Raiffeisen International-Chef Herbert Stepic warnt vor falschen Hoffnungen
Warum das Modell der "Wiener Initiative" höchstens im Ansatz auf
Griechenland übertragen werden kann: Banker-Warnung vor falschen Hoffnungen und
ein Drei-Punkte-Plan zur Abwendung des Staatsbankrotts.
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Seit einigen Tagen vertreten führende Repräsentanten der EU und einzelner
Gläubigerländer Griechenlands die Meinung, dass sich private Gläubiger - also im
Wesentlichen Banken, Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds - freiwillig
an der Rettungsaktion für das Land beteiligen sollten. In diesem Zusammenhang
wird gerne die "Wiener Initiative" genannt, die während der Finanzkrise zur
Unterstützung der Länder Zentral- und Osteuropas (CEE) entstanden ist. Die
mittlerweile breite Diskussion dieses Ansatzes ist erfreulich, belegt sie doch
den Erfolg der Aktion. Allerdings kann die Verwendung des Begriffs zu falschen
Schlüssen führen: Österreichs Banken haben kaum griechisches Staatsrisiko in
ihren Büchern, das Institut, für das ich stehe, gar keines. Letztendlich
unterscheiden sich die Ausgangssituationen gewaltig, weshalb es mir als
"Geburtshelfer" der Initiative wichtig ist, die Unterschiede zwischen damals und
heute zu erläutern.
Die "Wiener Initiative" wurde auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Ende 2008 /
Anfang 2009 gegründet. An der von mir angeregten ersten Sitzung nahmen die
größten in CEE vertretenen westlichen Bankengruppen teil. In Folge kamen
supranationale Organisationen wie die Bank für Wiederaufbau und Entwicklung
(EBRD) oder der Internationalen Währungsfonds (IWF) und Vertreter aus der
Politik hinzu. Ziel war es, eine Plattform für alle am Krisenmanagement in CEE
involvierten Akteure zu schaffen. Damit sollte ein koordiniertes Vorgehen gegen
die Krise ermöglicht und ein Flächenbrand in der Region verhindert werden.
Dass dieses Ziel erreicht wurde, lag neben der überschaubaren Zahl der
Beteiligten vor allem an deren festen Überzeugung, dass 20 Jahre Aufbauarbeit
und Demokratisierungsprozess seit dem Fall des Eisernen Vorhangs durch
gemeinsame Anstrengungen abgesichert werden mussten. Ein weiterer Grund lag in
der Verpflichtung der westlichen Banken, ihr Engagement in CEE
aufrechtzuerhalten und sich nicht aus der Region zurückzuziehen. Meines
Erachtens hätte es dieser Verpflichtung gar nicht bedurft. Schließlich basierte
das Engagement der beteiligten Banken auf langfristigen strategischen
Überlegungen.
Was unterscheidet nun das heutige vom damaligen Szenario? In CEE handelte es
sich damals um ein akutes Liquiditätsproblem, eine kurzfristige und relativ
überschaubare Finanzierungslücke aufgrund des zeitweilig zum Erliegen gekommenen
Interbankenmarkts.
Die Initiative war im Kern, was die privaten Beteiligten betrifft, ein
starkes Bekenntnis der Eigentümer zu ihren Tochterunternehmen in der Region.
Ganz im Gegensatz zu Griechenland waren jedoch die Probleme nicht chronisch und
wurden durch die Auflagen der "Wiener Initiative" in weiterer Folge behoben. Das
grundlegende Problem Griechenlands, die Struktur- und Wettbewerbsschwäche, kann
jedoch nicht alleine durch eine rasche Schuldenrestrukturierung oder gar
zusätzliche Finanzmittel behoben werden.
Aus meiner Sicht gibt es drei Lösungskomponenten zur Vermeidung des
Staatsbankrotts mit all seinen Auswirkungen auf das Land, die Eurozone und
letztendlich die Weltwirtschaft:
1.) Die langfristige Streckung der griechischen Verbindlichkeiten, und
zwar bei privaten Gläubigern auf freiwilliger Basis. Eine zwangsweise
Beteiligung, so das rechtlich überhaupt darstellbar wäre, würde nämlich umgehend
zu stark steigenden Finanzierungskosten und damit gravierenden Problemen bei
Ländern wie Irland und Portugal führen, also wohl mehr Schaden als Nutzen
verursachen. Hier müsste allerdings im Vorfeld eine Einigung mit den
Ratingagenturen erfolgen, die bereits anklingen ließen, dass sie eine
freiwillige Laufzeitverlängerung als "selektiven Zahlungsausfall" werten würden,
was kontraproduktiv für diesen Lösungsansatz wäre.
2.) Die konsequente Privatisierung von staatlichem Eigentum: Dadurch
flösse einerseits Geld in die Staatskasse (rund 50 Milliarden Euro sind bis 2015
realistisch), andererseits könnten damit die dringend notwendigen
Effizienzsteigerungen von Staatsbetrieben endlich angegangen werden.
Griechenland muss auch seine Militärausgaben nachhaltig senken: Sieben
Milliarden Euro pro Jahr oder mehr als drei Prozent des BIPs passen nicht ins
heutige Umfeld.
3.) Die Umsetzung eines neuen Wachstumsmodells durch Strukturreformen
wie Bürokratieabbau, Förderung von Selbständigkeit und Unternehmertum sowie
Abbau von Wettbewerbsbeschränkungen: Das wären auch Voraussetzungen dafür,
vermehrt private Investoren ins Land zu bringen und die Wirtschaftsentwicklung
weiter voranzutreiben. Die Finanzierung müsste aus den EU-Kohäsions- und
Strukturfonds kommen, und zwar durch rasche Übernahme staatlichen Eigentums, das
dann langfristig zu verwerten wäre. Dadurch käme es dann zu einer massiven
Entschuldung des Staates.
Griechenland steht nahe am Abgrund, ein Absturz des Landes hätte
weitreichende Folgen. Ein neues Lösungsmodell ist gefragt, aber einen Aspekt der
"Wiener Initiative" sollte man in jedem Fall beherzigen: Nur rasches,
entschiedenes und konzertiertes Handeln kann zum gewünschten Ergebnis führen. (Herbert Stepic, Kommentar der anderen, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2011)
HERBERT STEPIC, Jg. 1946, ist Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank
International AG.