Griechenland droht auf den Status "eines verarmten Drittweltlandes" zurückzufallen
Griechenland droht auf den Status "eines verarmten Drittweltlandes" zurückzufallen, wenn es sich nicht ändert.
Dies sagen nicht arrogante Deutsche oder Österreicher, sondern eine Gruppe
griechisch-stämmiger Wirtschaftswissenschafter - darunter ein Nobelpreisträger-,
die in den USA und Europa lehren. Der Appell der Wirtschaftsweisen richtet sich
ebenso an die verrottete politische Klasse wie an den griechischen "kleinen
Mann" von der Straße, der sich auch in einem unhaltbaren System eingerichtet
hat. Dies sei "die letzte Chance für Griechenland, sich zu modernisieren",
warnen die Ökonomen.
In diesen Tagen entscheidet sich, ob die Griechen diese Chance ergreifen, ob
sie die Verantwortungslosigkeit auf allen Seiten - vom rechtsnationalen
Oppositionsführer Antonis Samaras bis zu den kommunistischen Gewerkschaften -
abschütteln können.
Es fällt aber auch eine Vorentscheidung darüber, was aus der EU wird.
Der Leitgedanke der Europäischen Union ist es, durch immer mehr Annäherung,
Angleichung und Kooperation eine höhere Ebene zu erreichen, in der das Ganze
mehr ist als die Summe seiner Teile. Ein vereintes Europa ist einfach besser als
die alte Uneinigkeit. Die vielbeschriebenen "Streitereien" in der EU, die am
Ende aber doch immer zu einem Kompromiss führen, sind nichts anderes als eine
sublimierte Form der nationalen Auseinandersetzungen, wie sie in den
Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts Europa zerrissen. Es wird wohl keinen
Krieg mehr geben - aber auch ohne Krieg war das Europa der nationalen Egoismen,
der Abschottung und Nichtkoordinierung schlicht und einfach ein viel tristerer,
perspektivloserer Ort als heute.
Die darunterliegende Idee war es, die wirtschaftlich schwächeren Länder, aber
auch die neueren Demokratien durch die Vorteile des größeren Marktes und der
(lockeren) Abstimmung der Politik allmählich an die stärkeren und älteren
Demokratien anzugleichen: wirtschaftlich wie auch in der Qualität der
politischen Kultur.
Das hat auch großteils funktioniert. Jenseits allen rechtspopulistischen
Geschreis hat auch Österreich eindeutig profitiert (was Strache als "Euro-Zone"
will, wäre das alte Großdeutschland mit Satelliten wie den Niederlanden) . Die
EU ist die große integrative Kraft in Europa. Und sie will es weiter sein.
Kroatien ist ein Beitrittskandidat mit vielen Schwächen vor allem in der
politischen und rechtsstaatlichen Kultur.
Und nun kommt Griechenland, bereits seit 1981 Mitglied (länger als
Österreich!), und zeigt, dass es den Beitritt nicht zur Modernisierung nutzte
und jetzt dank einer verantwortungslosen Finanzpolitik den Rest mitzureißen
droht.
So war das irgendwie nicht gedacht. Aber ein solcher noch nie dagewesener
Prozess der Einigung kann nicht ohne Krisen ablaufen. Die einzige Frage ist, ob
Europa stark genug ist, diese Krise zu bewältigen. Die Antwort lautet:
"Wahrscheinlich schon", aber genau kann man es nicht wissen. Sicher ist nur,
dass es ein Unglück sondergleichen wäre, sollte das nicht gelingen. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2011)