"Wiener Initiative": Griechenland-Rettung nach Osteuropa-Rezept ist illusionär

Kommentar der anderen | 28. Juni 2011, 17:33

Raiffeisen International-Chef Herbert Stepic warnt vor falschen Hoffnungen

Warum das Modell der "Wiener Initiative" höchstens im Ansatz auf Griechenland übertragen werden kann: Banker-Warnung vor falschen Hoffnungen und ein Drei-Punkte-Plan zur Abwendung des Staatsbankrotts.

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Seit einigen Tagen vertreten führende Repräsentanten der EU und einzelner Gläubigerländer Griechenlands die Meinung, dass sich private Gläubiger - also im Wesentlichen Banken, Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds - freiwillig an der Rettungsaktion für das Land beteiligen sollten. In diesem Zusammenhang wird gerne die "Wiener Initiative" genannt, die während der Finanzkrise zur Unterstützung der Länder Zentral- und Osteuropas (CEE) entstanden ist. Die mittlerweile breite Diskussion dieses Ansatzes ist erfreulich, belegt sie doch den Erfolg der Aktion. Allerdings kann die Verwendung des Begriffs zu falschen Schlüssen führen: Österreichs Banken haben kaum griechisches Staatsrisiko in ihren Büchern, das Institut, für das ich stehe, gar keines. Letztendlich unterscheiden sich die Ausgangssituationen gewaltig, weshalb es mir als "Geburtshelfer" der Initiative wichtig ist, die Unterschiede zwischen damals und heute zu erläutern.

Die "Wiener Initiative" wurde auf dem Höhepunkt der Finanzkrise Ende 2008 / Anfang 2009 gegründet. An der von mir angeregten ersten Sitzung nahmen die größten in CEE vertretenen westlichen Bankengruppen teil. In Folge kamen supranationale Organisationen wie die Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) oder der Internationalen Währungsfonds (IWF) und Vertreter aus der Politik hinzu. Ziel war es, eine Plattform für alle am Krisenmanagement in CEE involvierten Akteure zu schaffen. Damit sollte ein koordiniertes Vorgehen gegen die Krise ermöglicht und ein Flächenbrand in der Region verhindert werden.

Dass dieses Ziel erreicht wurde, lag neben der überschaubaren Zahl der Beteiligten vor allem an deren festen Überzeugung, dass 20 Jahre Aufbauarbeit und Demokratisierungsprozess seit dem Fall des Eisernen Vorhangs durch gemeinsame Anstrengungen abgesichert werden mussten. Ein weiterer Grund lag in der Verpflichtung der westlichen Banken, ihr Engagement in CEE aufrechtzuerhalten und sich nicht aus der Region zurückzuziehen. Meines Erachtens hätte es dieser Verpflichtung gar nicht bedurft. Schließlich basierte das Engagement der beteiligten Banken auf langfristigen strategischen Überlegungen.

Was unterscheidet nun das heutige vom damaligen Szenario? In CEE handelte es sich damals um ein akutes Liquiditätsproblem, eine kurzfristige und relativ überschaubare Finanzierungslücke aufgrund des zeitweilig zum Erliegen gekommenen Interbankenmarkts.

Die Initiative war im Kern, was die privaten Beteiligten betrifft, ein starkes Bekenntnis der Eigentümer zu ihren Tochterunternehmen in der Region. Ganz im Gegensatz zu Griechenland waren jedoch die Probleme nicht chronisch und wurden durch die Auflagen der "Wiener Initiative" in weiterer Folge behoben. Das grundlegende Problem Griechenlands, die Struktur- und Wettbewerbsschwäche, kann jedoch nicht alleine durch eine rasche Schuldenrestrukturierung oder gar zusätzliche Finanzmittel behoben werden.

Aus meiner Sicht gibt es drei Lösungskomponenten zur Vermeidung des Staatsbankrotts mit all seinen Auswirkungen auf das Land, die Eurozone und letztendlich die Weltwirtschaft:

1.) Die langfristige Streckung der griechischen Verbindlichkeiten, und zwar bei privaten Gläubigern auf freiwilliger Basis. Eine zwangsweise Beteiligung, so das rechtlich überhaupt darstellbar wäre, würde nämlich umgehend zu stark steigenden Finanzierungskosten und damit gravierenden Problemen bei Ländern wie Irland und Portugal führen, also wohl mehr Schaden als Nutzen verursachen. Hier müsste allerdings im Vorfeld eine Einigung mit den Ratingagenturen erfolgen, die bereits anklingen ließen, dass sie eine freiwillige Laufzeitverlängerung als "selektiven Zahlungsausfall" werten würden, was kontraproduktiv für diesen Lösungsansatz wäre.

2.) Die konsequente Privatisierung von staatlichem Eigentum: Dadurch flösse einerseits Geld in die Staatskasse (rund 50 Milliarden Euro sind bis 2015 realistisch), andererseits könnten damit die dringend notwendigen Effizienzsteigerungen von Staatsbetrieben endlich angegangen werden. Griechenland muss auch seine Militärausgaben nachhaltig senken: Sieben Milliarden Euro pro Jahr oder mehr als drei Prozent des BIPs passen nicht ins heutige Umfeld.

3.) Die Umsetzung eines neuen Wachstumsmodells durch Strukturreformen wie Bürokratieabbau, Förderung von Selbständigkeit und Unternehmertum sowie Abbau von Wettbewerbsbeschränkungen: Das wären auch Voraussetzungen dafür, vermehrt private Investoren ins Land zu bringen und die Wirtschaftsentwicklung weiter voranzutreiben. Die Finanzierung müsste aus den EU-Kohäsions- und Strukturfonds kommen, und zwar durch rasche Übernahme staatlichen Eigentums, das dann langfristig zu verwerten wäre. Dadurch käme es dann zu einer massiven Entschuldung des Staates.

Griechenland steht nahe am Abgrund, ein Absturz des Landes hätte weitreichende Folgen. Ein neues Lösungsmodell ist gefragt, aber einen Aspekt der "Wiener Initiative" sollte man in jedem Fall beherzigen: Nur rasches, entschiedenes und konzertiertes Handeln kann zum gewünschten Ergebnis führen. (Herbert Stepic, Kommentar der anderen, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2011)

HERBERT STEPIC, Jg. 1946, ist Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank International AG.

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18 Postings
Warentester
01
29.6.2011, 18:18

Eine unsere lieben Provinzbankster glänzt wieder vorbildlich mit seiner Unwissenheit, Inkompetenz und geistigen Beschränktheit. Seine Selbstzufriedenheit kann sich ja eigentlich nur daraus ableiten, das er ganz offensichtlich nicht einmal wahrnimmt, wie er sich blamiert, wenn er den Mund aufmacht. Andererseits, warum sollte er auch: Jeder Fehler dieser Clique (und davon machen sie eine Menge) wird ja großzügig mit Steuergeld ausgebügelt. Null Risiko, immer Sonnenschein. Eigentlich wäre diese Statements ja besser als jede Kabarett, wenn man sie nicht so teuer mit seinen Steuergeld bezahlen müsste.

Toxo Logic
 
01
29.6.2011, 17:29

Wenn ich mir da die Kursentwicklung vom EUR zum CHF anschaue und an die vielen Frankenkredite denke, die im Osten von den österreichischen Banken verkauft wurden, dann sollte der Herr RI-Chef den Mund nicht so voll nehmen, denn das nächste Ansuchen um Staatshilfen ist vielleicht gar nicht so weit.

mikromalist
 
00
29.6.2011, 16:15
IMO, sind Punkt 2 und 3 korrekt.

GR habe insgesamt EUR 300 Mrd an öffentlichen Assets, habe ich gelesen.
Aber ein Schuldner, der flach ist, kann nicht 17% Zinsen zahlen und auch noch besichern?
Auch nicht gestreckt?
Das ist Wucher, sorry.
Und ich bin sicher Experten könnten hier Convertibles konstruieren, die zB Punkte 2 und 3 mit bedienten?
Eine pfiffige Hilfe für GR würde gleichzeitig das Image der Finanzwirtschaft verbessern?

Ein linker Verteidiger des prinzipiellen Finanzsystems,

Karl Krammer
00
29.6.2011, 16:54
Griechenland zahlt 5% für 7,5jährige EFSF-Anleihen

gesenkt von 6% auf 5% heuer im März. Kann man sicher argumentieren, daß selbst das noch sehr viel ist, aber 17% sind es bei weitem nicht. Wären es vielliecht, wenn Griechenland versuchen würde, Anleihen am Markt zu platzieren, aber das haben sie ja aus guten Gründen nicht gemacht, das wäre tatsächlich sinnlos.

mikromalist
 
00
29.6.2011, 17:10
Danke für die Präzisierung!

Ob das so bleibt, hängt von 2 und 3 ab?

Peter_23
02
29.6.2011, 13:13
Selber Wein trinken, aber Wasser predigen.

Kapitalismus Luege
00
29.6.2011, 12:21

wir sind die Guten, haben alles im Griff.

und die anderen die Bösen, haben nichts im Griff.

und weil bei uns ja alles so super ist, sind wir auch nicht herabgestuft worden. - die haben sich verrechnet, weil der Nowotny hat auch alles im Griff.

wie schön

franz der freie
 
02
29.6.2011, 08:54
ri hat vor einigen wochen 900 millionen euro der önb umgehängt.

und damit dem steuerzahler. schön, dass hr. stepic nun aus dem schneider ist. das wiener modell angewendet in der ukraine, wurde nur von den griechischen banken verraten. die haben sich nicht daran gehalten und sofort ihr ganzes geld abgezogen und die anleihen verramscht. nicht, dass mir die raiffeisen leid täte, aber nun müssen sie den verräter auch noch unterstützen, der sie im regen stehen gelassen hat.

edurkheim
02
29.6.2011, 08:16
Das Problem bei Griechenland (und den anderen PIGS) ist einfach dass sie seit 30 Jahren Misswirtschaft betreiben und das nicht vorübergehender Zustand ist.

ino
01
29.6.2011, 05:52
jetzt ist es zu spät

die banken haben mit der wiener initiative nicht nur betrieben um die demokratie in osteuropa zu erhalten, sondern schon v.a. wegen ihrer dort getätigten investitionen, die sie nicht abschreiben wollten.

wie so oft ein koordinierungsproblem: wenn eine bank anfängt, sich zurückzuziehen geben die preise dort nach und es wird für die anderen ungemütlich. also machen sie verbindlich aus, dort zu bleiben.

ähnliches hätte man bei griechenland machen können, als die gr. schulden noch mehrheitlich in privaen händen waren. aber jetzt gehört der meiste krempel bald uns steuerzahlern (über die ezb, die eu, bilateral).

man wird die profiteure anders an den kosten beteiligen müssen (höhere gewinnsteuern, tobin tax,...)

De schdadisdig is a hund
02
28.6.2011, 18:42
Das am System etwas fundamental faul ist,

läßt sich allein schon daran ablesen, dass ein Land mit nebbichen 1.5 % der Wirtschaftsleistung Europas selbiges und die ganze Weltwirtschaft zum Einsturz bringen könnte.

naihoit
00
29.6.2011, 09:51
Das ist aber nicht ein Problem Griechenlands,

sondern aller anderen EU-Staaten bzw. des "Systems".

lessismore
03
28.6.2011, 22:56

Ja, und der Grund dafür ist, daß man sich gegen Zahlungsausfälle versichern kann ... solange es keine gibt, denn ansonsten werden die Versicherer schnell zahlungsunfähig. Es ist ein geniales System mit einem klitzekleinen systemischen Mangel ...

edurkheim
01
29.6.2011, 17:41

Das stimmt und seit der Subprime-Krise wird verlangt dass CDS real hinterlegt sein müssen - aber die Politik hat da keine Regeln erlassen.

Und das fällt uns jetzt auf den Kopf weil das Volumen auf CDS für Griechenland war letztes Jahr noch gar nicht so groß das ist er heuer explodiert.

her wig
01
29.6.2011, 10:34
Es sind keine Versicherungen sondern Wetten,

wenn jemand auf einen Zahlungsausfall wettet, muss jemand anderer dagegen wetten. Ein Nullsummenspiel dass mit Wirtschaft nur insofern zu tun hat, als dass ein Casino auch ein Wirtschaftsbetrieb ist.

papperlapapp78
00
28.6.2011, 17:56
wär doch schade wenn das so gedruckt wird. ;-)

papperlapapp78
00
28.6.2011, 17:54
zur info: " ...warnt vor falchen Hoffnungen"

Carlos Alberto Valderrama Palacio
01
28.6.2011, 19:53
"für weitere informationen und

mögliche nebenwirkungen wenden sie sich an ihren bankster oder politiker!"

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