Taliban machen Jagd auf Ausländer in Kabul

29. Juni 2011, 18:03
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Einen Tag vor der Übergabekonferenz stürmt ein bewaffnetes Terrorkommando der Taliban ein Luxushotel in Kabul, 21 Menschen kommen ums Leben - Erst der Einsatz der Isaf-Truppen beendete den Angriff

Vier Stunden kauerte Saiz Ahmed in Todesangst in seinem stockfinsteren Hotelzimmer. Immer wieder habe es Schüsse und Explosionen gegeben, erzählt der US-Student später Reportern. "Der ganze Boden bebte. Ich dachte, das war's."

Im Schein seines Handys kritzelte er sein Testament auf einen Zettel. Ahmed hatte Glück - er überlebte den spektakulären Angriff der Taliban auf das Kabuler Luxushotel Intercontinental in der Nacht zum Mittwoch. Doch mindestens 21 andere Menschen, darunter ein Spanier und zwei Polizisten, sollen ums Leben gekommen sein. Auch neun der Selbstmordattentäter wurden getötet. Erst nach sechs Stunden gelingt es afghanischen Sicherheitskräften und Soldaten der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf), die Attacke niederzuschlagen.

Wieder haben die Taliban mitten in der Hauptstadt Kabul zugeschlagen - und das nur wenige Wochen, bevor in den ersten sieben Regionen des Landes afghanische Sicherheitskräfte die Verantwortung übernehmen sollen.

Die Militanten wollen offenbar Zweifel daran schüren, dass Afghanistans Polizei und Militär in der Lage sind, für Sicherheit zu sorgen. Und das gelingt ihnen. Unter den Afghanen wächst die Angst vor einem Bürgerkrieg.

Gegen 22 Uhr waren die wohl neun Täter - bewaffnet mit Raketenwerfern und Sprengstoffwesten - in das staatliche Nobelhotel auf einem Hügel bei Kabul eingedrungen. Es bricht Panik aus, als sich einer in die Luft sprengt, der Strom wird abgedreht. Die Isaf muss mit einem Hubschrauber zur Hilfe eilen, damit Scharfschützen aus der Luft auf die Männer auf dem Dach feuern konnten.

Einige der Attentäter hätten Kassettenrekorder getragen, aus denen Kampflieder der Taliban zu hören gewesen seien. Manche Gäste seien panisch aus dem zweiten und dritten Stock gesprungen, berichten Augenzeugen.

Spekulation über Angriffsziel

Die Taliban bekannten sich zu dem Anschlag. Ihr Sprecher erklärte, die Attentäter hätten Zimmer für Zimmer nach Ausländern durchkämmt - die Militanten wissen, dass ihre Anschläge weit größere Wellen im Westen schlagen, wenn sie Ausländer zum Ziel erklären. Doch an dieser Version sind Zweifel erlaubt: Der Anschlag dürfte nicht minder den Afghanen gegolten haben, die sich im Intercontinental aufhielten.

Am Vortag tagte eine Gruppe der Afpak-Sondergesandten in der Nobelherberge. Am Mittwoch selbst war eine Regierungskonferenz zur Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen geplant. Der Anschlag habe anscheinend dem Treffen gegolten. Die Gouverneure einiger Provinzen waren bereits angereist.

Das fügt sich in das jüngste Bild: Seit Monaten attackierten die Taliban afghanische Sicherheitskräfte - bevorzugt in den Gebieten, die nun als Erste von der Isaf übergeben werden sollen. Die Isaf will die afghanischen Sicherheitskräfte auf mehr als 300.000 Mann aufstocken, damit die ausländischen Truppen schrittweise abziehen können. Doch die Skepsis wächst, ob Afghanistan der Aufgabe gewachsen ist. Der neue Isaf-Sprecher Carsten Jacobson mühte sich, die Zweifel zu zerstreuen. Die afghanischen Sicherheitskräfte hätten den Anschlag "hervorragend" gemeistert. Die Isaf habe nur eine "Unterstützerrolle" gespielt. (Christine Möllhoff, STANDARD-Printausgabe, 30.6.2011)

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    Bis in die Morgenstunden stiegen aus dem Intercontinental Feuer und Rauch auf. Die Nato flog mit Helikoptern über das Dach, damit Scharfschützen aus der Luft auf die Angreifer schießen konnten. Nach sechs Stunden war die Gefahr gebannt.

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