Doppelter Klassenkampf?

Paul Lendvai, 27. Juni 2011, 18:40

In den meisten von der Finanzkrise besonders stark betroffenen Ländern bahnt sich eine Art von doppeltem "Klassenkampf" an

Vor vielen Jahren sagte Bruno Kreisky, die österreichische Sozialpartnerschaft sei ein "sublimierter Klassenkampf". Die Interessenvertreter setzen sich am grünen Tisch auseinander und nicht mittels Streiks und Demonstrationen.

In den meisten von der Finanzkrise besonders stark betroffenen Ländern, vor allem in Griechenland und auch in Portugal, bahnt sich nun eine Art von doppeltem "Klassenkampf" - nach innen und nach außen - an. Die Griechen haben das Vertrauen verloren, dass ihre Regierung und die EU-Institutionen außer einem lähmenden, deflatorischen Sparprogramm auch noch eine Perspektive zu bieten haben. Die erhöhte Bereitschaft zur Gewalttätigkeit ist ein besorgniserregendes Zeichen, dass das soziale Gefüge der Gesellschaft zu zerfallen droht, weil die Verteilung von Besitz und Status zu immer größerer Ungleichheit führt, weil die Menschen mitten in der Krise (freilich nicht nur in Griechenland) fühlen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Es stimmt, dass rund 17 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Griechenlands im Staatsdienst beschäftigt sind; doch mussten bereits fast alle Schichten, von den Rentnern bis zu den Beamten, Kürzungen hinnehmen. Andererseits weisen deutsche Experten auf die gewaltige "Obstruktionsmacht gewerkschaftlicher Organisationen" hin und zitieren einen Weltbankbericht, die Investitionsbedingungen in Griechenland seien wie in Papua-Neuguinea!

Zugleich warnte der angesehene Athener Ökonom Loukas Tsoukalis, dass bei einer Arbeitslosenrate von 16 Prozent das politische System die Legitimität verlieren könnte und Populisten, die auch über die Landesgrenzen hinweg Sündenböcke suchen, Hochsaison haben. Sie behaupten immer lauter, dass vor allem "die Deutschen" , aber auch die reichen EU-Staaten die Verantwortung für den drohenden Staatsbankrott trügen.

Das sich verstärkende Gefühl, Opfer im europäischen Ring zu sein, produziert einen Hass, der immer mehr nach außen projiziert wird - im Fall Griechenlands (11 Millionen Einwohner) bereits seit Jahrzehnten vor allem auf den kleinen Nachbarn Mazedonien (zwei Millionen Einwohner). Auf beiden Seiten werden Feindbilder geprägt. Mazedonien ist nicht bereit, weiterhin den 1995 von Athen erzwungenen Namen "Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien" zu tragen. Die griechische Seite wiederum blockiert seit Jahren sowohl Mazedoniens Beitritt zur Nato wie auch die Eröffnung der Verhandlungen über einen EU-Beitritt, weil man befürchtet, dass dies vor allem die Integrität der gleichnamigen griechischen Nordprovinz gefährden könnte.

Es geht freilich nicht nur um die Identitätskrise der Griechen. Man darf nicht vergessen, dass 25 Prozent der Bewohner Mazedoniens Albaner sind, die ihrerseits die Einweihung eines 15 Meter hohen Denkmals für Alexander den Großen in Skopje, der mazedonischen Hauptstadt, als fragwürdigen Beweis für die nationale Selbstbehauptung der Mehrheit ansehen. - Die von der Griechenlandkrise ausgehenden Infektionsgefahren sind die Folge der Handlungsunfähigkeit des politischen Personals - nicht nur in Athen, sondern in ganz Europa. (Paul Lendvai, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2011)

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Kommentar posten
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Fritz Richter
00
28.6.2011, 18:22
was soll das?

Jetzt mal im Klartext: was passiert im worst case: GR geht voll pleite. Und? haben damit unsere Altvorderen nicht mehrmals fertig werden müssen zwischen WK1 und 2? Und, sie haben überlebt! Sicher nicht mit Sahnehäubchen, Sekt und Kaviar. Aber ... Überlebt!!!!

Ich bin der Meinung...
00
29.6.2011, 21:29
Es gibt recht viele

die den 1. WK oder 2. WK NICHT überlebt haben.
Tun Sie also nicht so, wie wenn ein bisserl ein Krieg oder Bürgerkrieg gar nicht so schlimm wäre....

Simplicius Simplicissimus
01
28.6.2011, 18:18
Wenn jemand ...

... unter falschen Vorgaben einen Kredit erhält und nicht bedienen kann, ist das Betrug oder Krida. Weshalb werden die falschen Daten, die Griechenland vor Beitritt zum Euro vorlegte, nicht thematisiert? Griechenland hat in betrügerischer Absicht Vorteile zu erlangen versucht und muss dafür belangt werden. Oder gilt Recht nicht mehr? Hebt die Grenzen auf und verteilt das Land.

Rent a Democracy
01
28.6.2011, 17:19
Frage zum Verständnis:

Hält Lendvai es etwa für "Klassenkampf", wenn irgendwelche Hetzer die Griechen in der gegenwärtigen Situation gegen die Deutschen oder Mazedonier aufwiegeln? Vor allem der ganze Zusammenhang, der da in Bezug auf Mazedonien erläutert wird hat doch mit Klassenkampf überhaupt nichts zu tun.

Hörmann
11
28.6.2011, 13:50
Thema verfehlt

Was hat die Finanzkrise mit der Krise in Griechenland zu tun?

supersepp
27
28.6.2011, 10:48
ich seh da nix doppelt

das ist einfach imf, rating-agenturen und die banken gegen die bevölkerung. da hat sich nix verändert. ausser, das vielleicht klar geworden ist das die europäische politik klar auf der seite der banken steht.

Querlenker
31
28.6.2011, 09:08
25% Albaner in Mazedonien???

Aus welcher Quelle wurde diese utopische Zahl "entnommen"?

K. K. Lacke
02
28.6.2011, 11:16
http://de.wikipedia.org/wiki/Maze... e_Struktur

"64,18 Prozent bezeichnen sich als ethnische Mazedonier. In absoluten Zahlen sind das 1.297.981 Personen. Die größte Minderheit ist die albanische Volksgruppe, die vor allem in der Westhälfte des Landes lebt. Sie stellt 25,17 % der Gesamtbevölkerung (absolute Zahl: 509.083 Personen)."

Anteile bezogen auf den Zensus von 2002

Johann Most
15
28.6.2011, 09:44

und wer sind sie, dass sie diese zahl einfach ohne begründung vom tisch wischen?

Querlenker
00
28.6.2011, 16:29
Wer?

...einer der 9+2 zusammen Zählen kann und in RM lebt.

Diese Zahl ist veraltet (wie richtig angegeben vom ersten User der mich zitierte), neue Schätzungen liegen vor, selbst Albanische Gruppierungen sprechen von nicht mehr als 15%.

Als Anhaltspunkt könnten auch die Wahlergebnisse der letzten zwei Parlamentswahlen und der letzten Kommunalwahl dienen.

Ein weiteres Problem ist, das etliche dieser Minderheit sowohl einen MK, als auch einen albanischen und Kosovarischen Pass besitzen.

Deswegen spricht man in Makedonien auch davon, dass man mit der Einführung der neuen Biometrischen Personalausweise "diesen alten Fehler ausbügeln will".

Abwarten, Tee trinken, eigentlich hätten wir anstatt Wahlen eine Zählung haben sollen...

Kapitalismus Luege
01
28.6.2011, 07:11
hat der Praktikant einen Artikel zusammengestutzt

oder hab' ich was überlesen/ nicht verstanden?

santa fe
 
517
28.6.2011, 06:54
renta basica

der soziale friede droht sich in sein gegnteil zu verwandeln, und der grund ist die verarmung von 90% zugunsten von 10%. das ist neofeudalismus und keine demokratie mehr.

wenn demokratie sich nicht weiterentwickelt und auf neue gesellschaftliche gegebenheiten mit entsprechenden neuen konzepten reagiert, fällt sie vor ihre entstehung zurück. noch gilt arbeitslosigkeit als schuld und schande, obwohl allen klar ist, dass es aufgrund der eskalierenden elektronischen automatisierung keine vollbeschäftigung mehr geben kann. das fügt der armut menschenrechts-verachtung hinzu.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle,

national/global.

neue meldung: erste BGE - demonstrationen in spanien: renta basica.

wer wenn nicht er
23
28.6.2011, 10:26
"dass es aufgrund der eskalierenden elektronischen automatisierung keine vollbeschäftigung mehr geben kann."

Sorry, aber diese Behauptung steht seit 200 Jahren im Raum:

Plan A: Stürmen Sie doch einen Traktor und gehen Sie anschließend mit der Hand Getreide ernten!!

Plan B: Nehmen Sie die Preissenkungen durch Automatisierung mit Freude zu Kenntnis und geben Sie das ersparte Geld für andere Dinge aus. Schon wird es in gleichem Ausmaß Arbeit geben. Nur dass Sie nicht mehr als Knecht im Stall neben der Kuh schlafen weil vor leuter Landarbeit keiner Zeit hat, ein Haus zu bauen, sondern dass Sie nun ein Haus, ein Auto, eine U-Bahn, medizinische Vollversorgung und Altersversorgung haben.

Was wird wohl passieren, wenn die Automatisierung wie in den vergangenen 200 Jahren fortschreitet:

A: Arbeitslosigkeit,

B: Mehr Wohlstand?

Fritz Richter
00
28.6.2011, 18:23
perspektive

Ja, aber da sprechen sie taube Ohren an. Das will niemand so sehen... leider!

Lupus67
13
28.6.2011, 11:42

den ganzen tollen fortschritt können sich aber die armen immer weniger leisten, weil die reichen das kapital und den gewinn maximal auf sich konzentrieren, und vor lauter gier nicht einmal mehr die brotkrumen fallen lassen, die sie bisher aus angst vor dem kommunismus abgegeben haben.................sind sie wirklich der meinung dass ehrliche arbeit in österreich auch ehrlich entlohnt wird?

wenn das der fall wäre, hätten nicht die größten zocker ihr vermögen trotz wirtschaftskrise noch weiter steigern können auf kosten der allgemeinheit.
dann hätten die banken nicht unsummen gewinn machen können und millionen an boni auszahlen können, obwohl sie sich überall verspekuliert haben.

wer wenn nicht er
32
28.6.2011, 13:11
".sind sie wirklich der meinung dass ehrliche arbeit in österreich auch ehrlich entlohnt wird?"

Ja.

Falls Sie anderer Meinung sind sollten Sie Job wechseln.

Sie können sich übrigens auch selbständig machen wenn Sie meinen, dass Unternehmer sich eine goldene Nase an Ihrer Arbeitskraft verdienen. Die Regeln sind hierzu für alle gleich.

Wer sind übrigens Ihre "größten Zocker", die soviel verdient haben?

Klar, wer vor der Krise Aktien hatte, verlor in der Krise und hat nun alles wieder zurück. Und?

Hat ein Unternehmer "gezockt" wenn sein Unternehmen heute mehr wert ist als vor der Krise?

Lupus67
00
28.6.2011, 18:08

die zocker sind nicht jene, die sich langfristig aktien erwerben und ein unternehmen somit stützen, sondern jene die blitzschnell auf den aktien- und anderen märkten kapital binden und (abgesprochen) wieder freisetzen, um ganze unternehmen und staaten zu ruinieren, übernehmen und selbst maximale gewinnen zu machen.

und das unternehmerargument zählt nicht, solange es in sehr vielen berufen ein ausgeklügeltes proporz-system und korrupte politiker gibt, die dieses stützen.

wer wenn nicht er
00
Einmal angenommen, jemand setzt darauf dass Griechenland seine Schulden nicht mehr zahlen kann

Dann würde er also Staatsanleihen verkaufen. Der Preis am Anleihenmarkt sinkt.

Er verkauft mit immer höheren Verlusten. Schließlich folgen ihm ein paar Lemminge. Der Kurs sinkt weiter.

Nun KAUFT der Spekulant wieder griechische Anleihen. Der Kurs steigt wieder.

Sowas kommt tatsächlich immer wieder vor.

Aber unter uns: Das funktioniert nur, wenn es tatsächlich verdammt gute reale Argumente gibt, weshalb
- Griechenland ausfallen
- Öl knapp werden
- der USD sinken
- der Franken steigen
könnte usw.

Im Fall von Griechenland hat ganz Europa (auch hier im Standardforum) lauthals darüber diskutiert, dass man die Schulden nicht mehr zurück zahlen sollte. Welcher Bankangestellter sollte in dieser Situation griechische Anleihen kaufen?

Lupus67
00
28.6.2011, 18:04

die ausbeuter leugnen die tatsachen so lange, bis sich die massen wieder erheben.

die ignoranz und präpotenz, mit der von den reichen deren ausbeutung und anwachsen des reichtums auf kosten der mehrheit geleugnet wird, spottet ja seit schüssel jeder beschreibung.

hier sind auch sachargumente völlig sinnlos, weil jede statistik das beweist, aber hartnäckigst von dieser klasse geleugnet und für falsch erklärt wird.

gott sei dank regen sich ja in spanien und griechenland bereits strömungen, die diesen abzockern ein (hoffentlich jähes und schreckliches) ende bereiten werden.

K. K. Lacke
33
28.6.2011, 13:28
ihre Fragen klingen so naiv daß ich mich wirklich frage

ob sie entweder SELBST zu den 10% gehören, die über 60% aller Vermögen besitzen

oder ob sie nur keine Ahnung von dem haben was sie hier schreiben

wenn sie meinen daß "Arbeit fair entlohnt wird" haben sie OFFENSICHTLICH nicht mitbekommen, daß gerade die "Standortsicherung" in Österreich dahingehend funktioniert hat, daß Unternehmen und Finanz(besitz)eliten entlastet wurden, während der Großteil des Steueraufkommens über Massensteuern eingehoben wird

wer hat nun Geld verzockt? die Politik

wer hat davon profitiert? die Banken und einige Wohlhabende

wer darf die KOSTEN decken? die Masse der Bevölkerung durch Steuern die gerade die unteren und untersten Einkommen belasten

zu schwer für sie?

wer wenn nicht er
00
29.6.2011, 08:51
Ihnen ist aber schon klar, dass im Grunde egal ist wo die Steuern eingehoben werden, weil am Ende IMMER der einzelne Bürger dafür zahlt

Wenn z.B. ein Mechaniker Ihr Auto repariert, zahlen Sie von dem was auf der Rechnung steht bis zu dem was der Mechaniker Netto bekommt, locker 70% Steuern:

MWSt, Lohnnebenkosten, Sozialabgaben, Lohnsteuer, Steuern auf Kapitalertrag.

Auf dieser Strecke ist völlig egal, ob die Steuer als MWSt auf der Rechnung, als Abgaben auf dem Lohnzettel, oder in den arbeitgeberseitigen Abgaben auf Unternehmerseite steht:

Wenn alle Werkstätten all diese Belastungen zu zahlen haben, werden auch die Preise entsprechend so sein, damit dennoch alle Kosten (egal ob für Kapital, Arbeit oder Boden) mit ortsüblicher Bezahlung abgegolten werden.

Fritz Richter
00
28.6.2011, 18:26
Geh...

Und wer hat ihre "Zocker" gewählt? Bitte auf die eigene Nase schauen- wir Bürger!!!
Fremdschuldzuweisungen sind psychopathisch, das wissen sie schon, oder?

K. K. Lacke
01
28.6.2011, 11:19
A wie Arbeitslosigkeit

seit Kreisky gibt es keine Vollbeschäftigung mehr

die Löhne und Gehälter sind in den letzten Jahren nicht gestiegen

wo genau ist also dieser Wohlstand den die Automatisierung bedinge? oder meinen sie damit das Niveau von "Wohlstand" das wir vor ca 30 Jahren erreicht haben, und von dem wir uns nun wieder konstant entfernen?

wer wenn nicht er
13
28.6.2011, 13:03
Na na

In den vergangenen 30 Jahren stieg die Erwerbsquote MASSIV an. Damit stieg das Volkseinkommen auch deutlich.

Vor 30 Jahren gingen Männer arbeiten und Frauen waren hatten den Hausfrauenjob inklusive Kinderbetreuung, Altenpfege etc. - OHNE Lohn.

Meine Mutter musste z.B. ihren Job kündigen als meine Oma zum Pflegefall wurde. Pflegegeld? Null. Gehalt? Null.

Man kann schon über viel jammern. Aber zu behaupten, dass die Österreicher in den 30 Jahren um nichts reicher geworden wären, ist a bisserl verzerrte Wahrnehmung.

Einfach pro Person statt pro Arbeitnehmer rechnen, dann sieht man den Anstieg.

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