Einladungssystem für Frauen zwischen 45 und 70 Jahren - Anpassung an regionale Gegebenheiten - Mit Grafik
Wien - Potenzieller Schritt vorwärts in Sachen Frauengesundheit in Österreich. Was der Pionier der Brustgesundheit in Österreich, der Wiener Gynäkologe Ernst Kubista, vor wenigen Jahren als "Schande" bezeichnet hat, soll Vergangenheit sein: Das Fehlen eines systematischen Brustkrebs-Früherkennungsprogrammes. Nur die Bundesgesundheitskommission muss am Freitag dem zwischen Hauptverband der Sozialversicherungsträger und der Österreichischen Ärztekammer ausverhandelten Projekt noch zustimmen. Dies gaben Hauptverband-Chef Hans Jörg Schelling sowie die Chefverhandler auf Krankenkassenseite Dienstagabend bekannt. Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) erwartet einen positiven Beschluss am Freitag. Allerdings gab es auch Kritik.
Screening auf Einladung
In Österreich erkranken pro Jahr rund 4.600 Frauen an Brustkrebs. Die Zahl der Todesopfer beträgt rund 1.500. Ein Screening-Programm mit Einladung an die Frauen kann laut vielen wissenschaftlichen Studien die Mortalität um 30 senken. Das soll nun in Österreich mit Beginn 2013 geschehen. Manfred Brunner, Chefverhandler auf Krankenkassenseite und Obmann der Vorarlberger Gebietskrankenkasse, listete die Hauptpunkte der Vereinbarung auf (Die Details der Finanzierung zwischen Bund, Bundesländern und Krankenkassen sowie Ärztekammer sollen noch geklärt werden):
- Alle Frauen zwischen dem 45. und dem 69. Lebensjahr erhalten spätestens alle zwei Jahren eine persönliche Einladung zur Mammografie (Frauen zwischen 40 und 45 sowie ab dem 69. Lebensjahr können ebenfalls teilnehmen)
- Für alle Untersuchungen gilt das Vier-Augen-Prinzip (unabhängige Begutachtung durch jeweils zwei Radiologen, die von den Aussagen ihres Kollegen nichts wissen).
- Sofortige zusätzliche Ultraschalluntersuchung, wenn bei der Mammografie Hinweise auf ein besonders dichtes Brustgewebe auftauchen oder eine Auffälligkeit festgestellt wird.
- Die untersuchenden Radiologen müssen jeweils pro Jahr mindestens 2.000 solche Untersuchungen machen (Flächendeckung in Österreich durch wahrscheinlich an die 200 Untersuchungsstellen), um an dem Programm teilnehmen zu können. Es gibt eine umfangreiche Dokumentation sowie eine Analyse der Daten, um Verbesserungen durchzuführen.
Das Programm - so Chefverhandler Brunner - übertreffe teilweise die geltenden EU-Leitlinien, passe sie aber auch an die österreichischen Gegebenheiten an: "Wir beginnen nicht mit 50 Jahren, sondern mit 45. Mit 45 Jahren steigt in Österreich die Brustkrebs-Erkrankungshäufigkeit an. Bei den Zulassungskriterium der Radiologen haben wir 2.000 Untersuchungen pro Jahr festgelegt. Wenn wir (wie in der EU vorgesehen, Anm.) 5.000 festgelegt hätten, wären wir in Österreich bei genau 20 Zentren gelegen. Bei der Sonografie sind wir das einzige Land in Europa, das diese Untersuchung sofort zusätzlich anbietet."
Anpassung an österreichische Gegebenheiten
Die Regelungen gelten sowohl für die Früherkennungsuntersuchung als auch (Qualitätskriterien) für Untersuchungen im bereits vorliegenden Verdachtsfall auf ein Mammakarzinom. Die Etablierung eines Kriteriums von mindestens verlangten 5.000 Untersuchungen im Jahr für einen teilnehmenden Radiologen hätte - so Brunner - für die österreichischen Frauen unzumutbare Anreisezeiten zu den wenigen Zentren (dann wohl nur zwei pro Bundesland) bedeutet. Das Programm, so Schelling, hat aber die Mobilisierung möglichst vieler Frauen für die Mammografie in regelmäßigen Abständen zum Ziel. Die Qualitätskriterien sollen in einer Verordnung des Gesundheitsministeriums verankert werden.
Breite Zustimmung von Experten, aber auch Kritik
"Ich erwarte mir eine Verbesserung für alle Frauen, weil damit die Qualität der Mammografie-Untersuchungen in Österreich gehoben wird. Ich erwarte mir aber auch eine Verbesserung, weil wir mit dem Programm vor allem mehr Frauen erreichen wollen, die bisher nicht teilgenommen haben", sagte Minister Stöger. Hier sei das beschlossene Einladungsprogramm mit Briefen an die in Frage kommenden Frauen der entscheidende Punkt. Breite Zustimmung dürfte das neue Mammografieprogramm, das österreichweit mit Beginn 2013 gestartet werden soll, auch bei Experten finden. Christoph Zielinski, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin der MedUni Wien (AKH) und Christian Singer, Chef der Arbeitsgruppe Senologie (Brustgesundheit) an der Wiener Universitäts-Frauenklinik und sozusagen Nachfolger des Österreich-Pioniers auf diesem Gebiet, Ernst Kubista, äußerten sich sehr zufrieden.
Kritik an Qualität
Gegenwind gab es bereits vergangenes Jahr von anderen Expertinnen (DER STANDARD berichtete): "Wir wissen, dass wir in Österreich bei der Brustkrebs-Früherkennung viele Mängel haben", sagte Eva Rásky, Fachärztin am Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Graz in einem Interview, und sprach klar aus, worum es gehe: Mammografie ist aus Sicht der Gynäkologen und Röntgenologen auch ein gutes Geschäft.
Massive Kritik kam zuletzt von Sylvia Groth vom Frauengesundheitszentrum in Graz (DER STANDARD berichtete): "Der jetzige Vorschlag weicht von den EU-Leitlinien ab. Österreichische RadiologInnen müssen weniger Erfahrung und Fortbildung vorweisen, weniger dokumentieren, dafür dürfen sie mehr abrechnen", kritisiert Groth in einem Interview. Die Chance auf eine hochwertige Brustkrebsuntersuchung sei damit verspielt. Gesundheitseinrichtungen wie das Frauengesundheitszentrum in Graz stört vor allem die Zielgruppendefinition des Screenings. Die Leitlinien der EU geben die Zielgruppe mit 50 bis 69 Jahren an, weil für diese Altersgruppe der beste wissenschaftliche Nachweis für eine positive Nutzen-Schaden-Bilanz vorliege. Für die jüngeren Altersgruppen sei der Nutzen des Screenings weniger gut belegt, hießt es in einer Aussendung der Einrichtung.
Ihr größter Kritikpunkt lautet allerdings, dass auf die Empfehlungen der Europäischen Kommission zur Qualitätssicherung von Mammografie Screening Programmen in dem Papier kein Bezug genommen wird. In diesen Empfehlung sind allerdings jene Kennzahlen festgelegt, die die Qualität des Programms sichern. (APA/red)