Stradivaris

Wie Banken sich mit Geigen verführen ließen

Renate Graber, 28. Juni 2011, 17:57

Causa Stradivari: Bank Austria zeigte an - Kreditkunde durfte Geigen selbst schätzen

Wien - Sein Schloss in Niederösterreich ist versilbert, die Geigen sind laut Masseverwalter unauffindbar, seine 16 Kubikmeter in Schachteln und Kisten gelagerten Kameras und Kamerateilen werden gerade geschätzt - er selbst sitzt nach wie vor in der Schweiz in Auslieferungshaft. Die Rede ist von Dietmar M., ehedem einer der bedeutendsten Geigenhändler der Welt, gegen den die Staatsanwaltschaft Wien wegen des Verdachts der Untreue, des gewerbsmäßigen Betrugs und etlicher anderer Delikte ermittelt.

Gläubiger aus aller Welt haben im Konkursverfahren Forderungen von mehr als 100 Mio. Euro angemeldet; 80 Mio. wurden anerkannt, allein auf die österreichischen Banken entfallen fast 30 Mio. Euro. Wie berichtet war der heute 61-Jährige auf den Handel mit wertvollsten Stradivaris spezialisiert, viel lief dabei auf Pump. Einer seiner Kunden war auch die Oesterreichische Nationalbank (OeNB), die eine Stradivari-Sammlung besitzt und schon seit Jahren mit M. prozessiert.

Hohe Schulden hat M., für den die Unschuldsvermutung gilt und der sich laut seinem Anwalt gegen die Auslieferung wehrt, auch bei der Bank Austria angehäuft. Sie hat im Februar Strafanzeige erstattet und sich dem Verfahren als Privatbeteiligte angeschlossen. Laut Anzeige hat die Bank dem Geigenhändler den Ankauf von drei "wertvollen Stradivari-Violinen" finanziert. Die Preise hatten es in sich: Den Wert der 1725 von Antonio Stradivarius gebauten "Leonardo da Vinci" habe M., der sich laut Anzeige "als weltweiter Experte gerierte" mit 3,2 Mio. Dollar beziffert, eine weitere aus dem Jahr 1717 mit zwei Mio. Euro und die 1688 gefertigte Stradivari "ex Derenberg" mit 2,2 Mio. Dollar.

Kunde schätzte selbst

Die Bank vertraute offensichtlich auf die Schätzexpertise ihres Kreditnehmers und machte zwischen 2001 und 2004 genau 4,038 Mio. Euro für ihn locker. Sie sicherte sich dafür das Vorbehaltseigentum an den Instrumenten - vertraute selbige aber sogleich M. an. Denn dieser "verfügte laut eigenen Angaben über die entsprechenden Depots und Verwahrungsmöglichkeiten", wie es in der Anzeige heißt. Im April 2008 stellte die Bank den Kredit fällig - bezahlt wurde nie. Im Herbst 2010 wurde dann das Insolvenzverfahren eröffnet, der Masseverwalter hat im Fall der Bank Austria 5,021 Mio. Euro anerkannt.

Ihre Geigen konnte die Bank nicht verwerten: M. ist der Aufforderung zur Bekanntgabe, "an welchem konkreten Ort" die Geigen verwahrt werden, nicht nachgekommen.

Was die Geschichte nicht einfacher macht: Einzelne Instrumente sind in jeder Hinsicht sehr umstritten. Die Bank hegt den Verdacht, der Händler habe die Instrumente, die ihm ja gar nicht gehörten, weiterverkauft und somit veruntreut. Damit nicht genug, habe er auch noch den Wert der Geigen zu hoch angesetzt. Wobei die Wertfeststellung zumindest unorthodox gewesen sein dürfte.

Aus dem Jahresabschluss der Berliner Gesellschaft des Beschuldigten etwa geht hervor, dass mit Beschluss von 30. Dezember 2009 sieben Streichinstrumente (davon fünf Stradivaris) als Sacheinlage eingebracht wurden. Gesamtwert: sage und schreibe 80 Mio. Euro. Bestimmt wurde der Wert durch Alleingesellschafter M. "in seiner Eigenschaft als Gutachter", heißt es im Jahresabschluss. Die Berliner Gesellschaft wurde später nach Mailand verkauft, Geld dafür floss bis heute angeblich nicht.

Aus dem Gerichtsakt erschließt sich, dass auch die OeNB einige Geigen geschätzt hat - aber auch das lief im Kreis. Laut Anwälten der Bank Austria wurden nämlich auch diese Instrumente von "M. selbst überhöht geschätzt - nur, um Banken zu verleiten, höhere Kredite zu vergeben." (Renate Graber, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2011)

Kommentar posten
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A. Hohenfels
01
sinnlos

was heißt, die finden nichts und die geigen sind verschwunden?
ich habe mit google jetzt gerade einmal 4 minuten gebraucht und DAS gefunden:
http://www.florianleonhard.com/en/notewo... s/view//3/
da bietet ein händler in london eine geige "da vinci 1725" ganz offen zum verkauf an und hat das geschäft von machold gelernt, wie man nachlesen kann. so viele da vinci 1725 wird's ja wohl nicht geben.
es schaut mir eher danach aus:
die banken werden sowieso versichert sein
unsere superpolizei wird zu blöd sein
der staatsanwalt wird nix hakeln wollen
dem masseverwalter wird's wurscht sein
wie sonst würde man sich erklären können, dass das bka für jedes fußketterl eine suchmeldung mit photo herausgibt, und hier genau nix irgendwo zu finden ist.

Süffisant
00
29.6.2011, 12:49
Millionen vergeigt!

Kapitalismus Luege
00
29.6.2011, 12:35
zu hoch bewertet - war das nicht der Auslöser der Sub-Prime Krise?

jetzt haben wir wohl eine Sub-Violine Krise.

Die Bawag hatte damals eine Sub-Picture Krise. Der Flöttl hat ja seine Bilder auch selbst geschätzt.

Und bei den derzeitigen Versteigerungsergebnissen sind die 80 Mio locker drinnen - es gibt einfach zu viel Geld.

Die einen gewinnen im Pyramidenspiel, die kleinen verlieren. Der Geigenhändler war ein kleiner.

parapente
01
29.6.2011, 11:01
Und was macht jetzt der Staatsanwalt

mit den "gutgläubigen" Bankern??

AlexderK
01
29.6.2011, 11:01
tja, der Geigenbau

ich glaube es gibt kein so kleines und überschaubares Gebiet in dem schon so viel gefälscht, kopiert und beschissen wurde.

Der Herr M...... , spielte sich hier als Experte und Gutachter auf. Hatte er denn in Ö überhaupt einen Meistertitel?
In Österreich gibt es zwei gerichtlich vereidete Gutachter für Streich- und Saiteninstrumente. Wie kann es sein dass die OeNB keinen der beiden zu rate zog??
Grob fahrlässig handelten hier die Investoren, es sollte ihnen eine Lehre sein!
Auch allen anderen: Vorsicht beim Instrumentenkauf, holt euch mehrere Meinungen ein! Aber sogar ein Geigenanfänger kann sich das denken, die Nationalbank hat hier wohl wiedermal Freunderlwirtschaft betrieben. Sie (und wir) wird ihr Geld nie mehr wiedersehen...

Peter Pan from Neverland
03
29.6.2011, 09:51
ähnlich:

Meine Mutter hat in der Rechtsabteilung der "Zentralsparkasse" gearbeitet: Kreditnehmer verpfändet Diamanten, die ungeprüft als Sicherheit übernommen wurden. Nach Sicherstellung, da Kredit nicht zurückbezahlt wurde, stellten diese sich als Glas heraus.

Marquis de Sade
 
01
29.6.2011, 08:36

meine 54m² Wohnung ist 1,2mio wert und ich bräuchte noch einen Kredit über läppische 300k. Wie man sieht, bin ich damit bestens überbesichert.

Wo darf ich unterschreiben?

Kontrahent1
00
29.6.2011, 11:42
Ähnlich dachte ich auch,

als ich einen kleinen Kredit mit einer bald fälligen Lebensversicherung im dreifachen Wert besichern wollte.- Die Bawag benötigte trotz schuldenfreiem Grundbesitz auch noch eine Gehaltsabtretung. Hatte wohl nicht die richtigen Seilschaften;-)

M. K. 4
00
15.8.2011, 20:31
..oder schlecht verhandelt?

Marquis de Sade
 
00
29.6.2011, 12:27

na gut... eine stille GV kostet nix und da ich davon ausgehe, dass sie vorhaben ihre Kreditrate zu bedienen, ist auch nix passiert.

Wenns ins Grundboch wollen, is das was anderes...

darkblue2
04
29.6.2011, 07:38

wozu braucht die oenb eine geigensammlung????

?und
00
29.6.2011, 11:26
damit herr nowotny gepflegte hausmusik spielen kann?

grassl
00
29.6.2011, 09:44

anlage, die steigen ja jährlich um ein paar prozente.

darkblue2
00
29.6.2011, 10:27

sagt wer? vielleicht dietmar M.?

grassl
00
29.6.2011, 11:35

m. sicher auch, ja.
die kisten werden gehandelt wie antiquitäten, bilder etc.
die nationalbank streut ihre anlagen. fonds, aktien etc. aber eben auch kunst, geigen ...
ein musiker kann sich die ja schon lange nicht mehr leisten!

darkblue2
00
29.6.2011, 12:17

hier sieht man wieder den alten grundsatz: man soll nur in anlageformen inverstieren, die man kennt. sonst erleidet man schnell schiffbruch. dies hat uns die oenb wieder einmal deutlich vor augen geführt.

hsse_robsi
01
29.6.2011, 07:25

komisch... als "kleiner Mann" könnte man sich sowas nicht erlauben... hoffe die Verantwortlichen wurden fristlos gekündigt (inkl. der Chefetage ;) )!

Gerhard Müller
00
29.6.2011, 06:45
Der Dietmar M. hätte ja die Stradivaris

um jeweils 1 Million verkaufen können, aber lebenslang eine monatliche Servicepauschale von 10.000 € in den Vertrag hineinverhandeln können.

Von Telekom-Unternehmen lernen heißt siegen!

NONE
01
29.6.2011, 00:42

Mir kommt es komisch vor das die Banken dem so viel Geld reinschieben.

Wird hier Geldwäsche betrieben?

Es ist doch klar das das ein Risikogeschäft für die Bank war. Wieso wurde es dennoch getan?

Er sitzt wohl zu Recht, aber was ist mit den Bankstern dahinter?

Manahmanah
00
29.6.2011, 00:40

Es wurde ja auch schon jahrelang gemunkelt, dass die von der OeNB gekauften (und wohl auch von Dietmar M. geschätzten) Streichinstrumente (nicht nur Strads) nicht gerade billig gewesen sein sollen.

ego31
 
01
28.6.2011, 23:46
Ich hab den Artikel zwei Mal gelesen,

weil ich dachte, ich hätte da etwas mißverstanden. Er war wirklich sein eigener Gutachter? Mir fehlen die Worte!

straßenkehrer
02
28.6.2011, 22:21
Schöne Manipulationen -

und wahrscheinlich verrechnet darum die Bank Austria ihren Geschäftskunden viermal im Jahr Manipulationsgebühren.

von Aachen
04
28.6.2011, 21:23
da haben einige gut mitgedacht

Wie kann die Bank auch dem Machold seine eigenen Geigen prüfen lassen. Da sollte doch der zuständige Bänker wegen grober Fahrlässigkeit mitangeklagt werden.

Skeesicks666
02
28.6.2011, 20:58
Als kleiner Kunde....

sperrns dir das Konto, sobald du eine Kreditrate nicht bezahlen kannst.

Aber hier wird noch im grossen Stil Geld nachgeschmissen, bzw. gar nicht hingeschaut.

Too big to fail!

?und
00
28.6.2011, 20:56
im wahrsten sinne vergeigt - den risikomanager oder kreditreferenten habens hoffentlich den marsch geblasen - ich liebe diese klugen banker

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