Einstiger Vorsprung und frühes Bewusstsein über den digitalen Umbruch der Kulturtechniken hat Österreich längst verspielt
Im Rückblick muss man dem Wiener Bürgermeister Helmut Zilk attestieren, dass er der Unterrichtsminister mit dem größten Weitblick in Jahrzehnten war. Zilk war nur ein Jahr lang Minister, 1983/84. Aber in dieser kurzen Zeit führte er den Informatikunterricht ein und öffnete der Schulintegration behinderter Kinder die Tür (die radikalste und offiziell am wenigsten beachtete Schulreform eines halben Jahrhunderts, aber das ist eine andere Geschichte).
Vorsprung verspielt
Dank Zilk war Österreich eines der ersten Länder Europas, das drei Jahre nach dem IBM-PC und im Jahr des Mac den digitalen Umbruch der Kulturtechniken erkannte. Zilks Nachfolgerinnen und Nachfolger schafften es, diesen Vorsprung so zu verspielen, dass Österreich jetzt beim digitalen Pisa-Test auf dem vorletzten Platz landete. Ein Drittel Burschen beendet die Schulpflicht als digitale Analphabeten.
Die amtierende Ministerin hatte das Glück, dass der absurde Lärm um Aufsteigen mit x Fünfern den gewaltigen Fetzen überdeckte, den dieses Zeugnis Österreichs Schulen ausstellte. Für die Behandlung digitaler Kompetenz quasi als Wurmfortsatz des allgemeinen Unterrichts ist es bezeichnend, dass der "bestürzend ausgegangene Pisa-Test" (die Zusammenfassung der Projektleiterin) der Ministerin keinen Kommentar wert war.
Doppeltes Versäumnis
Das ist ein doppeltes Versäumnis. Denn die digitalen Kulturtechniken, die unsere Informationsgesellschaft so radikal vorangetrieben haben wie Buchdruck, billiges Papier und Stifte zuvor, sind nicht einfach ein weiterer Gegenstand, der gelernt werden will. Sie haben das Potenzial, als Hebel zur Aufarbeitung der vom analogen Pisatest konstatierten großen Lernschwächen zu dienen.
Etwa beim Schreiben: So viel getextet wie heute - insbesondere von Jugendlichen - wurde noch nie zuvor, über SMS, Facebook, Twitter, Chats und andere Kanäle. Das führt nicht nur bei Lehrenden oft zu Naserümpfen, nicht zuletzt wegen der unverständlichen verwendeten Kürzel und Jargonworte. Ja, SMS-Dialoge sind keine Maturaaufsätze. Aber nur wer sich äußert, kann auch lernen, dazu Formen zu entwickeln. Eine der kürzesten Gedichtformen aller Kulturen, das japanische Haiku, ist auch eine der kunstvollsten.
Effektives Immunsystem
Gegen all diese Entwicklungen scheinen die Schulen ein überaus effektives Immunsystem entwickelt zu haben. Um fair zu sein: Es gibt viele einzelne Initiativen, auch Schulen, die mit viel Verve die neuen Kulturtechniken einsetzen. Aber das verblasst vor dem großen Ganzen: 2009 waren gerade 600 von rund 55.000 Schulklassen "Laptopklassen", hatte also jedes Kind sein eigenes digitales Werkzeug. Selbst vor der Erfindung der Schulbuchaktion war die Bücherausstattung nicht so schlecht.
Es braucht eine Lernkulturrevolution
Natürlich ist es mit Hardware nicht getan, es braucht eine Art digitale Lernkulturrevolution, um das Potenzial der neuen Medien auszuschöpfen. Statt sich an parteipolitischen Betonmauern den Schädel wundzuschlagen, wäre dies ein Feld, das weniger kontroversiell beackert werden könnte. Es winken, welch garstiges Wort, Produktivitätssteigerungen durch digitale Technologie. Man könnte auch sagen: bessere Lernmöglichkeiten für unsere Kinder. (Helmut Spudich, DER STANDARD/Printausgabe, 30.6.2011)