Die Lebenslügen der westlichen Demokratien sind die Verursacher der Schuldenkrise in Griechenland
Der Grund für die wirtschaftliche Krise liegt meiner Meinung nach in zwei Lebenslügen der westlichen Demokratien.
1. Bei etwas gutem Willen lassen sich überall demokratische und rechtsstaatliche Strukturen realisieren
Es wurde in durchaus überzeugender Weise von Autoren wie Jared Diamond
oder Jon Landis gezeigt, wie sehr Wohlstand und Armut einer Region von
den natürlichen Standortbedingungen abhängen.
Eine ebenso große Rolle
spielen aber auch die gesellschaftspolitischen Aspekte. Regionen, die
sich über Jahrhunderte hinweg nicht selbständig verwalten konnten, die
als Pufferzonen zwischen Großmächten herhalten mussten, haben nicht nur
ein traditionelles wirtschaftsstrukturelles Defizit, denn niemand
investiert in potentielle Kriegsschauplätze, sie verfügen auch nicht bzw.
nur in sehr geringem Maße über entsprechende gesellschaftliche
Strukturen. Da es in diesen Regionen keinen Anlass zu einem
gesellschaftlichen Wandel gab, blieben archaische Muster (Clanwesen) bis
in unsere Zeit erhalten.
Geert Hofstede verweist in seinem Buch
"Lokales Denken, globales Handeln" auf den Umstand, dass
gesellschaftliche Grundstrukturen äußerst stabil sind. Ein Wandel dieser
Strukturen ist so gut wie ausgeschlossen. Nur wenn diese Strukturen
zerstört werden, zB durch eine Naturkatastrophe oder einen Krieg,
besteht die Chance eine neue Struktur zu etablieren.
In dieser
Situation den Griechen den Vorwurf zu machen, sie verfügten über ein
"marodes" gesllschaftliches und politisches System - wie das auch im
Standard zu lesen war - erklärt im Grunde nichts. Die Frage, die zu
stellen wäre, lautet vielmehr: Hatten die Griechen jemals eine relle
Chance aufgrund ihrer Geschichte eine moderne Struktur (zB "richtige"
politische Parteien) zu etablieren. Ich glaube eher nicht.
Natürlich
bedeutet das vorhin Geschriebene nicht, es sei überhaupt keine
Entwicklung möglich. Was aber mit Sicherheit nicht funktioniert, ist,
welcher Nation auch immer, moderne Strukturen aufzwingen zu wollen. Und
wenn dies nicht funktioniert, die Bürger des jeweiligen Landes als faul
und unbelehrbar hinzustellen.
Nebenbei gesagt: Das heutige Österreich
hatte einfach das Glück, eine funktionierende Verwaltung mit dem
entsprechenden Ethos zu erben.
2. Wirtschaftliche Prosperität sei überall möglich, sofern die richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen ergriffen werden
In aller Kürze: Wirtschaftlich schwache Regionen bleiben schwach. Sie werden nie zu "Boom-Regionen", denn die "Wirtschafts-Musi" spielt schon woanders. Allenfalls vorübergehend aufgrund einer Spekulationsblase. Leider verabsäumt man es, den Bewohnern solcher Regionen reinen Wein einzuschenken, und nährt stattdessen die Hoffnung, sie könnten Anschluss an die wirtschaftlich starken Regionen finden. Möglich ist allenfalls die Verbesserung eines schlechten Zustandes in einen etwas weniger schlechten.
Diese Regionen, Länder, Staaten werden immer mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Daher ist es nicht das Dümmste, wenn die öffentliche Hand ihren Beamtenapparat vergrößert. Dadurch wird die Arbeitslosigkeit in vertretbaren Grenzen gehalten und so soziale Probleme verhindert bzw. minimiert. Den Griechen nunmehr den Vorwurf eines zu aufgeblähten Beamtenapparates zu machen, ist unlauter.
Griechenland und Staaten, deren Fall ähnlich gelagert ist, werden ständig in der Krise sein, solange sie sich von jenen, die vorgeben zu wissen, wie es geht, an der Nase herumführen lassen. Diese Finanzkrise ist nicht nur eine Chance, um den Finanzhaushalt zu sanieren - sofern dies überhaupt möglich ist - es bietet auch die Gelegenheit, dass der Süden Europas beginnt, sich vom Norden in geistig-kultureller Hinsicht zu emanzipieren, und ausgehend von seiner Geschichte und den damit verbundenen Handicaps lernt, seinen Weg zu gehen. Doch dies ist eine andere Geschichte. (Leser-Kommentar, Karl-Heinz Marx, derStandard.at, 30.6.2011)
Zur Person: Karl-Heinz Marx ist jahrzehntelanger STANDARD-Abonnent