Causa Stradivari: Bank Austria zeigte an - Kreditkunde durfte Geigen selbst schätzen
Wien - Sein Schloss in Niederösterreich ist versilbert, die Geigen sind laut
Masseverwalter unauffindbar, seine 16 Kubikmeter in Schachteln und Kisten
gelagerten Kameras und Kamerateilen werden gerade geschätzt - er selbst sitzt
nach wie vor in der Schweiz in Auslieferungshaft. Die Rede ist von Dietmar M.,
ehedem einer der bedeutendsten Geigenhändler der Welt, gegen den die
Staatsanwaltschaft Wien wegen des Verdachts der Untreue, des gewerbsmäßigen
Betrugs und etlicher anderer Delikte ermittelt.
Gläubiger aus aller Welt haben im Konkursverfahren Forderungen von mehr als
100 Mio. Euro angemeldet; 80 Mio. wurden anerkannt, allein auf die
österreichischen Banken entfallen fast 30 Mio. Euro. Wie berichtet war der heute
61-Jährige auf den Handel mit wertvollsten Stradivaris spezialisiert, viel lief
dabei auf Pump. Einer seiner Kunden war auch die Oesterreichische Nationalbank
(OeNB), die eine Stradivari-Sammlung besitzt und schon seit Jahren mit M.
prozessiert.
Hohe Schulden hat M., für den die Unschuldsvermutung gilt und der sich laut
seinem Anwalt gegen die Auslieferung wehrt, auch bei der Bank Austria angehäuft.
Sie hat im Februar Strafanzeige erstattet und sich dem Verfahren als
Privatbeteiligte angeschlossen. Laut Anzeige hat die Bank dem Geigenhändler den
Ankauf von drei "wertvollen Stradivari-Violinen" finanziert. Die Preise hatten
es in sich: Den Wert der 1725 von Antonio Stradivarius gebauten "Leonardo da
Vinci" habe M., der sich laut Anzeige "als weltweiter Experte gerierte" mit 3,2
Mio. Dollar beziffert, eine weitere aus dem Jahr 1717 mit zwei Mio. Euro und die
1688 gefertigte Stradivari "ex Derenberg" mit 2,2 Mio. Dollar.
Kunde schätzte selbst
Die Bank vertraute offensichtlich auf die Schätzexpertise ihres Kreditnehmers
und machte zwischen 2001 und 2004 genau 4,038 Mio. Euro für ihn locker. Sie
sicherte sich dafür das Vorbehaltseigentum an den Instrumenten - vertraute
selbige aber sogleich M. an. Denn dieser "verfügte laut eigenen Angaben über die
entsprechenden Depots und Verwahrungsmöglichkeiten", wie es in der Anzeige
heißt. Im April 2008 stellte die Bank den Kredit fällig - bezahlt wurde nie. Im
Herbst 2010 wurde dann das Insolvenzverfahren eröffnet, der Masseverwalter hat
im Fall der Bank Austria 5,021 Mio. Euro anerkannt.
Ihre Geigen konnte die Bank nicht verwerten: M. ist der Aufforderung zur
Bekanntgabe, "an welchem konkreten Ort" die Geigen verwahrt werden, nicht
nachgekommen.
Was die Geschichte nicht einfacher macht: Einzelne Instrumente sind in jeder
Hinsicht sehr umstritten. Die Bank hegt den Verdacht, der Händler habe die
Instrumente, die ihm ja gar nicht gehörten, weiterverkauft und somit veruntreut.
Damit nicht genug, habe er auch noch den Wert der Geigen zu hoch angesetzt.
Wobei die Wertfeststellung zumindest unorthodox gewesen sein dürfte.
Aus dem Jahresabschluss der Berliner Gesellschaft des Beschuldigten etwa geht
hervor, dass mit Beschluss von 30. Dezember 2009 sieben Streichinstrumente
(davon fünf Stradivaris) als Sacheinlage eingebracht wurden. Gesamtwert: sage
und schreibe 80 Mio. Euro. Bestimmt wurde der Wert durch Alleingesellschafter M.
"in seiner Eigenschaft als Gutachter", heißt es im Jahresabschluss. Die Berliner
Gesellschaft wurde später nach Mailand verkauft, Geld dafür floss bis heute
angeblich nicht.
Aus dem Gerichtsakt erschließt sich, dass auch die OeNB einige Geigen
geschätzt hat - aber auch das lief im Kreis. Laut Anwälten der Bank Austria
wurden nämlich auch diese Instrumente von "M. selbst überhöht geschätzt - nur,
um Banken zu verleiten, höhere Kredite zu vergeben." (Renate Graber, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2011)