Amnestie galt nicht für Völkermord
Phnom Penh - Vor dem Völkermordtribunal in Kambodscha
haben die Ankläger die Forderung des ehemaligen Rote-Khmer-Kaders
Ieng Sary nach Freilassung vehement zurückgewiesen. Der
Ex-Außenminister ist wie drei weitere Überlebende aus der
Führungsriege des Terrorregimes unter anderem wegen Völkermordes,
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.
Seine Anwälte argumentierten am Dienstag, Ieng sei schon einmal
verurteilt und 1996 begnadigt worden. "Das war eine gültige
Amnestie", sagte Iengs Anwalt Michael Karnavas aus den USA am
Dienstag vor Gericht.
"Die Amnestie galt nicht für Völkermord und andere
Anklagepunkte,
die damals noch nicht vorgebracht worden waren", sagte Staatsanwalt
William Smith. Ieng war in einem umstrittenen Schauprozess unter
vietnamesischer Besatzung in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden.
Die Begnadigung war seine Bedingung dafür, den Untergrundkampf der
noch aktiven Roten Khmer aufzugeben und die Waffen zu strecken.
1,8 Millionen Tote
Das Gericht entscheidet über die Anträge der Verteidiger in den
kommenden Wochen. Die eigentlichen Eröffnungsplädoyers beginnen erst
im August oder September.
Mehr als 32 Jahre nach dem Ende der Rote Khmer-Terrorherrschaft
hatte am Montag der Prozess gegen die vier Drahtzieher begonnen,
neben Ieng Sary (85) auch dessen Frau, Sozialministerin Ieng Thirith
(79) sowie der damaligen Chefideologe Nuon Chea (84) und den
Ex-Staatschef Khieu Samphan (79). Sie vertraten das Regime, das in
seinem Wahn, eine utopische Bauerngesellschaft zu schaffen, zwischen
1975 und 1979 mehr als 1,8 Millionen Menschen in den Tod trieb.
Bürgerkrieg, Tauziehen der damaligen Weltmächte und Widerstand der
kambodschanischen Regierung hatten verhindert, dass die
Verantwortlichen eher zur Rechenschaft gezogen werden. Die
Angeklagten weisen die Vorwürfe zurück.
Nuon Chea, damals Stellvertreter von Regimechef Pol Pot, hatte
die
Anhörung am Montag unter Protest verlassen. Sein Anwalt warf dem
Gericht Begünstigung der Ankläger vor und der Regierung
Einflussnahme. Pol Pot war 1998 unbehelligt gestorben. (APA)