Outdoor-Boom bringt Bergretter in Nöte

29. Juni 2011, 17:16
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Zunahme bei Outdoor-Sport sorgt für viel Arbeit: Die knapp 12.000 ehrenamtlichen Bergretter in Österreich kommen hart dran und sind von Geldsorgen geplagt

Vent - Der Berg ruft und immer mehr Junge und jung Gebliebene steigen in luftige Höhen. "Es ist ein Phänomen, was sich da tut", sagt Ewald Holzknecht, Bergführer und Mitglied der Bergrettung im Tiroler Ötztal, bei einem Lokalaugenschein des Standard. "Überall sind Kletterhallen aus dem Boden geschossen, die meisten sind pumpvoll. Jetzt wollen viele das Erlernte auch in der freien Natur ausprobieren."

Die Natur ist freilich anders - schöner, aber auch gefährlicher als eine kahle, nach Schweiß riechende künstliche Felswelt in der Halle. Auf dem Weg von Vent, dem hintersten Ortsteil von Sölden (siehe Karte), zur Martin-Busch-Hütte, die auf halbem Weg zum Similaun-Schutzhaus liegt, riecht es abwechselnd nach frisch gemähtem Gras, werdendem Heu, Alpenrosen und Schafen.

Die schroffen Felsen schwitzen aus unzähligen Spalten, Wasserfälle spritzen mit Wucht ins Tal, wofür sich übrigens auch der lokale Energieversorger interessiert. Im Rofental, das bei Vent abzweigt, möchte die Tiroler Wasserkraft AG (Tiwag) das Gletscherwasser mittels einer 170 Meter hohen Mauer aufstauen, stößt aber auf erbitterten Widerstand. Die Pläne seien eine Gefahr für den Bergtourismus, der sich gerade hier so fantastisch entwickle.

Nicht nur Bergsteiger und Bergwanderer, auch immer mehr Mountainbiker sind unterwegs. "Wir liegen an der Via Alpina und sind mit 3019 Meter der höchste Punkt", sagt Markus Pirpamer, Eigentümer und Betreiber der Similaunhütte. In deren unmittelbaren Nähe wurde vor 20 Jahren der Mann im Eis gefunden - genannt Ötzi. Die Via Alpina ist ein grenzüberschreitender Wanderweg, der in mehreren Routen die Alpen quert. Ein Abschnitt führt von Oberstorf in Bayern über die Similaunhütte weiter zur Meraner Hütte nach Bozen und Triest.

Ötzi sehen und gehen

Die Frequenz habe deutlich zugenommen, auch wenn der Anteil der Ötzi-Besucher verhältnismäßig gering sei. "Ich schätze, dass nicht ganz zwei Prozent nur deshalb kommen, weil sie die Ötzi-Fundstelle sehen wollen", sagt Pirpamer. "Manche treten, so weit es geht, mit dem Rad herauf, tragen es über den Schnee, stärken sich, nehmen dann vielleicht die Ötzi-Fundstelle mit und fahren weiter, den Berg hinunter nach Südtirol."

Mit dem Anschwellen des Alpintourismus kommt auch die Bergrettung immer öfters zum Handkuss. Knapp 12.000 ehrenamtliche Bergretter gibt es derzeit in Österreich. Organisiert sind sie in 293 Ortsstellen. Im Vorjahr mussten sie 6722-mal ausrücken. Dabei haben sie gut 7000 Menschen aus Bergnot gerettet. 170 konnten nur mehr tot geborgen werden.

"Die Leute unterschätzen die Gefahr. Wenn jemand einen hohen Schwierigkeitsgrad in der Halle klettern kann, heißt das noch lange nicht, dass er auch am Fels sicher unterwegs ist", sagt Bergführer Holzknecht.

Nachwuchsprobleme habe man zum Glück keine, freut sich der Präsident der Bergrettung, Franz Lindenberg. Das Problem sei vielmehr, Leute zu finden, die sich die ehrenamtliche Arbeit als Ortsstellen- und Gruppenleiter antun wollen. Es sei höchst an der Zeit, über Anreize nachzudenken, damit im Tourismusland Österreich der Einsatz für in Bergnot Geratene weiter klaglos aufrechterhalten werden kann.

Eine Erleichterung wäre, könnten persönliche Ausgaben für das Ehrenamt von der Steuer abgesetzt werden. "So aber müssen wir selbst die Kleidung aus der eigenen Tasche zahlen", sagt Lindenberg. "Ohne Partner wie die Generali Versicherung könnten wir uns schwer über Wasser halten." (Günther Strobl, DER STANDARD; Printausgabe, 30.6.2011)

  • Bergretter bei einer Übung nahe der Martin-Busch-Hütte auf 2500 Meter Seehöhe: Selbst die Bekleidung ist großteils selbst bezahlt.
    foto: strobl

    Bergretter bei einer Übung nahe der Martin-Busch-Hütte auf 2500 Meter Seehöhe: Selbst die Bekleidung ist großteils selbst bezahlt.

  • Vent ist der hinterste Ortsteil von Sölden - von dort geht es zum Similaun-Schutzhaus.
    grafik: der standard

    Vent ist der hinterste Ortsteil von Sölden - von dort geht es zum Similaun-Schutzhaus.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nachwuchsprobleme für die ehrenamtliche Tätigkeit gebe es keine, wie von Seiten der Bergrettung bestätigt wird.

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