Boreout: Zu Tode gelangweilt

15. Juli 2011, 15:43
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Boreout ist das Gegenteil von Burnout - Chronische Unterforderung kann zu negativem Stress führen

"Ich hab abends schon ein Grauen vor dem nächsten Tag, wenn ich daran denke, dass ich mir wieder acht Stunden irgendwie um die Ohren schlagen muss." - Solche und ähnliche Aussagen sind in diversen Internetforen zu lesen. Geschrieben von Menschen, die am Arbeitsplatz chronisch unterfordert, gelangweilt und desinteressiert sind. Sie leiden am Gegenteil von Burnout, nämlich an Boreout.

Das ist zwar keine Diagnose, aber mit dem Begriff "Boreout" haben die Schweizer Buchautoren Philippe Rothlin und Peter R. Werder ("Diagnose Boreout", "Die Boreout-Falle") der beruflichen Unterforderung und deren Folgen vor einigen Jahren einen Namen gegeben. Gekoppelt damit sind Verhaltensweisen, die das ungewollte Nichtstun kaschieren sollen. Das aber führt zu einem Gefühl von Leere, Bedeutungslosigkeit, Sinnlosigkeit und Selbstzweifel. Die Autoren betonen, dass Boreout nicht gleich Faulheit ist: "Wer unterfordert ist, will arbeiten, aber das Unternehmen lässt ihn nicht."

"Irgendwas muss halt passieren, denn ich werde zunehmend unzufrieden." - Auch das ist im Diskussionsforum zu lesen. Ist es wirklich so schlimm, wenn man für's Nichtstun auch noch bezahlt wird? "Wir wissen von der Stressforschung, dass nicht nur Überlastung sondern auch eine zu geringe Belastung Stresssymptome auf psychischer und körperlicher Ebene hervorruft", erklärt Irene Lanner, Arbeitspsychologin beim AMD - Zentrum für gesundes Arbeiten in Salzburg.

Wenn Menschen darüber klagen schlecht zu schlafen, ängstlicher zu sein, sich zurückzuziehen, Konflikte mit Kollegen auszutragen oder einfach keinen Spaß mehr an der Arbeit zu haben, könnten das Anzeichen für ein Boreout sind. Auch Symptome wie gesteigertes Suchtverhalten, Magen-Darm-Probleme, aggressive oder depressive Phasen sowie ein verändertes Essverhalten können auf eine chronische Unterforderung hinweisen.

"Ich würde liebend gerne mehr für mein Geld tun." - Eine weitere Aussage im Forum. Wer aus Langeweile zum dritten Mal denselben Vorgang wiederholt, für den verliert die Arbeit die Sinnhaftigkeit. "Manche Mitarbeiter erzählen, dass sie immer wieder dieselbe Tätigkeiten machen, oder dass die monotone Arbeit sie langweilt, weil sie ganz andere Fähigkeiten und Talente mitbringen - sie fühlen sich fehl am Platz", so Lanner. Denn: Wenn man zu wenig zu tun hat, nehmen Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit ab. "Für optimale Leistung ist ein gewisser positiver Stress notwendig", erläutert Lanner. Spitzenleistungen kann nur vollbringen, wer konzentriert und mit wachem Geist bei der Arbeit ist. 

"Aus Langeweile gehe ich ins Internet oder spiele Mahjong oder sowas." - Klage eines chronisch Unterforderten im Onlineforum. Tatsächlich ist aus Umfragen immer wieder erkennbar, dass sich ein gar nicht so geringer Teil der arbeitenden Bevölkerung unterfordert fühlt: Laut einer StepStone-Umfrage aus dem Jahr 2009 geht es 39 Prozent der deutschen Manager so, bei einer etwas älteren Befragung für Saraly.com und AOL gaben 33 Prozent der Arbeitnehmer an, nicht genug zu tun zu haben. Um die Zeit irgendwie zu überbrücken und trotz Langeweile beschäftigt zu wirken wird im Internet gesurft, der nächste Urlaub geplant oder über der Rätselseite der Zeitung gebrütet. "Aber auf Dauer wird es fad, immer nur zu konsumieren", so die Psychologin.

"In meinem Job merke ich zusehends, dass das, was über Beamte gesagt wird, oft auch zutrifft - nämlich dass sie den ganzen Tag Däumchen drehen." - Gibt es Arbeitnehmer, die besonders gefährdet sind, ein Boreout zu bekommen? Die Schweizer Buchautoren gehen davon aus, dass Menschen mit Schreibtisch-Jobs und Computerarbeit eher von Unterforderung betroffen sind als andere. Plausibel sei das auch in Staatsbetrieben, in denen die Arbeitsstrukturen eher aufrecht erhalten werden als in der Privatwirtschaft.

Lanner hat die Erfahrung gemacht, dass es "den Beamten, der einen Akt von rechts nach links schupft", so nicht mehr gibt. Die Anforderungen haben sich verändert, die Mitarbeiter sind aufgrund des Aufnahmestopps im Staatsdienst ausgelasteter. Sie beobachtet Boreout vor allem bei gut ausgebildeten Facharbeitern, die in ihrem Bereich keinen Job finden und deshalb eine Arbeit annehmen, von der sie unterfordert sind. Außerdem bei Mitarbeitern von Firmen, denen plötzlich Aufträge wegbleiben. 

"Ich muss wirklich um meine Arbeit kämpfen, denn wenn ich nicht aufpasse, bleibt mir nichts mehr übrig." - Was tun, wenn man - so wie die zitierten Teilnehmer des Diskussionsforums - von Unterforderung geplagt ist? Zuerst sollte man für sich selbst Ursachen und Perspektiven eruieren: Gibt es Möglichkeiten, sich im Betrieb weiter zu entwickeln? Kann ein Gespräch mit dem Chef weiterhelfen? Lanner rät, das Problem anzusprechen und transparent zu machen. Das kann zu Aufstiegschancen, neuen Projekten oder zumindest zur Aushilfe in anderen, überlasteten Abteilungen führen. Der nächste Schritt wäre, einen Jobwechsel in Erwägung ziehen. Klappt auch das nicht, sollte man zumindest die Freizeit so gestalten, dass man einen Sinn darin findet.

Übrigens: Optimal ist der Mittelweg zwischen Über- und Unterforderung - die Herausforderung. Das ist dann der Fall, wenn sich die Anforderungen des Arbeitsplatzes gut mit den eigenen Fähigkeiten decken. Zur Zufriedenheit im Job tragen außerdem Faktoren wie ein gewisser Handlungsspielraum, ein gutes soziales Klima und das Gefühl, im Betrieb wachsen und lernen zu können, bei. (Maria Kapeller, derStandard.at, 15. Juli 2011)

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    Langeweile und Desinteresse: Wer im Job unterfordert ist, täuscht einfach vor, ausgelastet zu sein.

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