Neuer Generaldirektor der FAO: José Graziano da Silva
Legte man auf die Weltbevölkerung um, was José Graziano da Silva in Brasilien geschafft hat, sähe die Bilanz für 2015 folgendermaßen aus: die Unterernährung von Kindern wäre um 73 Prozent gesenkt, die Hälfte der aktuell einer Milliarde Hungernden fände täglich drei Mahlzeiten auf dem Teller und jedes Land würde 0,4 Prozent seines BIPs für den Kampf gegen Hunger aufwenden.
Der am Sonntag gewählte neue Generaldirektor der Welternährungsbehörde (FAO) - mit 191 Mitgliedsstaaten die größte UN-Organisation - hat in seinem Heimatland beispiellose Erfolge bei der Umsetzung seines Programms "Fome Zero" ("Null Hunger" ) erzielt. Gemeinsam mit seinem engen Freund, dem damaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, begann der Sozialökonom und Agrarprofessor, der extremen Armut in Brasilien den Kampf anzusagen.
2003 holte Lula den Experten als außerordentlichen Minister für Lebensmittelsicherheit in sein Kabinett, ab 2004 stand Graziano da Silva dem neu geschaffenen Ministerium für soziale Entwicklung und Kampf gegen den Hunger vor. 44 Millionen Brasilianer wurden mit dem Programm erreicht, 30 Millionen Menschen haben in sechs Jahren die Armut überwunden. Der mit 195 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Staat Südamerikas wurde zum Vorreiter im Kampf gegen den Hunger.
Der in den USA geborene Sohn brasilianischer Eltern hat sich schon vor seiner Politkarriere die Menschenwürde zur Aufgabe gemacht: In São Paulo erhielt er seinen Mastertitel für die Arbeit über gerechte Einkommensverteilung, bevor er promovierte und Postdoc-Studien in Kalifornien und London abschloss. Danach wurde er Professor für Agrarökonomie und publizierte 25 Bücher über die Probleme der ländlichen Entwicklung, Infrastruktur und Selbstversorgung als Maßnahme gegen Lebensmittelknappheit.
Der heute 61-Jährige wurde 2006 Regionalvertreter der FAO für Lateinamerika und die Karibik und damit Vize des seit 17 Jahren amtierenden Direktors Jacques Diouf aus Senegal. Der hinterlässt seinem Nachfolger eine Reihe unvollendeter Reformen innerhalb der Organisation, die angesichts steigender Lebensmittelpreise, Bevölkerungswachstums und Klimawandels immer mehr Bedeutung erlangt hat. "Lasst uns nach vorn blicken und unserer Organisation neues Leben und Energie einhauchen" , war in der Bewerbung Grazianos für den Posten zu lesen. (Julia Herrnböck/DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2011)