Ein Kontinent der Bewusstseinsschärfung

29. Juni 2011, 17:04
1 Posting

Neben dem Bewährten und scheinbar Vertrauten setzen die Salzburger Festspiele heuer auf neue Qualitäten der Wahrnehmung - Herzstück des Konzertprogramms ist der "Fünfte Kontinent"

"Tragedia dell'ascolto", "Tragödie des Hörens", hat Luigi Nono seinen Prometeo genannt, der die heurige Kontinent-Reihe bei den Salzburger Festspielen eröffnet. "Tragedia" ist dabei durchaus in einem doppelten Sinne zu verstehen: nicht nur als Synonym für eine theatrale Form, die sich hier vor allem über das Hören entfaltet, sondern ebenso für jene "tragische Situation"; in der sich die auditive Wahrnehmung ganz allgemein befindet.

In diesem Sinn hat auch Nonos Librettist Massimo Cacciari das Projekt aufgefasst. Prometeo möchte, so Cacciari, "das Hören" gegenüber dem "Vorrang des Schauens und des Darstellens" in einer neuen Qualität etablieren - jenes Hören, das "einen entschiedenen Kampf gegen die überkommenen Gesetze von Entfaltung, Erzählung, Darstellung aufnimmt, gegen die triumphierenden Trugbilder des bloßen Schauens".

Angesichts der Vorherrschaft der Bilder im gegenwärtigen multimedialen Zeitalter erscheinen diese im Zuge des 1985 entstandenen Musiktheaterwerks formulierten Gedanken geradezu als prophetisch. Mehr denn je scheint es nämlich geboten, die Wahrnehmung zu schärfen, wie es auch Nono in seinem künstlerischen und politischen Streben zeitlebens vorschwebte.

"Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken": Diesen Satz des italienischen Komponisten über die Aufgabe von Kunst haben sich die Salzburger Festspiele für den heurigen Sommer denn auch insgesamt als Motto erwählt.

Neue Bahnen des Hörens

Insgeheim hat die damit verbundene Haltung bereits die Konzertprogramme der vergangenen Jahre begleitet. Denn für den diesjährigen Salzburger Intendanten Markus Hinterhäuser, der schon in den letzten vier Jahren für das Konzertprogramm der Festspiele verantwortlich zeichnete, ging es schon immer darum, die üblichen Bahnen des Hörens, der Wahrnehmung und des Denkens über Musik zu erweitern. Das war bereits beim "Zeitfluss"-Festival im Rahmen der Salzburger Festspiele deutlich geworden, das Hinterhäuser zwischen 1993 und 2001 gemeinsam mit Tomas Zierhofer-Kin programmierte - übrigens ebenfalls beginnend mit einer Realisation von Nonos Prometeo, der heuer in der Kollegienkirche in beinahe derselben Besetzung wie damals aufgeführt wird.

Das Programm des "Fünften Kontinents" ist nicht wie in den Vorjahren einem einzigen Komponisten gewidmet, sondern bietet eine Bündelung der vergangenen vier Ausgaben, aber auch der "Zeitfluss"-Erfahrungen: So unterschiedlich die Zugänge von John Cage, Edgard Varèse, Gérard Grisey, Georg Friedrich Haas, Morton Feldman, Giacinto Scelsi oder Karlheinz Stockhausen auch sein mögen, die unter anderem Teil des Konzertprogramms sind, so sehr verbindet sie doch, dass all diese Komponisten der hörenden Wahrnehmung neue Möglichkeiten, gänzlich unbekannte Wege eröffnet haben.

Wie immer sind die Veranstaltungen des "Kontinents" eng mit dem übrigen Konzertprogramm verflochten. Sie blicken hinüber in die diesmal im Zeichen Gustav Mahlers stehenden "Szenen" oder zu den Orchester- oder Solistenkonzerten, zu den Kammermusik- oder Liederabenden.

Schärfung des Bewusstseins

Oder es wird ein unüblicher Bogen quer über die Programmlinien gezogen. So kann man heuer unmittelbar nebeneinander zwei Musiktheaterkonzeptionen zum selben Stoff erleben, wenn einen Tag nach der Premiere von Verdis Macbeth das gleichnamige Stück von Salvatore Sciarrino in einer konzertanten Fassung gezeigt wird. Auch für diesen Akrobaten der kleinsten hauchenden und flüsternden Ereignisse steht ein ästhetischer Imperativ im Zentrum seines Strebens: "Öffne den Geist, schärfe das Bewusstsein!"

Dieser Imperativ ließe sich durchaus über den Kontinent hinaus ausdehnen. Denn neue Musik ermöglicht, auch und gerade im Kontext mit dem scheinbar Vertrauten, Erfahrungen, Grenzüberschreitungen, Erkundungen des Unbekannten, wie sie in jeder ästhetischen Erfahrung möglich sein sollten. Kunst dient eben, wie es John Cage in seiner unnachahmlichen Weise einmal formuliert hat, "keinem nützlichen Zweck. Sie hat mit Veränderungen der Hör- und Sehgewohnheiten und des Geistes zu tun." (Daniel Ender, DER STANDARD/SPEZIAL - Printausgabe, 30. Juni 2011)

  • Ein subtiler Kämpfer für das eigene Recht des Hörens: Komponist Luigi 
Nono.
    foto: schott

    Ein subtiler Kämpfer für das eigene Recht des Hörens: Komponist Luigi Nono.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Akrobat der kleinsten Ereignisse: Salvatore Sciarrino.

Share if you care.