Seit Jahrhunderten kauen die Andenbewohner Cocablätter - Eigentlich müsste das laut einer UN-Konvention seit 1986 verboten sein - Bolivien kündigt den Vertrag nun auf - Nur um gleich wieder beizutreten, ohne Coca
La Paz / Wien - Bei der UN-Drogenbehörde Undoc ist man derzeit etwas
ratlos. Denn Bolivien wird aus der internationalen Drogenkonvention
aussteigen. Um das Recht der Einheimischen auf ihre Cocablätter zu
sichern. "Das ist noch nie passiert, derzeit befassen sich die Anwälte
in New York damit", sagt Preeta Bannerjee, Pressesprecherin der in Wien
ansässigen Undoc. "Die Angelegenheit ist eine hochgradig juristische
Materie, daher können wir noch keine Einschätzung abgeben."
Am Dienstagabend (Ortszeit) hat der Kongress in Boliviens Hauptstadt La
Paz ein Gesetz verabschiedet, das Präsident Evo Morales erlaubt, mit 1.
Juli die Konvention zu verlassen. Allerdings nicht für immer. Denn
unmittelbar nach dem Austritt am 1. Jänner 2012 will Bolivien die
Konvention wieder unterzeichnen - aber ohne den Artikel 49, der sich
unter anderem mit dem Coca-Kauen befasst.
In dem im Jahr 1961 verfassten Vertrag findet sich nämlich der Passus,
dass innerhalb von 25 Jahren das Coca-Kauen verboten werden muss. Eine
Anforderung, die Bolivien nie umgesetzt hat, ist doch diese Verwendung
der Blätter des Coca-Strauches dort seit Jahrhunderten Tradition.
Die ähnlich wie Lorbeer aussehenden Blätter der Pflanze werden in den
Andenstaaten getrocknet oder fermentiert und anschließend gekaut - oft
unter Beimischung von Kalk. Das darin enthaltene Kokain wirkt leicht
berauschend, unterdrückt das Hungergefühl, soll gegen die Höhenkrankheit
helfen und wird auch bei religiösen Zeremonien oder als simples
Genussmittel konsumiert. Auch Coca-Tees sind in den Geschäften legal
erhältlich. Allerdings zählt Bolivien auch zu den drei Hauptexporteuren
von Kokain. Das solle aber weiter verhindert werden, beteuert Präsident
Morales, es gehe lediglich um den Binnenverbrauch.
Kein Blick in die Zukunft
Bei Undoc ist man dennoch alarmiert. Denn Boliviens Vorgehen könnte
theoretisch Vorbildwirkung haben. Ob die UN Angst hat, dass etwa die
Niederlande dann mit dem Konsum von Cannabis in ihrem Land das gleiche
machen? "Man kann die Zukunft nicht vorhersagen, wir müssen abwarten,
was die Anwälte sagen", meint Pressesprecherin Bannerjee.
Das Drogensekretariat selbst könne jedenfalls nicht aktiv werden. In der
Konvention sind keine Sanktionen für Nichterfüllung von Punkten
vorgesehen. "Die UN-Mitgliedsstaaten sind eigenständig, wir haben auch
keinen Kontakt mit Bolivien aufgenommen. Das könnte nur das
Generalsekretariat in New York machen." (Michael Möseneder, STANDARD-Printausgabe, 30.6.2011)