Auch den letzten Tropfen bewahren

28. Juni 2011, 19:10
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Unter dem Eindruck des Klimawandels stellt sich die Frage nach dem Schutz der kostbaren Ressource Wasser

Robert Spendlingwimmer, Experte am Austrian Institute of Technology (AIT), sucht nach Zukunftslösungen und exportiert einschlägiges Know-how bis in den Irak.

Die Zufahrtsstraße wird gerade geteert, vor dem modernen mehrstöckigen Gebäude mit der Holzfassade werden letzte Bauarbeiten durchgeführt, auch das geplante Wasserbecken auf dem Vorplatz gleicht noch einer Sandgrube.

Von außen lässt sich nur der im Glas der Fensterfront spiegelnde blaue Himmel mit jener Ressource assoziieren, die künftig hier, am Stadtrand der niederösterreichischen Stadt Tulln a. d. Donau, von den Experten des Austrian Institute of Technology (AIT) beforscht wird: dem Wasser. Auch im Gebäudeinneren lässt noch wenig auf das Forschungsobjekt schließen. "Wir sind quasi in eine Baustelle eingezogen", entschuldigt der Geologe und Hydrogeologe Robert Spendlingwimmer den bescheidenen ersten Eindruck, den seine Wirkungsstätte hinterlässt: "Auch die Wasserversuchsanlagen laufen noch nicht wirklich."

Versorgung aufrechterhalten

Die Erkundung und Erschließung sowie der Schutz von Grundwasserressourcen stehen im Zentrum der Wasserforschung am AIT. Auf das Know-how der Experten setzen in Österreich vor allem die Hauptverwalter der Ressource, also Bund, Länder, Kommunen und öffentliche Wasserversorger. Sie wollen beispielsweise wissen, wie sich unter verändertem Klima die Versorgung aufrechterhalten lässt. Jüngst präsentierte das Umweltministerium eine von der Technischen Universität Wien und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik erstellte Studie über Anpassungsstrategien an den Klimawandel für Österreichs Wasserwirtschaft.

Interessenkonflikte möglich
"Wir werden uns auf Grundlage von eigenen Klimaszenarien bis 2030 und 2050 dem Thema widmen", erzählt Spendlingwimmer: "Wir wollen den Einfluss des Klimawandels auf Grundwasserressourcen in sehr konkreten Gebieten mit intensiver Landwirtschaft untersuchen." Denn genau in solchen Gebieten könne es zu großen Interessenkonflikten zwischen Landwirtschaft und Wasserversorgern kommen.

Fehlt der Landwirtschaft künftig Oberflächenwasser zur Bewässerung, werden neue Quellen benötigt, die zugleich nicht die öffentliche Wasserversorgung gefährden sollten. Entsprechendes Gefahrenpotenzial planen die AIT-Wasserexperten im Auftrag des Landes Oberösterreich für das Eferdinger Becken und das Machland zu erheben. Das Projekt steht kurz vor Beauftragung. Das Mühlviertel, von dort stammt Spendlingwimmer, "ist schon jetzt bei der Wasserversorgung ein Mangelgebiet". Wird künftig vermehrt Wasser für die Landwirtschaft benötigt, steigt der Versorgungsdruck. Unter Zugzwang können öffentliche Wasserversorger aber auch durch internationale Vorgaben geraten: "Die EU-Rahmenrichtlinie und die Weltgesundheitsorganisation WHO schreiben nun vor, dass man sogenannte Water-Safety-Plans entwickeln muss", verweist der Experte auf neue Erfordernisse, die an die Hüter des Wassers gestellt werden. Ziel sei, "die Versorgungssicherheit zu erhöhen bzw. die Systeme auf Schwachpunkte hin zu durchleuchten". Sollte eine Wasserquelle etwa kontaminiert sein, sollte es einen Plan B geben.

Um etwaige Engpässe beim Wasser später einmal aufzufangen, kommen nur wenige Ressourcen infrage. Die Tiefengrundwässer müssen aufgrund ihrer relativ schadstoffarmen Eigenschaften der Wasserversorgung vorbehalten sein. "Man muss sich also überlegen, welche Maßnahmen man bei der landwirtschaftlichen Bewässerung setzen kann."

Seen unter Beobachtung

So könnten etwa landwirtschaftliche Nutzpflanzen durch Züchtungen in Bezug auf den Wasserverbrauch optimiert werden. Derlei Ausweichszenarien erproben die AIT-Forscher derzeit bei einem Projekt zum Weinanbau im Traisental.

Doch auch auf europäischer Ebene sind Spendlingwimmer und sein Team von rund 30 Kollegen in eine Reihe von Projekten eingebunden. Im Zuge des Projekts "EU-Lakes" wird derzeit etwa die Stabilität von europäischen Seen unter zu erwartenden klimatischen Veränderungen erhoben. Darunter sind der Gardasee, der Plattensee und der Neusiedler See.

Expertise wird aber auch schon einmal über die europäischen Grenzen hinaus exportiert: Im April hatte Spendlingwimmer den irakischen Umweltminister zu Gast, anschließend wurde eine Zusammenarbeit vereinbart. "Im Irak gibt es Riesenprobleme mit versalzten und degradierten Böden, Abwasserverschmutzung und hohen Belastungen von Grundwässern", erläutert der Experte, der selbst schon einmal ein Jahr im Irak tätig war, die Herausforderungen vor Ort.

Neuartiges Hybridverfahren

In einer ersten Phase will das AIT irakischen Vertretern aus den Ministerien und der kommunalen Verwaltungen mit Trainingsprogrammen zur Seite stehen. Zudem laufen zwei Pilotprojekte in Kurdistan. So sind AIT-Forscher an der Errichtung "des ersten Nationalparks in Kurdistan" beteiligt. Doch "aufgrund beschränkter Kapazitäten" müssten bei Auslandsprojekten auch Schwerpunkte gesetzt werden. Gewisse Grenzen mögen derzeit auch noch der Arbeit der AIT-Forscher in den neuen Labors in Tulln gesetzt sein, doch schon sehr bald soll hier Vollbetrieb herrschen. Dann soll auch ein neuartiges Hybridverfahren, das auf Grundlage von Filtration und elektrochemischer Oxidation auf effiziente Weise Wässer von Medikamentenrückständen und Pestiziden befreien kann, als Prototyp umgesetzt werden.

Dem Abschluss des Umzugs fiebert auch Spendlingwimmer entgegen. Seit knapp 30 Jahren ist er bereits als Wasserexperte für die Institution, die heute AIT heißt, tätig. Vom damaligen Forschungsstandort, dem Wiener Arsenal, zog der heute 63-Jährige bereits nach Seibersdorf um. "Das wird auf jeden Fall mein letzter Umzug gewesen sein", meint er. (Lena Yadlapalli/DER STANDARD, Printausgabe, 29.06.2011)

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    Wenn Wasser knapp wird, könnte es zu Interessenkonflikten zwischen Landwirten und Trinkwasserversorgern kommen, befürchten Forscher.

  • Robert Spendlingwimmer und sein Element: Der Forscher denkt über die Versorgungssicherheit von Trinkwasser nach.
    foto: christian fischer

    Robert Spendlingwimmer und sein Element: Der Forscher denkt über die Versorgungssicherheit von Trinkwasser nach.

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