Für Griechenland ist eine Pleite die beste Hilfe

Leser-Kommentar | 29. Juni 2011, 13:12

Je länger weiter Kredite der EU an Griechenland gegeben werden, desto länger fließt Geld vom Steuerzahler zu Spekulanten

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem der führenden deutschen Ökonomen über Griechenland. Gefragt, wie er glaube, dass es weitergehe, meinte er: "Man wird sich schon durchwurstln". Aber durchwurstln, d.h. immer wieder neue Rettungspakete bis es vielleicht mal passt, das funktioniert nicht!

Griechenland hat derzeit zwei Probleme

Erstens Überschuldung und zweitens mangelnde Wettbewerbsfähigkeit durch einen aufgeblähten Staatsapparat, zu generöse Pensionen, unflexible Arbeitsmärkte, Korruption und hohe Löhne. Während die griechische Regierung hart daran arbeitet, das zweite Problem zu lösen (zum Unmut all jener, die bisher in den Genuss diverser Privilegien kamen), ist beim ersten Problem, der Überschuldung, die Hilfe Europas gefordert. Entgegen der Diktion der EU, dass ein Bankrott um jeden Preis vermieden werden muss, argumentiere ich seit Beginn der Krise dafür, Griechenland möglichst schnell in den Staatsbankrott gehen zu lassen - nicht, weil ich den Griechen nicht helfen will, sondern weil dies der beste Weg ist, ihnen zu helfen!

Die Griechen sind ein unternehmerisches Volk, und wenn man ihnen die Chance gibt, werden sie es schaffen, ihre Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig zu machen. Das kann aber nur gelingen, wenn man ihnen die Schuldenlast, die sie heute tragen müssen, etwas erleichtert. Die "Rettungspakete" (kurzfristige Kredite für die natürlich Zinsen gezahlt werden müssen) erhöhen aber nur ständig die Schuldenlast - noch 2008 hatten die Griechen "nur" 108 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung an Schulden, heute sind es 150 Prozent und jeden Monat kommt ein weiteres Prozent dazu. Je länger mit der "Pleite" gewartet wird, desto teurer wird es für alle Beteiligten, v.a. für die Griechen selbst.

Neustart durch Streichung eines Teils der Schulden

Eine einfache Laufzeitverlängerung der Kredite um sieben Jahre, wie derzeit von vielen EU-Politikern favorisiert, löst das Problem nicht - die Griechen werden auch in sieben Jahren nicht in der Lage sein, die Schulden voll zu zahlen. Anstatt nun also sieben weitere Jahre Unsicherheit und Spekulation Tür und Tor zu öffnen, plädiere ich möglichst schnell für eine wirkliche Streichung eines Teils der Schulden, d.h. einen Staatsbankrott (für ein Unternehmen würde man von einem Zwangsausgleich sprechen).

Dabei sollten mindestens 40 Prozent der Schulden, besser noch 50 Prozent erlassen werden, um den Griechen einen Neustart mit erträglicher Schuldenlast zu ermöglich. Würde heute eine Streichung von 50 Prozent der Schulden erfolgen, wären die Restschulden 75 Prozent der Wirtschaftsleistung und damit vergleichbar mit Österreichs Schuldenquote, die derzeit bei 74 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt.

Die Unkenrufe, dass mit einer Pleite Griechenlands das Weltfinanzsystem zusammenbrechen würde, zumindest aber viele Banken ins Wanken gerieten, kann ich schon gar nicht mehr hören: Jeder Akteur weiß seit zumindest 14 Monaten vom drohenden griechischen Zahlungsausfall und die Märkte haben darauf reagiert, indem die Preise griechischer Staatsanleihen deutlich gesunken sind - eine 10-Jahresanleihe mit Nennwert 100 kostet derzeit kaum mehr als 50.

Je länger und öfter die EU Griechenland mit weiteren Krediten unter die Arme greift, desto länger erhalten jene risikobereiten Spekulanten, die griechische Anleihen billig kaufen, dafür enorme Renditen von 15 Prozent und mehr. Jede Bank und jeder Private hatte genug Zeit sich von griechischen Anleihen zu trennen, so dass das Argument, dass die Finanzwelt das nicht verkraften könnte einfach nicht stimmt - die Märkte haben eine kommende Pleite schon lange bei den Preisen vorweggenommen. Je länger nun weiter Kredite der EU an Griechenland gegeben werden, desto länger fließt Geld vom Steuerzahler zu Spekulanten, die Griechenlandanleihen in der Erwartung halten, dass die EU sich weiter "durchwurstelt". (Leser-Kommentar, Jürgen Huber, derStandard.at, 29.6.2011)

Prof. DDr. Jürgen Huber ist Leiter des Instituts für Banken und Finanzen der Universität Innsbruck.

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Posting 1 bis 25 von 66
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jesus mohammed
00
10.7.2011, 23:21
"zum Unmut all jener, die bisher in den Genuss diverser Privilegien kamen"

soll wohl implizieren, daß die Proteste unberechtigt wären. Nur dumm, daß die protestieren, denen diese Privilegien schon immer verwehrt wurden und die jetzt auch noch dafür bezahlen sollen. Durchschnittspensionen sprechen auch eine völlig andere Sprache als diese ständig wiederholten Propagandalügen mit hochgespielten Einzelfällen, und zu den Löhnen müßte man solche Schlaumeier wie Sie mal 14 Tage zwingen da unten zu arbeiten!
Das scheitert doch schon beim Wasser aus dem Hahn und dem kleinen Braunen.
Ansonsten stimmt der Rest zu Hälfte, die Lösung heisst allerdings: überhaupt kein Schuldendienst!

Spartacus der Sklavenbefreier
 
01

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Griechenland und die EU müssen die Wahrheit akzeptieren und die Griechen aus der Eurozone entlassen. Durch die Einführung einer billigen Drachme könnten die Griechen über konkurrenzfähige Exporte anfangen ihre Wirtschaft zu sanieren. Die Bevölkerung hätte natürlich die ganzen Folgen zu tragen, siehe Argentinienkrise und ihre Folgen.

m121
01
30.6.2011, 15:20
Klingt wunderschön, man erläßt jemandem die (unverschuldeten!?) Schulden, damit er ein neues (!?) Leben beginnen kann.

Was aber, wenn der Schuldner "mit Geld nicht umgehen kann", wird das dann auch funktionieren? Wohl eher nein!

Griechenland muß daher "lernen" systematisch und gerecht Steuern einzuheben, eine effiziente Verwaltung aufzubauen, ... und Geld zu investieren (Industrie, Forschung, Ausbildung, ..) denn zu konsumieren (Waffen, ...).

Genau das wird jetzt angestrebt, Griechenland zu helfen die Ursachen des Dilemmas zu beseitigen und dann wird man ja sehen.

Dass Griechenland trotz Euroschirm mit Tripple CCC geratet wird (toll für die Spekulanten!!) ist nicht zuletzt solch voreiligen "laßt sie doch in Konkurs gehen" Meldungen zu verdanken.

Agnostiker1
30
30.6.2011, 12:48
Ich würde Ihnen Ihre Professur entziehen und als Hausmeister.....

...anstellen.

Imi Söba
01
30.6.2011, 19:10

Mit Verlaub, Ihr Posting ist nicht mehr wert als eine Darmblähung.
Übrigens: wenn Sie dem Autor die Professur entziehen wollten, würden Sie wohl nicht umhinkommen, sich sachlicher Argumente zu bedienen und namentlich zu deklarieren. Nur zu!

Constant_Stranger
21
30.6.2011, 11:49
Werter Herr Prof. DDr. Huber

Bei der Griechenlandkrise geht es aber nicht um Anleihen, sondern wieder einmal um die Credit Default Swaps, Ausfalssversicherungen deren Gesamtvolumen das Volumen der Verschuldung bei Weitem uebersteigen kann.

Deswegen wird ja auch so sehr auf die Ratingagenturen Bedacht genommen, denn sobald diese eine Default erkennen zu glauben, werden Milliarden dieser CDS faellig. Und ein Haircut, wie sie es vorschlagen waere eben ein Credit Event und Milliarden von $ wuerden Eigentuemer wechseln.

Und viele Banken haben eben wieder einmal solche Ausfallswetten abgeschlossen. Es scheinen eben sehr viele europaeische Banken darunter zu sein, ansonsten waeren die EU Finanzminister ja nicht so gestresst.

Toxo Logic
 
11
30.6.2011, 12:19

Sie haben es erkannt. Die CDS dürfen nicht wirksam werden, sonst sind vielleicht mehrere Banken ruiniert. Retten kann die Banken nur der europäische Steuerzahler indem er schön brav die nacheinander fällig werdenden Anleihen für die Griechen bezahlt und das bis zum Sankt Nimmerleinstag. Ein risikoloses Supergeschäft für die Banken.

Toxo Logic
 
02
30.6.2011, 11:09

Es geht doch inzwischen nicht mehr um Griechenland sondern um die Köpfe von Europas lügenden Politikern.
Die Menschen in Europa haben schon längst erkannt, dass Griechenland nicht mehr zu retten ist und die Pleite unausweichlich. Nur die korrupte Politik mit ihren Lobbyisten hat sich total verrannt und hat Erklärungsbedarf. Unsere Volksvertreter malen Horrorszenarien, um ihre bisherigen und weiteren Hilfen für die Finanzindustrie zu rechtfertigen. Sie setzen auf Zeit, nicht damit sich Griechenland erholt, sondern die Wähler ihre Lügen vergessen.

Gerhard Gilnreiner
 
00
30.6.2011, 10:02
Haben wir doch Mut zur Wahrheit.....

.....hilft man den Griechen, können sie ein bisserl Schulden zurück zahlen, alles nur mit eine Hilfe von etwa 350 Mrd. EUR

.....hilft man den Griechen nicht, bleiben die Gläubiger-Banken auf ihren Forderungen sitzen.

......Warum wird also so viel gelogen, mit Dominoeffekt, wenn wir nicht zahlen bricht die Weltwirtschaft zuammen oder zumindest die Europäische Wirtschaft, die Eporte brechen Zusammen, alle Banken krachen.....

.....und warum werden solche Lügen geglaubt und leidenschaftlich diskutiert?

Lassen wir die Griechen doch pleite gehen - dann sind sie ihre Schulden wirklich los - und jeder Staat muss halt nach Bedarf und/oder Verschulden seine Banken retten - und die Banken sollten letztlich ihre leichtferigen Funktionäre...

tramezzino
01
30.6.2011, 10:11

leider können die griechen weder zinsen (seien sie auch noch sie gering) noch schulden zurückzahlen. ganz im gegenteil, sie machen jedes jahr ein höheres defizit.

ist übrigens bei uns nichts anderes, nur dass wir derzeit die zinsen bezahlen können, dafür aber an allen ecken und enden kürzen müssen, um die jedes jahr höheren zinsen aufgrund der höheren verschuldung zahlen zu können.

ein privater mit einem einkommen von 2.000 euro netto nimmt sich eine hzalbe million endfällig in 20 jahren auf und tilgt in der zwischenzeit nur die zinsen. so agieren staaten. weder der private noch der staat werden das geliehene geld je zurückzahlen können (zustätzlich garantiert der staat noch für spareinlagen, die banken an ihn verborgen...).

Otto Ottinger
 
11
30.6.2011, 09:30
Danke!

Schön, dass es im österreichischen Forschungsbetrieb noch Leute mit Sachverstand gibt, und nicht immer nur die linkskommunistischen Volltrottel vom Wifo.

Arbeit für die Zensur
00
30.6.2011, 09:18
Für Griechenland ist eine Pleite die beste Hilfe

Für uns auch, dann wissen wir endlich wie "BLÖD" wir gewesen sind dorthin Geld zu verleihen, dann wissen wir auch sicher, die "Marie" ist weg und die ANDEREN lachen darüber.

avision
00
30.6.2011, 10:38
Die Hilfe (Sterbehilfe?)

Fast alle Staaten sind verschuldet,
und sie haben ihre Schulden nicht bei Menschen und Institutionen, die realwirtschaftliche Waren und Dienstleistungen produzieren, sondern bei den Banken, die lediglich Geld – aus dem Nichts - hervorbringen.

Die Schulden haben mittlerweile einen Punkt erreicht, bei dem es völlig unrealistisch ist, dass auch nur irgendein Staat jemals seine Kredite wird zurückzahlen können.

Wir leben unter Wirtschaftswachstumszwang, nicht etwa, damit unsere Lebensqualität steigt, sondern um stetig steigende Zinsen bezahlen zu können; und wir sind paradoxerweise gezwungen, wiederum neue Kredite aufzunehmen, um dieses Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.

"mir fällt kein nick ein" ist schon vergeben
10
30.6.2011, 08:11
leider ein bisschen zu kurz gedacht (wenngleich grundsätzlich richtig).

Problematisch wird es mM nach, wenn es darum geht,

1) die Auswirkungen dieses Bankrotts zu tragen. Es werden weite Teile der europäischen Exportwirtschaft sehr stark darunter zu leiden haben und ich denke nicht, dass die Auswirkungen eines griechischen Staatsbankrotts abzuschätzen sind.

2) den Maßstab für künftige ähnliche Situationen zu definieren. Wann erlässt wer welchem Staat unter welchen Bedingungen welchen Anteil der Schulden? Gerade Peripherieländer könnten das als willkommenen Anlass nehmen, erst Recht "Hopp oder Tropp" zu spielen und bei Schiefgehen auf Schludenerlass pochen.

Daher ist meiner Meinung nach das Hilfspaket das geringere, weil abschätzbare Übel.

Hefeweizerlbier
00
30.6.2011, 13:01

Der Denkfehler liegt daran, dass es sich nicht um ein "Hilfspaket" handelt. Oder zumindest nicht für Griechenland.
Es ist ein Aufschubpaket. Kredite zu horrenden Zinsen, die nicht zurückgezahlt werden können, weil die vorhergehenden Kredite schon nicht bedient werden können. In ein paar Monaten braucht es dann das nächste "Hilfspaket". Und später das Übernächste. usw.

homer simpson 007
01
30.6.2011, 09:31
zu kurz...

gedacht würd ich nicht sagen. wie im leserbrief gesagt sind die kurskorrekturen bereits eingepreist, d.h. wechselkurse haben das desaster schon berücksichtigt. ebenso haben die banken bereits wertberichtigungen vorgenommen (so sie überhaupt noch GR anleihen haben, die deutschen haben ja brav abgestossen). insofern sollte nicht wirklich viel passieren. griechenland wird es niemals schaffen diesen schuldenberg abzutragen, bei 15% zinsen? d.h. in 6,5 Jahren verdoppelt sich der Schuldenberg. Das ginge nur mit Hyperinflation -> steigenden Preisen: das im Tourismus und GR wäre wieder pleite...
Bin gespannt wann Österreich endlich versucht den Berg an Schulden abzutragen. Immerhin ist der Zinsaufwand in AT auch schon grösser als das Budgetdefizit

"mir fällt kein nick ein" ist schon vergeben
00
30.6.2011, 08:06
grundsätzlich schon richtig,

Nutze den Tag
14
30.6.2011, 08:04
Bite liebr Standart, endlich eine Bewertungsfunktion für Berichte und Recherchen.

Der Gute würde von mir 7 von 7 möglichen Sternen bekommen.

Jake Gittes
101
30.6.2011, 07:47

Herr Professor, DDDDDDDDDDDDDDDDDr, Medizinalratsprofessorhofratswitwer...!

ARO5
00
30.6.2011, 13:19

auch Sie können die Matura nachmachen.

Reich sein muss sich lohnen!
04
30.6.2011, 09:40
Typisch Österreich

Bildung steht man grundsätzlich skeptisch gegenüber, hier lässt man sich die Welt lieber von Zahntechnikern erklären...

homer simpson 007
02
30.6.2011, 09:25
neid?

der knabe hat immerhin mit 33 habilitiert und ist - trotz seiner fähigkeiten und auslandsaufenthalte - doch in AT geblieben... titelgeilheit würd ich ihm nun nicht unbedingt unterstellen, der mann ist einfach gut ;-)

Pendulum klärt
00
30.6.2011, 07:40
.....

hohe Löhne sind also schuld am drohenden Staatsbankrott von Griechenland.... °_°

Cote 304
00
30.6.2011, 08:52

Wenn die Lohnentwicklung langfristig größer als das Wirtschaftswachstum ist schon.

Nutze den Tag
01
30.6.2011, 08:05
in den Staats-, bzw. staatsnahen Betrieben so wie bei uns.

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