Mit Beschränkung brillant

29. Juni 2011, 07:00
92 Postings

Vier Forscher, eine Kellnerin und gelegentliche Besuche weiblicher Wissenschaftsbrillanz - Das Fernsehauge sah "The Big Bang Theory"

Dr. Leonard Leakey Hofstadter, Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper, Dr. Rajesh Ramayan Koothrappali und M.Eng. Howard Wolowitz sind die aktuellen Helden für alle (verkannten) Genies, Nerds und StreberInnen. In "The Big Bang Theory" versammeln sich die vier Forscher, die ihre Pubertät und nun auch ihre Mittzwanziger vorwiegend der Wissenschaft widmen. Allen voran Sheldon, der sich als theoretischer Physiker und Universaltheoretiker besonders auf sein Dasein als Comic-Nerd und Spitzenforscher reduziert. Konsequenterweise will der zwanghafte Sheldon mit den kleinsten Veränderungen ebenso wenig umgehen wie mit zwischenmenschlichen Interaktionen, die er weder mit seinem anthropologischem, psychologischem noch soziologischem Wissen erklären kann. Auch auf seine Mitstreiter passt das Klischee des sozial ungelenken Wissenschaftlers perfekt, wobei Sheldon hierbei den Prototypen gibt.

Müttersöhnchen mit Macho-Schale

Der Mangel an sozialer Kompetenz ist bei Sheldons Physiker-Kollegen Leonard am wenigsten stark ausgeprägt. Die Unfähigkeit in diesen Belangen zeigt sich hingegen beim Raumfahrtingenieur Howard Wolowitz wie auch beim Astrophysiker Rajesh Ramayan, kurz Raj, vor allem in Bezug auf Frauen in voller Blüte: Howard gibt das unter einer schmierigen Macho-Schale steckende Muttersöhnchen und Raj bringt in Gegenwart des anderen Geschlechtes nur unter Alkoholeinfluss ein Wort zustande. Nüchtern muss er sich in Anwesenheit von Frauen über Flüstereien in eines der Ohren seiner Freunde verständigen. Eigentlich ist das für Raj auch kein Problem, denn Frauen kommen weder in der Arbeit der Vier, noch als Mentorinnen, als bewunderte Pionierinnen oder Comicheldinnen vor.

Ohne Titel, ohne Nachname

Allerdings weiß die blonde Nachbarin von Leonard und Sheldon allein aufgrund ihres "Frau-seins" die Gruppe aufzumischen. Ohne Doktortitel und auch ohne Nachnamen besetzt Penny die dauerhafte Frauenrolle. Sie ist Kellnerin, die eine Schauspielerin sein möchte, chaotisch, ständig pleite und bis zu ihrer Beziehung mit Leonard eher auf muskelbepackte Männer ohne jegliches Interesse an Wissenschaft fokussiert. Sie selbst kann sich weder für Physik noch für Ingenieurwissenschaften erwärmen, dafür aber für Spagettiträger-Tops und Shorts. Wenngleich die Stereotypenpalette bei Penny durch ordentlichen Alkoholkonsum oder ihrem rücksichtslosem Fahrstil doch etwas gebrochen wird, bildet sie dennoch das Gegenstück zur Rationalität der vier Forscher. Sie geht höchst emotional und spontan mit ihren Schwierigkeiten um, sehr zum Gefallen von Leonhard, der in sie verknallt ist.

Unbeirrt falsch liegen

Die Arbeits- und Kompetenzteilung ist in "The Big Bang Theory" klar. Emotionale Arbeit samt "emotionaler Intelligenz" ist Pennys Revier, um komplexe Fragen über das Universum kümmern sich die Burschen. Damit dieses Bild nicht zu penetrant wird, gibt es dankenswerterweise sporadische Auftritte weiblicher Wissenschaftsbrillanz, entweder von Leonhards Mutter Beverly Hofstadter, Neurologin und fachkundig in jeglichen psychoanalytischen Belangen. Oder von Dr. Leslie Winkle, ebenfalls Physikerin und beinahe-Freundin von Leonhard. Sie stehen in ihrem forscherischem Ehrgeiz und in ihrer Distanz zu den profanen Dingen des Lebens Sheldon & Co um nichts nach. Auch die Rückgriffe auf Männlichkeits-Attribute der früher 70er von Wolowitz für romantische Missionen machen Spaß. Mit übergroßen Gürtelschnallen, engen Hosen und knalligen Farben wirft er stets erfolglos mit Schlüpfrigkeiten um sich. Und obwohl damit gar nichts klappen will, bleibt er dennoch unbeirrt seinem Stil treu.

Mehr Streberinnen und weniger Penny-Fleischbeschau täten der Serie allerdings gut, davon zeugen die Folgen mit Leslie Winkle und Beverly Hofstadter. Ansonsten überzeugt die Serie durch einen guten Schmäh und die ständige Gschaftelhuberei in der Serie vermittelt sogar das eine oder andere Wissenswerte. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 29. Juni 2011)

Info

Derzeit auf ORF 1, Samstag 16:25 Uhr und 16:50 Uhr

  • Dr. Leonard Leakey Hofstadter und Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper.
    foto: cbs

    Dr. Leonard Leakey Hofstadter und Dr. Dr. Sheldon Lee Cooper.

Share if you care.