"Für einen Krimiautor ist Griechenland ein Paradies"

29. Juni 2011, 17:32
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Ermordete Banker, wütende Kommunisten, ein verträumter Kommissar: Der neue Krimi von Petros Markaris zeichnet ein Sittenbild Griechenlands in der Krise

Ermordete Banker, wütende Kommunisten, ein verträumter Kommissar: Der neue Krimi von Petros Markaris zeichnet ein Sittenbild Griechenlands in der Krise. András Szigetvari sprach mit ihm über das Leben am Rande der Pleite. 

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STANDARD: Ihr Kommissar Kostas Charitos jagt in Ihrem neuen Roman einen Mörder, der griechische Banker enthauptet. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Markaris: Die Idee kam mir im Jänner 2010, als wir erstmals eine Ahnung davon bekamen, wie schlimm es um uns steht. Mein Plan war es, einen Roman zu schreiben, wo die Krise ein Teil der Geschichte ist und sie die Handlung Tag für Tag durchbohrt. Den Ansatz fand ich spannend. Dabei muss ich sagen, dass das für den Autor riskant ist. Ich kann ja nicht Tag für Tag die Situation neu schildern und auf jede Wendung eingehen. Normalerweise müsste der Autor warten, bis alles zu Ende ist und er ein klares Bild hat. Ich hab den Roman trotzdem geschrieben. Die Lage ist ohnehin viel schlimmer als 2010 gedacht.

STANDARD: Ihr Hauptkommissar kämpft tatsächlich mit widrigen Umständen. Sein Gehalt wird gekürzt, die ganze Polizei muss sparen. "Angesichts der bevorstehenden Kürzungen werden wir bald gezwungen sein, unsere Scheiße zu trocknen und wiederzuverwerten", meint er einmal trocken. Ist es wirklich so schlimm im Land?

Markaris: (lacht) Das ist eine gängige Redewendung in Griechenland, zu dem Spruch greift schnell einmal jemand. Tatsächlich waren die Polizisten und die Bediensteten im öffentlichen Sektor die Ersten, die von den Lohnkürzungen betroffen waren. Das kam mir als Autor gelegen. Ich konnte beschreiben, wie mein Kommissar unter diesen Umständen arbeitet. Für die Menschen ist Griechenland derzeit die Hölle - für einen Krimiautor ein Paradies.

STANDARD: Auf die Arbeitsmoral von Kommissar Charitos wirken sich die Kürzungen aber nicht aus. Er sucht intensiv nach dem Killer.

Markaris: Charitos hilft, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Land in einem Dorf und unter sehr armen Umständen aufgewachsen ist. Das gibt ihm die Kraft, mit den Verhältnissen zurande zu kommen. Seine jüngeren Kollegen, die diese Armut nicht kennen, leiden viel mehr.

STANDARD: Trifft das Bild auch auf die griechische Gesellschaft zu?

Markaris: Oh ja. Die Älteren haben es auf jeden Fall leichter. Sie sagen: "Wir sind arm aufgewachsen, und jetzt kehren wir halt zurück in diese Armut." Die Jüngeren, die nach der Militärdiktatur in den 70er-Jahren aufgewachsen sind, kennen dieses Gefühl nicht. Sie sind verloren und entmutigt. Ich bekomme auch immer mehr Post von Lesern, die mir schreiben: "Auf Wiedersehen, Herr Markaris, wir fahren nach Neuseeland oder was weiß ich wohin, hier sehen wir keine Zukunft mehr".

STANDARD: Ihre Hauptfigur ist Polizist, die sind in Griechenland nicht gerade beliebt ...

Markaris: Ich würde sagen, die sind nirgends in Europa so unbeliebt wie in Griechenland.

STANDARD: Woher kommt das? Bei den Demos wirkt es so, als entlade sich der Hass auf die Polizei.

Markaris: Ich hab das mal einen Polizisten gefragt. Die Putsche in diesem Land sind schließlich alle von der Armee, nie von der Polizei ausgegangen. Wieso ist also das Militär beliebter als die Polizei? Er antwortete: Weil die Polizei immer als der lange Arm der Diktaturen wahrgenommen wurde. Die Militärs haben geputscht und sind von den Straßen verschwunden. Aber die Polizei blieb jeden Tag gut sichtbar. Das Gegenbeispiel stammt aus Spanien: Die Spanier haben 38 Jahre lang unter einem wirklich brutalen Regime gelebt und trotzdem hassen sie ihre Polizei nicht. Vielleicht ist das also auch eine kulturelle Frage.

STANDARD: Ihre Figuren diskutieren immer wieder über die Schuldigen an der Krise. Was denken Sie?

Markaris: Mit mir braucht man da nicht lange zu diskutieren. Wir können nicht behaupten, Europa habe das Land ruiniert, das waren nicht einmal die Hedgefonds. Die Krise ist hausgemacht. Verantwortlich sind die politischen Parteien Griechenlands, angefangen bei der sozialistischen Pasok 1981. Die konservative Nia Demokratia hat dann in derselben Tonlage weitergemacht. Aber eines möchte ich schon sagen: Die Griechen haben zweifellos schlecht gewirtschaftet. Für die Krise und das Scheitern Europas sind die Iren trotzdem ein viel besseres Beispiel. Irland hat immer alles richtig gemacht, die Europäer haben von dem irischen Modell geradezu geschwärmt. Und jetzt sind die dank ihres Finanzsystems plötzlich genauso pleite wie wir.

STANDARD: Wie sehen Sie die Proteste? Im Roman behindern sie die Mörderjagd, weil die Gerichtsmedizin öfter mal streikt.

Markaris: Wenn in Griechenland von einem Generalstreik die Rede ist, streiken nur Staatsbedienstete. Der Privatsektor arbeitet. In der Protestbewegung sind viele aktiv. Die Gewerkschaften kämpfen verbittert um ihre alten Privilegien und werden nicht erfolgreich sein. Spannender ist die neue Bewegung der Empörten, die am Syntagma-Platz im Zentrum Athens campieren. Diesem bunten Haufen kann ich viel abgewinnen. Diese Leute sind wütend, agieren spontan, ohne Koordination einer Partei. Aber in dieser unkoordinierten Masse werden auch viele unsinnige Forderungen laut. Einige wollen den EU-Austritt. Manche sprechen davon, dass wir noch immer in einer Diktatur leben, was eine große Lüge ist.

STANDARD: Hat die Krise die griechische Kultur verändert?

Markaris: Es gibt im Theater junge Schauspieler, die sich mit der Realität auseinandersetzen. Aber der normale Theaterbetrieb agiert so, als ob nichts wäre. Das ist schade.

STANDARD: Bringt die literarische Auseinandersetzung etwas?

Markaris: Ich finde schon. Die Menschen bekommen ein Bild der Realität präsentiert, das nicht von Politikern stammt.

STANDARD: Wie sehen Sie die aktuellen Sparprogramme?

Markaris: Das Ganze ist sehr ungerecht. Es ist auch nicht klug, die Mittelschicht und die Kleinbürger durch immer neue Steuern zu ruinieren. Das wird nicht funktionieren. Andererseits erkenne ich keine Alternative. Vielleicht ist das das wirklich Tragische.

STANDARD: Im Buch tritt einmal ein Vertreter einer Ratingagentur im TV auf. Danach kriegt Kommissar Charitos einen Anruf von einem Freund, der meint, den sollte man auch gleich enthaupten. So groß ist die Wut der Menschen aber nicht?

Markaris: Nein, keinesfalls. Ein Teil der Menschen ist depressiv und glaubt, wir werden es nicht schaffen. Die anderen sind wütend und gehen auf die Straße. Aber Lynchstimmung herrscht in Griechenland wirklich nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6.2011)

PETROS MARKARIS zählt zu den erfolgreichsten Autoren Griechenlands. Sein Kommissar Charitos ermittelt im neuen Roman, dessen Erscheinen auf Deutsch wegen der aktuellen Ereignisse vorgezogen wurde, zum sechsten Mal. Markaris, 1937 in Istanbul geboren, studierte Volkswirtschaft. Der Athener ist Schöpfer einer TV-Serie, übersetzte Goethe und Brecht ins Griechische.

Er liest am Donnerstag um 18.30 Uhr im Literaturhaus Graz.

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    Petros Markaris

  • Petros Markaris, "Faule Kredite - Ein Fall für Kostas Charitos", Diogenes, Juli 2011, 23,60 Euro.
 
 
    foto: diogenes

    Petros Markaris, "Faule Kredite - Ein Fall für Kostas Charitos", Diogenes, Juli 2011, 23,60 Euro.

     

     

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    Farbbeutel gegen die Bank of Greece am Rande eines der zahllosen Proteste in Athen.

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