenapparat vergrößert. Dadurch wird die Arbeitslosigkeit in vertretbaren Grenzen gehalten und so soziale Probleme verhindert bzw. minimiert.

Tatsächlich ist es dumm und unanständig.Tausende Beamte wurden vor jeder Wahl eingestellt.Vorzugsweise jene,desssen Wahlstimme man sich versichern wollte.Die verherrenden Folgen waren absehbar. Noch dazu ist das System schon für viele der heutigen Generation unglaublich ungerecht, aber verherrend für spätere Generationen.
Michael Lewis beschreibt einige Misstände eines Systems,das man anscheinend nicht marod nennen darf:
http://www.vanityfair.com/business/... nds-201010
Erinnert mich an den alten Scherz,es sei politisch nicht korrekt,Zombies als Untote zu bezeichnen, Angebracht sei der Ausdruck "Lebensform mit verminderten Vitalfunktionen"Also gut, Gr ist ein Staat mit nicht optmalen Strukturen.Jetzt zufrieden?

Kritiker1A
11
Clanwesen ist auch bei uns weit verbreitet. Bei uns nennt man Sie halt Parteien, Bruderschaften, Vereine oder Bilderberger.

mayflower2
11
Wo lassen Hr.Marx denken?

Kleinhirn
00

Danke, ich dachte schon nur mir alleine gehts so.

sljudanka
21
"Nebenbei gesagt: Das heutige Österreich hatte einfach das Glück, eine funktionierende Verwaltung mit dem entsprechenden Ethos zu erben."

Das ist eben der Grundirrtum - die Verhältnisse bei uns sind eben nicht "vom Himmel gefallen", sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung, die durch harte Kämpfe, durch harte Arbeit der Mehrheit der Menschen bei uns getätigt wurden.

Es ist nicht "gottgegeben", sondern schon das Ergebnis vieler Bemühungen - die es so in GR eben nicht gegeben hat.

Ob die Menschen dort fähig sind, "deutsche Tugenden" anzunehmen, steht in den Gestirnen (und so wie es jetzt ausschaut ist das eher zu verneinen - die Investoren geben jedenfalls eine klare Antwort - die geben keinen Pfifferling auf "griechische Tugenden" -die Anleihen der Griechen haben Schrottwert...).

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