Waschen oder füttern, für beides reicht die Zeit nicht

27. Juni 2011, 18:26
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Die Altenpflege ist teils so schlecht, dass sie einer "Missachtung der Menschenrechte" gleichkommt, kritisieren Behörden

Sozialausgaben für alte Menschen sollen aber weiter gekürzt werden.

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Die Auswirkungen auf das Pflegesystem könnten "vernichtend" sein, warnte die NGO Age UK Research amMontag, sollte die Regierung ihre Sparpläne durchziehen. Age UK Research hat ausgerechnet, dass 2011 das Sozialbudget für Menschen über 65 um acht Prozent gekürzt werden wird. Bereits jetzt sei das System aber kurz vor dem Zusammenbruch.

Die ambulante Pflege von alten Menschen, die noch zu Hause wohnen, etwa ist so schlecht, dass sie einer "Missachtung ihrer Menschenrechte" gleichkommt, steht in einem neuen Report über die Altenpflege, die die halbstaatliche Gleichstellungsbehörde "Equality and Human Rights Commission" in Auftrag gab. Laut Untersuchung haben manche Pflegeorganisationen so wenig Zeit für ihre Schutzbefohlenen - in einigen Fällen nur 15 Minuten am Tag -, dass die alten Menschen zu wählen hatten, ob sie entweder gefüttert oder gewaschen werden wollten. Der Report listet eine Reihe von systematischen Vernachlässigungen auf. Eine Patientin musste für 17 Stunden im Bett bleiben, bei anderen wurde die verschmutzte Bettwäsche tagelang nicht gewechselt.

Es ist nicht immer böser Wille des Personals, sondern oft ein Mangel an Ressourcen, der zu den Missständen führt. In Großbritannien ist die Altenpflege die Aufgabe der Kommunen, die aber aufgrund der massiven staatlichen Ausgabenkürzungen immer weniger Geld haben.

Auch wer im Krankenhaus versorgt wird, muss sich sorgen. Ein weiterer kürzlich erschienener Report der "Care Quality Commission" fand heraus, dass in einigen Krankenhäusern die Pflege von alten Menschen in krasser Weise vorgeschriebene Standards verletzt. In einem Spital musste ein Doktor einer Patientin erst Wasser verschreiben, damit sie genug zu trinken bekam. Anderen Patienten wurde zwar eine Mahlzeit ans Bett gestellt, aber das Personal hatte keine Zeit, ihnen beim Essen zu helfen. Selbst Gesundheitsminister Andrew Lansley sprach von einem "entsetzlichen Niveau der Pflege" .

Im Jahr 2000 kam es zu einem nationalen Aufschrei, als der Fall von Jill Baker bekannt wurde. Die 67-jährige Krebspatientin las auf ihrem Krankenblatt das Kürzel "DNR" . Es stand für "do not resuscitate" - nicht wiederbeleben - und war dort ohne ihr Wissen und allein aufgrund ihres Alters eingetragen worden. Baker alarmierte die Organisation "Age Concern", und innerhalb von wenigen Tagen kamen hunderte von ähnlichen Fällen ans Licht.

Noch diese Woche wird das britische Gesundheitsministerium einen Bericht über die Betreuung todkranker Menschen in Großbritannien präsentieren - die große Lücken haben soll. (Jochen Wittmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2011)

  • Nur 15 Minuten pro Tag verbringen manche Pfleger bei jenen alten Menschen, die sie zu Hause betreuen. Großbritanniens Alten-Verbände warnen vor weiterenVerschlechterungen.
    foto: standard/heribert corn

    Nur 15 Minuten pro Tag verbringen manche Pfleger bei jenen alten Menschen, die sie zu Hause betreuen. Großbritanniens Alten-Verbände warnen vor weiterenVerschlechterungen.

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